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StartseiteKommentare und Themen der Woche Zynischer Teil der Medienwirklichkeit 09.07.2018

Rettung aus der Höhle in Thailand Zynischer Teil der Medienwirklichkeit

Warum berichtet man ausführlich über die eingeschlossenen Kinder in Thailand, über die im Mittelmeer ertrunkenen Kinder aber eher selten? Beides könne man nicht miteinander vergleichen, kommentiert Stefan Koldehoff. Der Frage nach der Medienwirksamkeit von Geschichten müsse man sich dennoch stellen.

Von Stefan Koldehoff

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Chiang Rai: Ein Rettungsteam bringt eine Trage, auf der mutmaßlich der fünfte geborgene Junge aus der Höhle liegt, in der seit dem 23. Juni eine Jugendfußballmannschaft und ihre Trainer, eingeschlossen ist, zu einem Helikopter (dpa/picture-alliance/)
Rettung aus thailändischer Höhle - Medienberichterstattung in der Kritik (dpa/picture-alliance/)
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Aus der Nachrichtenredaktion Kinder in Thailand und Kinder auf dem Mittelmeer

Auch Journalisten lieben Geschichten, die ein klares Thema, einen klaren Anfang, einen Spannungsbogen und ein klares Ende haben - gern ein positives. Wenn dann noch Helden darin vorkommen: umso besser. Das Drama um die 13 Kinder und ihren Trainer in der Tham-Luang-Höhle in Thailand ist so eine Geschichte. Vor 16 Tagen war die Gruppe dort von steigendem Wasser eingeschlossen worden, neun Tage später fand man sie, am Sonntag begann die riskante Rettungsaktion. Die Jungen haben Namen, Gesichter, schicken Botschaften. Es gibt wartende Eltern, die hoffen können. Sie trifft – nach allem, was bislang bekannt ist – keine Schuld. Es gibt Helden, die sie retten wollen, ein Taucher ist dabei schon selbst ums Leben gekommen. Die Gegend um die Höhle herum, erzählen Kolleginnen und Kollegen vor Ort, sehe aus wie ein Drehort in Hollywood. Entsprechende Drehbücher werden auch mit Sicherheit schon geschrieben.

Im Internet wird dieser Tage häufig gefragt, warum Medien über die eingeschlossenen Kinder in Thailand so häufig, über die Hunderte von Kindern, die auch in diesem Jahr schon wieder im Mittelmeer ertrunken sind, aber eher selten berichten. Die Antwort auf diese Frage zeigt auch, warum man beides nicht miteinander vergleichen darf.

Auch die Kindern, die auf der Flucht übers Meer ertrunken sind, trifft ebenso wenig Schuld wie ihre Eltern: weil diese Familien eben keine "Asyltouristen" sind, wie einige Politiker im Wahlkampf menschenverachtend formulieren. Diese Erwachsenen sind mit ihren Kindern auf der Flucht, weil ihre Heimatstädte bombardiert werden – auch mit Waffen aus deutscher Produktion. Weil es dort, wo sie herkommen, nichts mehr zu essen und zu trinken, keine Arbeit und vor allem überhaupt keine Aussicht auf ein menschenwürdiges Leben mehr gibt: auch und gerade für die Kinder.

Nicht medienwirksam

Die Geschichte dieser Kinder lässt sich aber eben nicht so medienwirksam erzählen wie die der Jungen aus der Höhle. Und deswegen wird über diese Kinder – das ist der furchtbar zynische Teil der Medienwirklichkeit – auch weniger berichtet. Es gibt keine Gesichter, keine Geschichten, keine Bilder – höchstens dann einmal, wenn der Körper eines kleinen Jungen wie des zweijährigen Aylan Kurdi mit rotem Hemd, blauer Hose und Kinderschuhen tot an einen Strand gespült wird. Für diese Kinder gibt es, anders als für die in der Höhle, nicht einmal Hoffnung, denn zum Thema werden sie meist erst, wenn und weil ihr kurzes Leben bereits zu Ende ist. Die Helden, die sie vor dem Tod retten wollen, dürfen mit ihren Schiffen viele Häfen nicht mehr anlaufen. Wenn sie es doch tun, riskieren sie Geldstrafen oder Haft: Europa 2018.

Umso wichtiger ist es, immer wieder darüber zu berichten, warum diese Familien und ihre Kinder im immer noch wohlhabenden Europa auf ein Leben in Würde hoffen: Weil es aus einer Vielzahl von Gründen in ihrer Heimat nicht möglich ist. Und dass auch Medien die lebensgefährliche Fahrt über das Meer nicht unkommentiert mit Tourismus vergleichen dürfen. Auch dann nicht, wenn sie damit nur zitieren.

Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff (Deutschlandradio)Stefan Koldehoff, geboren 1967 in Wuppertal, studierte Kunstgeschichte, Politikwissenschaften und Germanistik und arbeitete als freier Journalist unter anderem für "taz", "FAZ" und "Die Zei"t. Seit 2001 ist er Redakteur in der Hauptabteilung Kultur des Deutschlandfunks.

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