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StartseiteBüchermarktHimmelhoch steigend und abgestürzt19.04.2020

Reto Hänny "Sturz"Himmelhoch steigend und abgestürzt

Das Comeback des Jahres: Der Schweizer Schriftsteller Reto Hänny hat mit "Sturz" einen großen Roman vorgelegt - die Quintessenz seines literarischen Schaffens, eine berauschende Geschichte über die Schwierigkeit erwachsen zu werden.

Von Enno Stahl

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Buchcover: Reto Hänny: „Sturz“ (Buchcover: Matthes & Seitz Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Reto Hänny fasst sein Leben und seine Arbeit zusammen (Buchcover: Matthes & Seitz Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
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Der Autor Reto Hänny, geboren 1947, hatte bereits mit seinem 1979 bei Suhrkamp erschienenen Erstlingswerk "Ruch" Aufmerksamkeit erregt. Sein stark poetisierter Bericht "Zürich. Anfang September" über die dortigen Jugendunruhen 1980 war ein großer Erfolg. Hänny selbst war im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten eingekesselt, niedergeprügelt und ins Gefängnis geworfen worden. Dann aber brachte man ihn noch in derselben Nacht wegen Verdachts auf Schädelbasisbruch ins Krankenhaus. Sein Text über diese Erfahrungen sollte zunächst im Magazin des Tages-Anzeigers erscheinen, wurde dann jedoch von der Verlagsleitung unterdrückt. Einzelne Journalisten der Zeitung druckten in Eigenregie 5.000 Exemplare und verteilten sie umsonst, Hänny wurde schlagartig berühmt – aber zugleich eine Zielscheibe für rechte Kreise. Man bedrohte ihn und manipulierte sein Motorrad. Seine Klage gegen die Polizeiwillkür wurde abgeschmettert. Er zog, enttäuscht vom Rechtsstaat, nach Berlin. 1994 gewann er überraschend den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Dritte Bearbeitung des "Flug"-Romanstoffs

Für ihn jedoch war das, wie er selbst in einem Interview sagte, "der totale Karriereknick". Denn die Boulevardpresse lancierte eine Hetzkampagne gegen ihn – wegen angeblicher "Gewaltpornografie". Hänny wurde auf der Straße angepöbelt und beleidigt. Für lange Zeit veröffentlichte er nichts mehr. Erst 2007 erschien eine, wie er es nannte, "Übermalung" seines Romans "Flug", ursprünglich 1985 veröffentlicht. Und darauf basiert nun auch wieder das Buch "Sturz". Es ist die dritte, mit knapp 580 Seiten erheblich umfangreichere Bearbeitung dieses Stoffs, deshalb auch der Untertitel: "Das dritte Buch vom Flug".

Ein solches Verfahren ist bei Autoren eher unüblich. Man kennt es von der Malerei, noch mehr von der Musik, in der das übliche Praxis ist. Komponisten bearbeiten die Werke anderer oder greifen eigene Stücke auf, um sie zu modifizieren. Zur Musik besitzt Reto Hännys Schreiben tatsächlich eine enge Verwandtschaft. Nicht umsonst schreibt er in einer Anmerkung zum Buch: "Wie jeder dichterische Text ist STURZ nicht mehr und nicht weniger als ein Spiel mit Rhythmen und Lauten." Das sagt schon sehr viel über den Stil dieses Buches. Er bewegt sich in sehr langen Bögen, die Sätze wollen kaum enden. Sie erstrecken sich zumeist über mehrere Seiten, werden über Partizipialkonstruktionen, Einschübe und Aufzählungen am Laufen gehalten. Als Leser nimmt man diese Sprache fast wie Musik wahr, es hilft nichts, man muss sich ihr und ihrem Rhythmus überlassen.

"In den abgeschatteten Räumen im hastenden Gedränge auf Schritt und Tritt gelenkt wie abgelenkt von einer sich auf der Netzhaut einbrennenden Collage aus Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören: Füllfederhalter, Lippenstifte, die wie Projektile aussehen, Kotflügel, Kühlerhauben, Körperteile, Schlünde von Orchideenblüten, nackte Haut, von der eingeölt, eben den Fluten entstiegen, in Schwarzweiß Wasser perlt, jeder Tropfen die Umgebung spiegelnd, einer Akkumulation aufreizender Zurschaustellungen in gekonnt kadrierten Großaufnahmen, die aus innen beleuchteten Reklamekästen strahlend in Weltformat verführerisch schön für Düfte Uhren Pelze Dessous Strümpfe Schmuck und weitere Artefakte einer hedonistischen Gesellschaft werben ..."

Hännys Sprache ist dabei unglaublich detailliert und außerordentlich präzise in ihren Beschreibungen. Sie ist zudem facettenreich, beherbergt sie doch zahlreiche verschiedene Textsorten und Versatzstücke. Fremdtexte, literarische Anleihen und Zitate, Dialektworte, Dialogfetzen, Fachsprachen, minutiöse Gebäudebeschreibungen, Musik- oder Literaturkritisches, eine schier endlose Variationsvielfalt – alles jedoch wird eingepasst in den einen fast episch fortlaufenden Strom der Sprache. Das Ganze funktioniert (scheinbar) ohne Erzähler. Die Sprache entwickelt sich aus sich selbst. Doch ab und an lugt ein "ich" hervor, das sich dann immer wieder verflüchtigt. Oder es ist distanziert von "dem Jungen" die Rede.

Reto Hännys Lebensbuch

Reto Hännys "Sturz" ist ein Lebensbuch, das Buch seines Lebens, daher auch diese drei Angänge. Es ist eine Suche nach der eigenen Identität, der Vergangenheit, ein Versuch, sich genau und immer genauer zu erinnern. Es ist eine Entwicklungsgeschichte – das Buch berichtet über Hännys Kindheit und Jugend, den Weg, wie er zu dem wurde, der er jetzt ist. Als Sohn von Bergbauern erfährt er das harte Leben in den Alpen. Gleichzeitig vermittelt es ihm aber auch eine tiefe Naturverbundenheit, die im Roman in grandiosen Landschaftsbeschreibungen zum Ausdruck kommt. Auch die Arbeit, Matsch, Gülle, Gestank, alles tritt mit äußerster Anschaulichkeit in Blick:

"Der Vater (...) heute nicht damit beschäftigt, den Rand des vor der Stallwand in großem Geviert hochaufgeschichteten Mistpyramidenstumpfs fein nachzöpfelnd weiter aufzustocken, nein, die ‚Süberi‘ der Heimkuh, welche an diesem Morgen verworfen hatte, tief im Mist zu vergraben, außer Reichweite der streunenden Hunde aus der Nachbarschaft und der an allem, was nach Blut, nach Lebendigem und Verwesendem riecht, mit gefräßig gewetzten Messerchen herumsichelnden Katzen, die bei einer Kälberung schnurrend und miauend kaum warten mögen, bis das Kalb im Stroh liegt, (...) um sich, die Lippen aufgeworfen und die Schnauzhaare flach am Kopf zurückgespannt, mit rosiger Zunge dran herumschleckend auch schon über das aus der Kuh hängende, ihr zwischen den schleim- und blutverschmierten Sprunggelenken hin und her plampende langsam erkaltende ‚Geschlüder‘ herzumachen, gierig und doch so, als ekle sie davor"

Doch der junge Hänny ist fantasiebegabt. Schon als Kind gestattet ihm das zu fliegen, die raue Realität zu verlassen. Doch wird er immer wieder auf die Erde zurückgeholt. Paradigmatisch konzentriert sich dieser Widerspruch in einer Kleinigkeit, die der Junge dennoch als traumatisch erlebt. Man hat ihm vom Jahrmarkt einen Propeller mitgebracht, der flugbegeisterte Junge spielt damit übermütig, bis ihm der Großonkel, davon entnervt, das Spielzeug zerbricht. Hier zeigt sich Hännys Lebenskonflikt. Er möchte träumen, in die Ferne schweifen und Grenzen überschreiten. Doch sein Vater sagt: Die Arbeit wird auf dem Boden gemacht, nicht in den Wolken.

Die Schulzeit eine Qual

Auch seine Schulzeit ist eher eine Qual, der Lehrer agiert mit brutalen Prügelstrafen. Als er aufgrund seiner Begabung in die Stadt Chur zu einer Herbergsmutter gegeben wird, um eine weiterführende Schule zu besuchen, bessert sich die Lage nicht wirklich. Denn nun leidet er unter der Ausgrenzung, die seine großstädtischen Klassenkameraden ihn, den naiven Bergbauernsohn, erfahren lassen.

