Samstag, 19.09.2020
 
StartseiteKommentare und Themen der WocheGenug Raum für Seelenheil und Seenotrettung06.08.2020

Rettungsschiff "Sea-Watch 4"Genug Raum für Seelenheil und Seenotrettung

In diesen Tagen soll die "Sea-Watch 4" in See stechen, um Bootsflüchtlinge zu retten. Die Evangelische Kirche hat das Projekt mit Spenden unterstützt. Für den Einsatz gibt es auch Kritik von Christinnen und Christen, die mit Austritt drohen. Das sei "unethisch", meint Christiane Florin. [*]

Von Christiane Florin

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Rettungsschiff Sea-Watch 4 liegt in Kiel bei der Taufzeremonie am Hafen. Das Bündnis «United4Rescue» und die Organisation Sea-Watch haben die ehemalige Polarstern gekauft um es künftig als Rettungsschiff im Mittelmeer einzusetzen (Carsten Rehder/dpa)
Mit dem Schiff "Sea-Watch 4" will die Evangelische Kirche Flüchtlinge im Mittelmeer retten (Carsten Rehder/dpa)
Mehr zum Thema

Bedford-Strohm (EKD) "Kriminalisierung der zivilen Seenotretter muss aufhören"

Mittelmeer EKD will sich an Seenotrettung beteiligen

Präses Rekowski „Ein Schiff alleine ist noch keine Lösung“

Bedford-Strohm, EKD "Das Sterben im Mittelmeer muss ein Ende haben"

Hätte Martin Luther ein Schiff gekauft, das Geflüchtete aus dem Mittelmeer retten soll? Die Evangelische Kirche hat lange darüber gestritten, schließlich wurden Spenden gesammelt, etwa 1,5 Millionen Euro kamen zusammen und es wurde ein Schiff ersteigert. In diesen Tagen sticht es in See. Das Boot heißt nicht "Martin Luther", es wurde auf den Namen "Sea-Watch 4" getauft.

Das Schiff hat etwas mit dem Evangelium zu tun

Er habe einen Shitstorm erwartet, aber einen Lovestorm geerntet, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm bei der Schiffstaufe im Februar. Was das Schiff mit dem Evangelium zu tun hat, auf das diese Kirche sich beruft, erschließt sich unmittelbar: Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Hungernde nähren – das sind drei von sieben Werken der Barmherzigkeit. Es heißen viele Menschen gut, dass eine Kirche barmherzigen Worten auch barmherzige Taten folgen lässt.

Die Sea-Watch 4 wird begleitet von warmem Applaus. Aber die evangelische Kirche bewegt sich mit ihrer Aktion im Fahrwasser der gesellschaftlichen Großdebatte um die richtige Flüchtlingspolitik. Und das bedeutet: Es wird so unruhig, wie es immer war. Wenn sich der Liebeswind legt, zieht das altbekannte Sturmtief auf. Es gibt evangelische Gläubige, die mit Austritt drohen und sagen: "Das ist nicht mehr meine Kirche!" Sie meinen: Diese EKD ist ihnen zu politisch, zu flüchtlingsfreundlich, zu eng vertäut mit der Pfarrerstochter Angela Merkel und ihrem humanitären Imperativ aus dem Spätsommer 2015. Wenn man schon glaube helfen zu müssen, dann im Herkunftsland, nicht im Mittelmeer, lautet die Kritik. Der Kirche müsse es ums Seelenheil gehen, nicht um Seenotrettung. Kurzum: Luther hätte Bedford-Strohm ins Steuer gegriffen, sind sich diese Christinnen und Christen sicher.

Die Frage, zu helfen oder nicht, ist schlicht unethisch

Eigentlich müsste das Schicksal der Ertrinkenden die Christenseele aufwühlen. Stattdessen erörtern einige besonders Lautstarke, ob man helfen oder es lassen soll. Diese Frage ist schlicht unethisch. Man soll nicht, man muss retten. Aber was tun, wenn Mitglieder von Bord gehen, weil die EKD ein Schiff ins Mittelmeer schickt? Kirche retten oder Flüchtlinge retten? Auch so scharf wird gefragt.

Die Flüchtlingsdiskussion ist geprägt von falschen Alternativen und schiefen Entweder-Oder-Konstruktionen. Das Schiff ersetzt nicht die Hilfe in den Herkunftsländern, die "Sea-Watch 4" verhindert auch nicht, dass sonntags über göttliche Gnade gepredigt wird. In den Kirchen dürfte noch genug Raum fürs "Sowohl als auch" sein, für Seelenheil und – zum Glück – auch für Seenotrettung.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).


[*] Anmerkung der Redaktion: Im Vorspann zum Kommentar wurde ein Fehler korrigiert: Gekauft und umgebaut wurde das Schiff "Sea-Watch 4" von der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch. Die Evangelische Kirche hat sich an der Spendensammlung dafür beteiligt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk