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StartseiteInterview"Schäden sind sehr schwer in den Griff zu bekommen"18.11.2019

Restaurator zu Venedig-Hochwasser"Schäden sind sehr schwer in den Griff zu bekommen"

Die Dramatik eines Hochwassers wie aktuell in Venedig bestehe vor allem darin, dass es zu nachhaltigen Schäden an Baudenkmälern führe, sagte der Restaurator Sven Taubert im Dlf. Sie würden nicht nur durch das Wasser verursacht, sondern auch durch Luftfeuchte, Salze und Schimmel.

Sven Taubert im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Hochwasser in Venedig: Auch der Markusdom hat Schäden abbekommen. (imago images / Sergio Agazzi)
Hochwasser in Venedig: Auch der Markusdom hat Schäden abbekommen. (imago images / Sergio Agazzi)
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Tobias Armbrüster: Venedig stand jetzt tagelang unter Wasser, Hochwasser. Wir haben vor einer halben Stunde von unserer Korrespondentin in Italien gehört, dass die Menschen in Venedig jetzt richtig aufatmen, weil die Pegelstände seit gestern wieder zurückgehen. Der Markusplatz lässt sich wieder betreten, ohne nasse Füße zu kriegen. Aber jetzt beginnen natürlich die Aufräumarbeiten, die Reparaturen, und was da auf Venedig zukommt, das können wir jetzt besprechen mit dem Dresdener Restaurator Sven Taubert. Er kennt Venedig und er hat in den vergangenen Jahren viel Erfahrung gesammelt bei der Restaurierung eines Klosters an der Neiße, das im Jahr 2010 ebenfalls überschwemmt worden war. Schönen guten Morgen, Herr Taubert.

Sven Taubert: Einen recht schönen guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Taubert, wenn wir solche alten Gemäuer sehen, so wie jetzt in Venedig in den letzten Tagen, in denen plötzlich das Wasser steht, was ist an dieser Situation eigentlich so gefährlich? Das Wasser geht ja meistens nach ein paar Tagen wieder zurück und alles trocknet, könnte man meinen.

Taubert: So ist es. Hochwasser prinzipiell ist immer verbunden mit einer gewissen Dramatik – in erster Linie für die Menschen, die darin wohnen, die Häuser nutzen, die damit stark verbunden sind, deren Lebensumfeld sie darstellen. Aber eine weitere Dramatik tut sich natürlich besonders auf, wenn es sich dabei um Baudenkmale handelt, um Denkmale unseres Kulturerbes, oftmals von unschätzbarem Wert, oftmals einmalig. Wasser, Hochwasser ist in dieser Beziehung natürlich eine zunächst mal einmalige Schädigungsquelle. Aber die Dramatik besteht darin, dass dieses Wasser wirklich zu lang anhaltenden, zu nachhaltigen Schäden auch an Gebäuden führt und auch in der Zeit danach zunächst erst mal Entfeuchtung und fortschreitende Schadensprozesse durch Schimmel etc. sehr schwer in den Griff zu bekommen sind.

"Diese Dinge sind schwierig zu reparieren"

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Armbrüster: Herr Taubert, können Sie uns das etwas genauer erklären? Was genau geht da kaputt an alten Steinen, an alten Mauern, wenn das Wasser reinkommt?

Taubert: Wasser setzt sich grundsätzlich in der Regel dann auch in den Porenräumen gerade von mineralischen Baumaterialien fest, dringt ein und bleibt dann auch eine ganze Weile dort, was dazu führt, dass zunächst erst mal bauschädliche Salze, die in den Bauwerken selber, in den Mauerwerken, in den Putzen fein verteilt per se enthalten sind, verteilt werden, mobilisiert werden, verteilt werden und dann in der Folgezeit beim Abtrocknen wieder aufkonzentriert werden und dort an den Oberflächen die bekannten Schäden verursachen, die auch jeder von uns schon irgendwo irgendwann mal gesehen hat: Salzrasen, Salzflaum, mit den entsprechenden Zerstörungen der darauf liegenden, teilweise sehr wertvollen Wandmalereien.

Armbrüster: Und kann man so etwas dann reparieren?