"Welch ein Fortschritt wäre das, wenigstens nicht länger geächtet von jenen Stadtschnöseln, die ihn in ihrer Überheblichkeit, welche sie von den Vätern am Mittagstisch zusammen mit der Suppe täglich neu eingelöffelt bekamen, wegen seines in ihren Ohren ungeschliffenen Dialekts und der nicht dem gängigen Schnitt und Stoff entsprechenden Hosen, wo immer er ihren Weg kreuzte, meinten bis zur Weißglut hänseln zu müssen, ja in ihrem Dünkel grundsätzlich mit dem Bewusstsein auftraten, etwas Besseres zu sein, da schon ihre Großväter etwas Besseres gewesen wären"

Es sind diese feinen, kulturellen Unterschiede, die der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben hat, die dem jungen Reto ein großes Martyrium bescheren. Er gehört nicht dazu und wird auch nie wirklich dazu gehören.

Die feinen Unterschiede

Die Bourgeoisie, die diese Zulassungsbeschränkung intuitiv formuliert, wird von Hänny denn auch in galligsten Tönen gegeißelt. Seine Rettung ist, neben den Traumwelten des Kinos, besonders die Literatur. Hier nun liefert der Autor einmal mehr eine ganz eigene Umsetzung dieses Sujets, indem er solche Werke, die ihn nachhaltig beeindruckt haben, in seitenlangen Variationen nacherzählt: Joyces "Ulysses", Grass‘ "Blechtrommel", Kafkas "Schloss", aber auch die Fantasmen Karl Mays. Diese Welt wird ihm von einem Lehrer, der ebenfalls Poet ist, eröffnet. Hänny streift so ganz unmerklich seine Legasthenie ab und lernt wieder fliegen. Doch demgegenüber steht weiterhin die unerträgliche Situation in der Schule:

"Versuchte er anfangs mitzulachen, ohne einen Laut aus der Kehle zu kriegen – die Stimme stockte im Hals –, hockte er, die Augen weit aufgerissen, bald immer verstockter einfach da, paralysiert, verstummt, da nichts zu ändern sein würde, so schnell jedenfalls nicht, mit bis in die Schläfen pochendem Herzschlag, von Scham zerfressen die Ohren spitzend, sich in der Position des Beobachters einrichtend, übers Pult gekrümmt den Finger in der zur Faust geballten Hand unten lassend, das wenige, das er wusste, für sich behaltend, in den Schulstunden so unauffällig wie möglich ausharrend, erst recht während der weit schlimmeren Pausen, ständig einen Fluchtweg im Augwinkel, um auf den Gängen, oder wo er gerade stand, nicht Spießruten laufen zu müssen (...)"

In der Pension, wo er bei Kost und Logis untergekommen ist, fühlt er sich nicht heimisch. Kehrt er aber in den Ferien zu seinen Eltern in die Berge zurück, wartet auf ihn erneut die harte Feld- und Hofarbeit. Es ist ein Teufelskreis. Je älter er wird, desto mehr gelingt es Hänny, diesem zu entkommen. Er beteiligt sich an halbstarken Trinkritualen und Mutproben. Doch für die wahre innere Befreiung ist neben der Literatur die Musik seine größte Hilfe.

Befreiung durch Musik

Seinen Klavierunterricht empfindet er zunächst nur als eine weitere Tortur, bis er die Schönheiten der Musik entdecken lernt. Denn in der abgeschiedenen Bergwelt der Kindheit war sein musikalisches Erleben auf sehr geringe Eindrücke beschränkt.

"Nebst diesen Imponiersaufereien, die ihm rascher auf den Magen schlugen, als er zugeben mochte, begannen mit scherbelndem Tritsch-Tratsch Operetten, Opernverschnitte, Kaiserwalzerpotpourris und Jägermeisterpolkas seine Gehörgänge zu verstopfen; ein Klangbrei, der ihm ungewohnt war, denn von Musik, zumal solcher, war er bislang verschont geblieben: Bis kurz bevor er von zu Hause wegzog, hatte es daheim kein Radio gegeben, also auch keinen Elvis, keinen Freddy, keinen Johnny Halliday, und in der Stadt sollte es statt Beatles und Rolling Stones bald Heftigeres, Wilderes geben. Silvesterabend war am Berg der Männerchor von Hof zu Hof das Jahr aussingen gekommen, das immer gleiche Lied, und in der Kirche mahlten lückenhafte Gebisse mit zischender Entschlossenheit die Strophen des Predigtgesanges, dessen Melodie der Pfarrer schleppend aus dem Harmonium quetschte."

