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StartseiteInterview"Lufthansa ist für die aktuelle Krise viel zu groß dimensioniert"25.06.2020

Rettungspaket"Lufthansa ist für die aktuelle Krise viel zu groß dimensioniert"

Das Neun-Milliarden-Rettungspaket sei wichtig, um der Lufthansa Liquidität zuzuführen, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin Yvonne Ziegler im Dlf. Der Fortbestand des Unternehmens sei damit aber nicht langfristig gesichert. Die Lufthansa müsse nun alles daransetzen, ihre Fixkosten zu reduzieren.

Yvonne Ziegler im Gespräch mit Christine Heuer

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Vier stillgelegte Passagiermaschine der Lufthansa stehen auf dem leeren Rollfeld des Flughafen Frankfurt. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Mit dem Rettungspaket sei Lufthansa nicht automatisch über den Berg, erklärte die Luftexpertin Yvonne Ziegler im Dlf (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Lufthansa entscheiden die Aktionäre heute über eine Staatsbeteiligung. Denn die Coronakrise hat die wichtigste deutsche Airline in die Knie gezwungen. Nun will die deutsche Bundesregierung dem Unternehmen mit neun Milliarden Euro unter die Arme greifen und im Gegenzug nur 20 bis etwa 25 Prozent Anteile dafür haben. Viel Geld, wenig Mitsprache – das kritisieren die einen. Den anderen geht der staatliche Einfluss dagegen viel zu weit. Großaktionär Heinz Hermann Thiele hatte deshalb gedroht, den Deal scheitern zu lassen. Nun aber hat er eingelenkt. Eine Insolvenz fände auch er offenbar schlimmer als den Einstieg des Bundes. Im Gespräch dazu Yvonne Ziegler: Die Luftverkehrs-Expertin ist Wirtschaftswissenschaftler an der Frankfurt University of Applied Sciences, war früher selbst im Lufthansa-Management.

Lufthansa-Maschinen sind auf dem Vorfeld des Flughafen Berlin Schönefeld geparkt. (picture alliance/Christophe Gateau/dpa) (picture alliance/Christophe Gateau/dpa)Rettungspaket für die LufthansaWie viel Staat muss sein?
Mit neun Milliarden Euro will die Bundesregierung die Lufthansa retten. Linken-Politiker Thomas Lutze begrüßte im Dlf das Hilfspaket. Der Bund müsse aber mehr Einfluss bekommen. Michael Theurer (FDP) befürchtet den Einstieg in eine Verstaatlichungsserie.


Das Interview im Wortlaut:

Christine Heuer: Frau Ziegler, wenn Sie jetzt heute bei dieser Hauptversammlung säßen, würden Sie dann Ja sagen zur Staatsbeteiligung bei der Lufthansa?

Yvonne Ziegler: Es kommt immer ein bisschen darauf an, in welcher Rolle man da sitzt.

Heuer: Ja!

Ziegler: Aber als Aktionär, denke ich, hätte ich auch dafür gestimmt, für das Rettungspaket, denn das ist auf jeden Fall der sicherere Weg.

Heuer: Wie sicher ist denn, dass heute dabei ein Ja herauskommt?

Ziegler: Nachdem der Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele gestern Abend ja angekündigt hat, dass er jetzt doch dafür stimmen möchte, hat ein Großteil der Aktionäre im Prinzip dadurch schon die Zustimmung gesichert. Es fehlt immerhin noch ein Stück, um diese Zwei-Drittel-Mehrheit zu bekommen, aber man hat knapp die Hälfte der Stimmen.

Heuer: Aber Sie sind guter Dinge, dass das klappen wird?

Ziegler: Ja. Ich denke schon, dass die Aktionäre da den sichereren Weg gehen wollen.

"Lufthansa ist noch nicht automatisch sicher über den Berg"

Heuer: Wenn die Aktionäre heute den Plan absegnen, was bedeutet das dann? Ist die Lufthansa dann sicher über den Berg?

Ziegler: Sie ist natürlich noch nicht automatisch sicher über den Berg. Das hängt natürlich stark davon ab, wie lange die Coronakrise noch andauern wird und wie lange auch der Luftverkehr weltweit am Boden bleiben wird. Innerhalb Europas hat man ja schon die Reisebestimmungen wieder gelockert. Das heißt, der Europaverkehr läuft langsam wieder an. Trotz allem ist das für Lufthansa nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weil sie eigentlich auf der Langstrecke in der Vergangenheit Geld verdient hat und nicht im Europaverkehr. Das heißt jetzt, das Neun-Milliarden-Rettungspaket ist erst mal wichtig, um der Lufthansa Liquidität zuzuführen, um die nächsten Monate auch zu überstehen. Aber letztendlich ihr langfristiges Überleben ist damit noch nicht gesichert.

