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StartseiteEine WeltRettungspartei mit Heilsbringer27.07.2013

Rettungspartei mit Heilsbringer

Kambodscha vor der Wahl

Seit fast 30 Jahren herrscht in Kambodscha der autoritäre Ministerpräsident Hun Sen. Kritiker werden unterdrückt, Demonstranten verprügelt, Wählerlisten manipuliert. Doch jetzt ist der Oppositionelle Sam Rainsy überraschend aus dem Exil zurückgekehrt. Auf ihm ruhen große Hoffnungen.

Von Udo Schmidt

Kambodscha: Der Oppositionelle Sam Rainsy wird bei seiner Rückkehr aus dem Exil bejubelt. (Udo Schmidt)
Kambodscha: Der Oppositionelle Sam Rainsy wird bei seiner Rückkehr aus dem Exil bejubelt. (Udo Schmidt)
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Noun Sarin ist 78 Jahre alt, ist Bauer gewesen und ist es eigentlich immer noch. Noun Sarin ist zudem seit 20 Jahren Anhänger der Opposition, auch wenn die Parteien, die diese Opposition darstellen, immer mal wieder den Namen gewechselt haben. Jetzt wartet Noun Sarin am Straßenrand in der Kandul-Provinz nicht weit entfernt von der Hauptstadt Phnom Penh auf den Wahlkampftross der Nationalen Rettungspartei, der gleich vorbeikommen muss:

"Ich merke, wie viele Menschen die Nationale Rettungspartei unterstützen und ich glaube wirklich, dass sie diesmal gewinnen wird."

Die Nationale Rettungspartei Kambodschas wird von zwei Männern geführt, von Kim Sokha und Sam Rainsy. Während der eine, Kim Sokha, seit Jahren im Land die Oppositionsarbeit koordiniert und sich offiziell über die Zusammenarbeit mit Rainsy freut …

"Es ist schließlich auch normal, dass bei einer Wahl der Parteichef im Land ist. Natürlich verschafft uns das noch mehr Sympathien."

… ist der andere, eben Sam Rainsy, der Freiheitsheld der Kambodschaner, da er mehrere Jahre gezwungen war im Exil zu leben – ein Schicksal, das seinen Märtyrerstatus im Land der Khmer gefestigt hat. Und so tritt Rainsy bei seiner Ankunft in Phnom Penh – zuvor hatte ihn der König begnadigt, Rainsy drohten in Kambodscha elf Jahre Haft – gleich bei seiner ersten Rede am Flughafen als Heilsbringer auf:

"Ich bin gekommen, um Kambodscha zu retten."

Ruft er der jubelnden Menge von etwa 50.000 Menschen zu.

Wahlkampf jeden Tag in den vergangenen zwei Wochen in Kambodscha, vor allem in der Hauptstadt. Die Anhänger der Opposition wehren sich gegen die weitverbreitete Korruption nach 28 Jahren Herrschaft der Volkspartei mit Premier Hun Sen an der Spitze. Sie wollen keine Enteignungen mehr, die im Land tagtäglich stattfinden, um Platz für Luxusinvestitionen zu schaffen. Sie wünschen sich eine taugliche Infrastruktur in einem Kambodscha, das sich endlich so entwickeln soll wie die südostasiatischen Nachbarstaaten.

Am Ende soll alles anders werden. Yan Khunthear betreibt ein kleines Restaurant am Straßenrand:

"Ich möchte, dass die Opposition gewinnt und die Regierung stellt. Dann werden mir mehr Freude haben und vor allem bessere Geschäfte machen."

Die Opposition, das ist nach 28 Jahren autokratischer Herrschaft Hun Sens und seiner Clique ein recht bunter Haufen, getragen vor allem von den jungen Menschen, denen zwischen 20 und 30, die etwa ein Drittel der Bevölkerung darstellen und für die der Blick in die Zukunft besonders wichtig ist. Hor Kimsay ist 25 und arbeitet als Reporter in Phnom Penh.

"Die meisten Regierungsvertreter vergleichen Kambodschas Entwicklungsstand mit früher. Natürlich ist es besser geworden. Aber wenn ich Kambodscha mit anderen Ländern vergleiche, dann sieht es schlecht aus. Wir junge Leute schauen nach vorne, wir wollen mehr und bessere Jobs beispielsweise."

Tiara Sum ist 23, studiert Jura und finanziert sich dieses Studium durch Nachtschichten in einer Bar der Hauptstadt. Die junge Generation wolle einen Wechsel sagt sie:

"Viele Studenten sagen, sie wollen jetzt die Opposition wählen. Ich hoffe für mich, dass sich die Probleme wie Korruption und Landraub lösen. Ich möchte auch sehen, ob die Opposition in der Lage ist, es besser zum machen."

Die Opposition, das sind auch die ehemaligen Roten-Khmer-Anhänger, die sich von Mitläufern der Diktatur zu Demokraten gewandelt haben, wie etwa Ven Dara in der Kleinstadt Pailin nahe der thailändischen Grenze. Sie ist die Nichte des früheren Militärkommandeurs der Roten Khmer und war zu Zeiten Pol Pots eine leidenschaftliche Kämpferin für dessen Sache. Vom Tod von bis zu zwei Millionen Menschen während der vier Jahre Pol-Pot-Herrschaft will sie noch heute nichts wissen, nun aber fordert sie demokratischen Fortschritt:

"Die Regierung ist jetzt seit 28 Jahren im Amt und noch immer ist das Land nicht entwickelt, die Menschen werden immer ärmer, unsere Nationale Rettungspartei wird dem Land Demokratie bringen und den Anschluss an den Entwicklungsstand anderer Staaten der Region."

Sam Rainsy Rückkehr nach Kambodscha hat der Opposition noch einmal Rückenwind verliehen. Auch wenn es am Ende nicht zu einem Wahlsieg reichen wird – eine deutliche stärkere Opposition wird sicher ab der kommenden Woche im Parlament in Phnom Penh Platz nehmen. Wichtig für dieses Erstarken ist auch die ungeteilte Unterstützung durch die Mönche Kambodschas, deutlicher als dies in den Jahren zuvor gewesen ist. Bun Chenam ist einer dieser Mönche:

"Ich liebe mein Land und ich liebe Sam Rainsy. Wir haben hier keine echte Demokratie, vielen Menschen haben keine Arbeit, die Studenten keine Zukunft, das alles muss sich ändern."

Aber auch die Regierungspartei weiß Wahlkampf zu machen, auch wenn sie sich die Teilnahme an den Kundgebungen zum Teil erkauft. Bis zu fünf Dollar bekommen Studenten fürs Fähnchenschwingen. Hun Sens Sohn Hun Many, als Familienmitglied natürlich auch Parlamentsabgeordneter, lässt sich jedenfalls begeistern:

"Wir sind glücklich, uns alle treffen zu können. Die Kambodschaner sind das Rückgrat der Nation und die Kraft, mit der wir Frieden und Entwicklung erreichen."

Frieden und Entwicklung will auch Noun Sarin, der 78-jährige Bauer in der Kandul Provinz. Nur heißt sein Frieden- und Freiheitsheld Sam Rainsy:

"Die Rettungspartei wird Kambodscha entwickeln, es wird keinen Betrug mehr geben, keine Ausbeutung mehr von Menschen und Schätzen der Natur."

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