Mit wachsendem Verständnis für die Musik, ob Klassik oder Jazz, wird sie für den Autor selbst zum Distinktionsmotiv. Hier weiß er sich abzusetzen von der verhassten Bourgeoisie. Immer mehr durchschaut er, dass das Bürgertum sich der Hochkultur zu Repräsentationszwecken bemächtigt, letztlich kein Verständnis dafür aufbringt und auch keinen echten Wert darauf legt. So beschreibt er es anhand eines Klassik-Konzerts in Chur.

"Wie der Pianist sich, die klangtoten Mienen vor Augen, tief und tiefer über die Tasten gekrümmt (...) durch das Chopin-Programm quälte angesichts der auf den besten Plätzen sich ausbreitenden maßgeschneiderten Kampfhuster, die, einzig, der besseren Hälfte zuliebe ins Konzert gekommen, verdrießlich, wie sie dasitzen, lieber die Sekretärin an ihrer Seite hätten (...), um es – die feinen Herren so wenig wie ihre hüstelnden Gattinnen haben je frei atmen gelernt – mit Bronchialgewalt zuschanden zu bellen, (...) und, um nicht einzunicken, ihre unbezahlbare Zeit abzuhocken gezwungen, mit dem Programmheft raschelnd sich immer nervöser Luft zufächeln (...) und spätestens beim Schlussapplaus, kaum dass der letzte Akkord angeschlagen im Lärm untergeht, erst recht loszubrüllen: Bravo, Bravo!"

Doch es ist nicht nur eine ästhetische Kluft, die den Autor von diesen Honoratioren trennt. Es ist auch eine politische. Immer wieder spielt Hänny an auf krypto-faschistische Neigungen dieser feinen Gesellschaft, dieser:

"Hörer, die, hören sie Hörner vor ihrem Auge sogleich Eichenhagebuchenmischwald, ihr marschdurchbebtes, stiefeldurchstochenes Walhall erstehen lassen".

So erwähnt er auch beiläufig die "Eingabe der Zweihundert" – mit ihr bekundeten 1940 rechtsbürgerliche Kreise in der Schweiz ihre Sympathie und Solidarität mit Hitlerdeutschland.

Rechte Gesinnung in der Schweiz

Diese Kräfte sieht Hänny weiter walten. Ein wahrer Abkömmling dieser Klientel, Vater eines Freundes, lädt den jungen Hänny nach einigen alkoholischen Kapriolen zu sich. Zunächst gibt er ihm hervorragend zu essen und zu trinken, führt ihm seine Bibliothek und seine alten Meister vor, um ihn damit die gesammelte Überlegenheit der herrschenden Kaste spüren zu lassen:

"Der Herr, der sich, en passant einflechtend, in welchen Freundeskreisen er verkehrte und was alles ihm unter die Augen kommt, nach seinen Ausführungen zu fehlenden Bildwerken, mit denen er dem Jungen vom Berg zur Verdauung in einer Art sonntäglicher Nachhilfestunde nebenbei etwas von seiner Kultiviertheit und Bildung zukommen lässt, behaglich breit in die Polster zurücklehnt, die Beine überschlägt, sie wieder auseinandernimmt und anders übereinanderlegt, schmaucht, wartet, über den Tisch hin seinen Gast von oben bis unten musternd"

Die ganze Inszenierung dient nur der Tatsache, Hänny den weiteren Umgang mit seinem Sohn zu verbieten. Diese Eröffnung garniert er mit Drohungen, dem Jungen die Zukunft zu verbauen, etwa ein Studium zu verhindern. Trotz seines erwähnt nahezu erzählerlosen Stils gelingt es Hänny herausragend, solche Figuren zu zeichnen und zu entlarven. Mitunter bedient er sich dazu auch des Mittels, ihre Monologe seitenweise in indirekter Rede wiederzugeben, etwa den seiner "Schlummermutter", deren bornierter Spießergeist solcherart, gewissermaßen in ihren "eigenen Worten", deutlich zum Tragen kommt. Das ist unleugbar eine der kritischen Dimensionen dieses Buches.