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Heuer: Das heißt, kurzfristig helfen diese neun Milliarden einigermaßen sicher, aber eine zweite Corona-Welle – wäre ja denkbar -, die könnte dann die Lufthansa tatsächlich insolvent machen?

Ziegler: Ja. Es ist die Frage: Die Lufthansa muss natürlich jetzt auch alles daran setzen, um ihre Fixkosten zu reduzieren. Sie ist natürlich für die aktuelle Krise viel zu groß dimensioniert. Sie hat zu viele Flugzeuge, sie hat zu viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und muss sich da eine Möglichkeit überlegen, diese Kosten zu senken. Sie hat das ja schon sehr gut mit den Verhandlungen mit den Gewerkschaften angegangen. Da gab es ja schon große Zugeständnisse, sowohl von den Piloten als auch von den Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern.

Heuer: Wir lesen immer, die Lufthansa sagt selbst, sie haben eigentlich 22.000 Mitarbeiter zu viel, 11.000 davon in Deutschland. Müssen wir heute davon ausgehen, dass die ihren Job auf jeden Fall verlieren werden?

Ziegler: Es kommt darauf an. Heute ist ja auch das Abkommen mit der UFO, das Sparpaket beschlossen worden. Da wurde zumindest den Flugbegleitern der UFO zugesichert, dass sie für die nächsten vier Jahre ihren Arbeitsplatz behalten dürfen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben allerdings da auch relativ große Eingeständnisse hinnehmen müssen. Es wurde die Anzahl der zu arbeitenden Flugstunden reduziert. Sie müssen natürlich auch entsprechend aufs Gehalt verzichten. Gehaltserhöhungen sind in den nächsten vier Jahren natürlich überhaupt nicht mehr anzudenken und auch die Beiträge der betrieblichen Altersvorsorge wurden reduziert. Da haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz ordentlich Federn lassen müssen, aber sie haben – und das ist jetzt auch sehr wichtig in dieser Krise, für die nächsten vier Jahre diese Arbeitsplatzgarantie bekommen.

"Alle Beteiligten sind sehr daran interessiert, das Fortbestehen der Lufthansa zu sichern"

Heuer: Und dieser Garantie würden Sie auch vertrauen? Das ist dann halbwegs sicher?

Ziegler: Ja! Wenn das jetzt hier so beschlossen wurde, dann sind diese Beschäftigungspersonen natürlich erst mal gesichert. Aber es stehen auch noch mit anderen Verhandlungen an. Die Pilotinnen und Piloten haben ja auch schon Einlenken signalisiert und haben bis zu 45 Prozent Gehaltsverzicht angekündigt. Von daher: Es sind alle Beteiligten schon sehr daran interessiert, das Fortbestehen der Lufthansa zu sichern.

Heuer: Das klingt, wenn ich Ihnen zuhöre, Frau Ziegler, als hätte die Lufthansa heute tatsächlich die große Chance, doch noch einmal mit einem blauen Auge davon zu kommen. Der Staat wiederum gibt dafür viel Geld, erhält künftig aber nur 20 bis etwa 25 Prozent der Anteile. Muss er nicht versuchen, Einfluss zu nehmen auf das Unternehmen und seine Ausrichtung? Bisher hat ja Berlin eher signalisiert, wir halten uns da sehr zurück.

Ziegler: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist das Lufthansa-Management in der Vergangenheit ja sehr gut aufgestellt gewesen, war erfolgreich und hat ein profitables Unternehmen geführt. Eigentlich brauchen sie, glaube ich, was das Thema Management des Luftverkehrs angeht, keine Nachhilfe. Aber es gibt trotzdem einige Punkte, wo denke oder wo ich mir auch wünschen würde, dass neue Impulse gegeben werden. Das ist zum Beispiel das Thema Ökologie.

Heuer: Jetzt fällt das Stichwort Klimaschutz. Da wollten wir beide hin, glaube ich.

Ziegler: Ja, denn da war dadurch, dass die Ölpreise in den letzten Jahren so niedrig waren, nicht so der Fokus bei den Airlines auf diesem Thema. Das wäre sicherlich nicht verkehrt, wenn man das Thema noch mal neu aufgreifen könnte. Ein anderes Thema, was eigentlich auch noch nicht adäquat angegangen wurde, ist: Die Lufthansa beschäftigt ja sehr viele Frauen, aber es gibt nicht gleichermaßen viele Frauen in den Führungspositionen. Das wäre eigentlich auch noch ein To-do.