Taubert: Diese Dinge sind schwierig zu reparieren, mitunter auch ganz schwer abzureichern. Es geht ja auch darum, diese Salzpotenziale wieder aus den Mauerwerken herauszunehmen, herauszubekommen, zu reduzieren, so dass keine fortschreitenden Schäden entstehen. Das ist ein schwieriger und auch ein sehr komplexer Prozess, bei dem auch die Expertisen von Fachleuten gefragt sind.

Armbrüster: Jetzt mal abgesehen von alten Mauern, alten Steinen – welche Materialien in solchen Gebäuden sind denn außerdem besonders gefährdet?

Taubert: Wir sprechen immer von Baudenkmalen und ihren Ausstattungen. Das ist ein sehr allgemeiner Begriff. Ausstattungen in dem Fall sind baufeste Ausstattungen wie zum Beispiel eingebaute Gestühle, etwa in den Kirchen von Venedig, auch andernorts, aus Holz. Das können aber auch textile Wandbespannungen sein, die man nicht von der Wand wegnehmen kann. Aber es sind auch mobile Ausstattungsobjekte wie Mobiliare, wie Gemälde, Skulpturen. In den Kirchen sind es die Altäre, die oftmals aus sehr unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt sind, so dass wir eine Vielzahl von Schadensprozessen an ganz unterschiedlichen Materialgruppen bearbeiten müssen.

Schäden durch Wasser und anhaltende Luftfeuchte

Armbrüster: Muss denn ein Gegenstand tatsächlich mit dem Wasser in Berührung gekommen sein? Oder hat auch schon die steigende Luftfeuchtigkeit da Auswirkungen?

Taubert: Das ist eine sehr gute Frage und genauso ist es eigentlich auch. Es sind oftmals wasserberührte Oberflächen und Objekte, die zunächst mal ganz offensichtliche Schäden zeigen. Aber es sind dann die peripheren oder die nachfolgenden Schäden, die durch anhaltende Luftfeuchte, erhöhte Luftfeuchte, extrem erhöhte Luftfeuchte eintreten, wie zum Beispiel das Schimmelwachstum, was in der Regel dann in geschlossenen Räumen wirklich grassiert und in den Griff zu bekommen ist. Auch wieder schwierig, weil man eigentlich geneigt ist, erst mal gegenzutrocknen, ganz bewusst die Luftfeuchte aus dem Raum herauszubekommen, was aber auch wieder Auswirkungen hat bei zu schneller Trocknung auf etwa das Arbeiten von Holz, das extrem schwindet und schrumpft mit den entsprechenden Oberflächenschäden, die dann dort zu erwarten sind. Eine sehr komplexe Konstruktion letztlich, die man vorliegen hat und die man meist auch interdisziplinär betrachten muss, so dass nicht nur ein Restaurator in solchen Fällen zum Einsatz kommt, sondern ein ganzes Expertenteam, das sich untereinander abstimmt, um dann letztlich zu einer geeigneten Methode oder zu einer geeigneten Technik zu kommen.

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Armbrüster: Herr Taubert, jetzt haben wir es ja in Venedig mit einer kompletten Stadt zu tun. Viele Leute würden das wahrscheinlich als ein einziges großes Museum beschreiben, diese Stadt. Wie können wir uns das vorstellen, diese Restaurierungsarbeiten, die da jetzt losgehen? Werden da jetzt hunderte von Restauratoren nach Venedig kommen und in den kommenden Monaten versuchen, zu retten was zu retten ist?

Taubert: Ich persönlich gehe davon aus, dass Venedig ja nicht – leider, muss man sagen – das erste Mal vom Hochwasser betroffen ist. Es ist fast eine Regelmäßigkeit eingetroffen und man könnte sagen, dass es für die Einheimischen schon zur Normalität gehört, für die Verantwortlichen für entsprechendes Kunstgut und wertvolle Ausstattungen dort auch. Dennoch ist Venedig natürlich ein Symbol dessen, was weltweit zu verzeichnen ist und ansteht, nämlich eine zunehmende Dichte, auch zeitliche Dichte an solchen Schwerwetter-Ereignissen. Und da braucht es neue Konzepte, auch viel mehr ausgerichtet vielleicht auf Priorisierung, dass man davon ausgehen muss, nicht mehr eine große Breite an Objekten retten zu wollen in dieser zeitlichen Dichte, sondern zu priorisieren und zu sehen, was kommt als erstes dran, was ist uns am wertvollsten oder steht uns am nächsten und was ist vielleicht nachgeordnet dann zu behandeln und zu betreuen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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