Die Struktur des Romans

Der Roman ist nicht etwa, wie es das bisher Gesagte vielleicht nahelegt, in simpel linearer Abfolge erzählt. Den Auftakt bildet ein Kapitel aus der Gegenwart, in dem das Einchecken auf dem Flughafen geschildert wird. Dazwischen sind Reminiszenzen an den Flugpionier Louis Blériot geschnitten, der 1909 als Erster den Ärmelkanal überquerte. Dann folgen die drei Kapitel "Familienzusammenkunft 1", "Ruch" (also Chur) und "Willisau", die jeweils für die Fünfziger, Sechziger bzw. Siebziger Jahre stehen. Das Kapitel, das die Schulzeit in Chur behandelt, ist mit Abstand das umfangreichste. Es macht fast die Hälfte des Romans aus. Das ist wenig verwunderlich, denn es ist die Zeit der Pubertät, in der das Leben seine maßgebliche Orientierung erlangt. Das Kapitel über die Siebziger Jahre ist ausgesprochen kurz. Über den weiteren Lebenslauf Hännys erfährt man hier nichts. Nun geht es allein um einige Heroen des Free Jazz, Cecil Taylor, Archie Shepp, Roscoe Mitchell, die Beschreibung ekstatisch empfundener Konzerte. Dies ist gewissermaßen der letzte Akt der Befreiung.

Danach folgen drei weitere kurze Kapitel. Deren erstes "Familienzusammenkunft II" schaltet noch einmal in die Fünfzigerjahre zurück, "Flugfieber 2" befasst sich erneut mit Blériot und einem historischen Flugwettbewerb in der Schweiz. Das letzte Kapitel "Fieberflug" spielt direkt in der Gegenwart und zeigt den Autor als Insassen in einem Flugzeug, der von oben auf die Schweizer Landschaft schaut. Nicht von ungefähr werden an dieser Stelle diverse Referenzen auf Jean Pauls "Des Luftschiffers ‚Giannozzo‘ Seebuch" angebracht, inklusive direkter Zitate. Jean Pauls Werk dürfte als die erste "Draufsichtserzählung" der Literaturgeschichte gelten. An dieser Stelle gibt Hänny einen Einblick in seine Werkstatt. Er hat einen Koffer bei sich und darin befinden sich all die Texte und Materialien, die er für die Arbeit an dem Roman eingesetzt hat:

"neben den Postkarten ein Bündel verwackelter Familienfotos, die bei jedem Betrachter einen Rattenschwanz immer anderer Erinnerungen, Trauer wie Sehnsüchte wecken, die geplante Arbeit ergänzend dazu Briefe und Briefentwürfe, Exzerpte aus Romanen, die, verballhornt oder, als versteckte Hommage an die Meister zu Paraphrasen erweitert, so lange, wie daran gefeilt wurde, meist kaum mehr auf das Original schließen lassen, Zeitungsausschnitte voller Unterstreichungen und an den Rand gekritzelter Annotationen, ergänzt mit Stichworten für weitere Erörterungen, ein Wust mit dem Bleistift malträtierter Zettel, die, sich vornehmend, nichts Falsches zu sagen und gleichzeitig sich das Recht nehmend, nicht alles zu sagen, durch Verschweigen zu lügen"

Das Buch endet dann mit dem Absturz des Flugzeugs, nahezu wortidentisch mit dem Schluss von "Flug" in der Fassung von 2007. Das ist nur zu schlüssig: Wenn das Leben ein Flug ist, gibt es irgendwann auch einen Sturz. Reto Hännys großer Roman beschreibt, wie er selbst vermerkt, nichts als "die uralte Geschichte des Hansli, der in die Welt hinausgeht und das Fürchten und das Staunen lernt". Aber wie er das macht, das ist wirklich einzigartig und herausragend. "Sturz" ist eine gewaltige, sprachmächtige Rhapsodie in Worten.

Reto Hänny: "Sturz"
Matthes & Seitz Verlag, Berlin. 600 Seiten, 36 Euro.

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