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Lufthansa und der "etwas unbequemere Aufsichtsrat"

Heuer: Greifen wir uns trotzdem mal den Klimaschutz kurz heraus. Wenn Berlin jetzt Geld gibt, ist die Lufthansa dann möglicherweise geneigter, Aufforderungen nach mehr Klimaschutz auch einzugehen und da was zu tun?

Ziegler: Die Lufthansa hat natürlich selber ein Interesse daran, jetzt auch durch die ganze Entwicklung mit Fridays for Future und dem Thema Flugscham sich da neu aufzustellen und noch stärker in alternative Energien zu investieren. Ich glaube, da sind sich jetzt alle schon bewusst. Aber ich denke, es ist nicht verkehrt, da auch in der Krise noch mal das Augenmerk draufzuhalten.

Heuer: Da kommt möglicherweise auch wieder der Großaktionär Heinz Hermann Thiele ins Spiel. Der hat sich ja nur unter Schmerzen zur Staatsbeteiligung durchgerungen, gleichzeitig aber auch angekündigt, dass er weiter Einfluss nehmen möchte. Wenn ihm die neue Richtung nicht passt, wenn ihm zum Beispiel nicht passen würde, mehr Investitionen, mehr Engagement beim Klimaschutz, was passiert denn dann?

Ziegler: Er hat ja schon gezeigt, dass er durchaus aktiv auch Einfluss nehmen will, und er hat ja auch hier Einfluss bereits genommen. Ich denke, man muss sich dann im Lufthansa-Management damit auseinandersetzen, dass man vielleicht jetzt einen durchaus etwas unbequemeren Aufsichtsrat hat, wo auf der einen Seite Heinz Hermann Thiele drinsitzt, auf der anderen Seite aber auch Vertreter des deutschen Staates.

Heuer: Da kommt viel Streit auf die Lufthansa zu.

Ziegler: Nein. Am Ende haben, denke ich, auch alle das Interesse, dass das Unternehmen jetzt erst mal durch diese Krise kommt. Von daher, denke ich, wird man sich da ganz gut einigen können.

Heuer: Gehen wir davon aus, dass heute die Aktionäre Ja sagen und dass möglicherweise keine zweite Corona-Welle kommt. Dann wäre die Lufthansa vorerst gerettet. Aber sie fliegt ja weiter auf Sicht, weil Corona nicht weg ist. Was bedeutet das am Ende für die Kunden?

Ziegler: Für die Kunden bedeutet das im Moment ja sowieso, dass man sich mit mehreren Punkten auseinandersetzen muss. Einmal muss man genau schauen, wo man überhaupt hinfliegen möchte, wie ist das Infektionsniveau an der Destination. Im Moment gibt es ja leider noch viele attraktive Urlaubsländer, USA, Brasilien, um ein paar zu nennen, wo die Corona-Welle wirklich noch rollt. Das sind sicherlich im Moment keine Destinationen, wo man hinreisen möchte.

Ein anderer Aspekt ist sicherlich auch die medizinische Infrastruktur am Urlaubsort. Hier werden auch Ältere und Risikogruppen genau überlegen, wo sie hinfliegen werden. Und was auch noch ein offener Punkt ist, der nicht gelöst ist, ist das Thema Ansteckungsrisiko im Flugzeug. Hier hat die EU zwar eine Richtlinie erlassen, die eigentlich besagt, dass der Mittelsitz frei bleiben soll, aber es gibt ein Hintertürchen, die das Ganze von der Auslastung abhängig macht. Von daher gibt es da auch noch keine klare Richtlinie, wie man dieses Thema Abstand halten im Flugzeug umsetzt.

"Ich rechne mit einem Preisanstieg" bei Flugtickets

Heuer: Frau Ziegler! Und dann gibt es noch ein Problem: Wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten ist, finanziell, dann können die Preise steigen. Rechnen Sie damit, dass die Lufthansa die Ticket-Preise erhöht?

Ziegler: Ich denke schon, dass es einen Preisanstieg geben wird. Zum einen reduziert sich im Moment ja auch gerade die Anzahl der Airlines europaweit auf dem europäischen Markt, weil etliche es nicht schaffen und auch nicht vom Staat gestützt werden. Das heißt, die müssen tatsächlich Insolvenz anmelden und scheiden aus dem Markt aus. Das heißt, es gibt eine Konzentration. Auf der anderen Seite: Wenn die Flüge nicht mehr so gut ausgelastet sind, dann müssen automatisch natürlich auch die Preise steigen, um überhaupt die Kosten decken zu können. Ich rechne mit einem Preisanstieg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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