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StartseiteKalenderblattVor 165 Jahren erhielt Gail Borden sein Kondensmilch-Patent19.08.2021

Revolution in der Haltbarmachung Vor 165 Jahren erhielt Gail Borden sein Kondensmilch-Patent

"Kondensieren" nannte Erfinder Gail Borden sein Verfahren, den Wassergehalt von Milch um rund 80 Prozent zu reduzieren und in saubere Gefäße zu füllen. "Ohne Qualitätseinbußen" beteuerte er im Antrag für ein Patent, das er am 19. August 1856 denn auch erhielt.

Von Irene Meichsner

Gießen von Kondensmilch in eine freistehende Dose mit der Aufschrift "Kondensmilch" (picture alliance / Zoonar )
Gießen von Kondensmilch in eine vakuumierbare Dose - Gail Borden machte es 1856 möglich (picture alliance / Zoonar )
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"Ich möchte einmal als 'Koch der Welt' bezeichnet werden – das ist der Inbegriff all meines Strebens nach irdischem Ruhm." Gail Borden wollte hoch hinaus. Auch von Fehlschlägen ließ er sich nicht unterkriegen. "Es nützt nichts, zurückzublicken. Täte ich das, dann wäre ich entweder bald tot oder säße in einem Irrenhaus", schrieb er einmal an einen Freund. Und ergänzte unverdrossen: "Wenn eine Sache daneben geht, klappt’s halt mit einer anderen."
 Gail Borden auf einer Druckvorlage  für das World's Invefntors-Souveniralbum (A25) 1888 Gail Borden 1888 im "Erfiner der  Welt"-Souvenir-Album (picture alliance / Liszt Collection )Gail Borden, geboren 1801 in New York, ist heute vor allem dafür bekannt, dass er als erster ein industrielles Verfahren zur Herstellung von Kondensmilch entwickelte (picture alliance / Liszt Collection )
Borden wurde 1801 in Norwich im Bundesstaat New York geboren. Mit Ende 20 zog er nach Texas, wo er sich - von Pioniergeist beseelt - an der Kartierung des Landes beteiligte, eine der ersten Zeitungen gründete und schließlich auf den Gedanken verfiel, sich als Erfinder nützlich zu machen. Sein besonderes Interesse galt der Konservierung von Lebensmitteln, so der Chemie-Ingenieur Bill Hammack in einem Podcast der Universität von Illinois über die Geschichte der Verpackung.

"Zuerst versuchte er sich an einem Keks mit getrockne­tem Rindfleisch. Das Projekt kostete ihn sechs Jahre und 60.000 Dollar. Es endete in einem Fiasko, weil der Keks unansehnlich und ungenießbar war." Dann, erzählt Bill Hammack, sei auf einer Seereise der nächste Plan herangereift: "Die Kühe an Bord waren seekrank geworden und gaben keine Milch mehr. Die Kinder brüllten vor Hunger, und das brachte ihn auf die Idee mit der 'Kondensmilch'." 

Vakuum-Apparat als Gamechanger

Alle bisherigen Versuche, Milch haltbar zu machen, waren gescheitert. Borden füllte frische Milch in einen Vakuum-Apparat, indem er sie - entweder mit oder ohne Zucker - so lange kochte, bis ein großer Teil der Flüssigkeit verdampft war. Ihm war intuitiv klar geworden, dass Milch, die man konservieren wollte, möglichst nicht mit der Luft in Berührung kommen durfte:
 
"Milch ist, wie Blut, etwas Lebendiges. In dem Moment, in dem sie gemolken wird, beginnt sie zu sterben, sich zu verwandeln und zu zersetzen. Dank meiner Erfindung wird Milch eines Tages so alltäglich und weit verbreitet sein wie Zucker."

Zunächst ging Borden mit seinen Dosen von Tür zu Tür

Am 19. August 1856 bekam Borden ein Patent auf sein Verfahren. Durch das Verdampfen oder 'Kondensieren' sank der Wassergehalt seiner Milch um rund 80 Prozent - und das ohne sonstige Qualitätseinbußen, wie er in seiner Patentschrift beteuerte. In saubere Gefäße abgefüllt, hielt sich seine 'Kondensmilch' - je nach Außentemperatur - wochen- oder sogar monatelang. Borden gründete eine Firma in Connecticut, die später nach New York übersiedelte. Er ging von Tür zu Tür, um für sein Produkt zu werben, aber das Geschäft ließ sich nur schleppend an. Mehrfach ging Borden fast bankrott. Dann lernte er auf einer Zugfahrt Jeremiah Milbank kennen, einen Grundstücksmakler und Eisenbahnmagnaten, der bereit war, 100.000 Dollar in seine Firma zu investieren

Die Bürgerkriegsarmeen gierten nach Kondensmilch

Mit dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs wendete sich das Blatt. Die Armee bestellte große Mengen von Kondensmilch für ihre Soldaten, und bald kam Borden mit der Produktion kaum noch hinterher. "Wir verarbeiten fast 14.000 Liter pro Tag und schaffen nicht mal die Hälfte der Aufträge", stellte er 1863 fest. Außer Kondensmilch verkaufte er auch Milchkaffee- und Obstsaftkonserven.

"Ich will, dass eine Kartoffel in eine Pillendose, ein Kürbis in einen Esslöffel, die größte Wassermelone in eine Untertasse passt. Die Türken verarbeiteten Unmengen von Rosen zu Rosenöl; ich gedenke, von allem eine Essenz herzustellen."

Schließlich wollte Borden ALLES kondensieren

Bordens Drang, Dinge zu konzentrieren oder zu kondensieren hatte durchaus etwas Obsessives, sagt Chemie-Ingenieur Bill Hammack: "Er riet seinem Pfarrer, seine Predigten einzudampfen. Liebende sollten sich küssen, statt einander Gedichte zu schreiben. Und er fand, dass man möglichst wenig Zeit mit Essen verbringen sollte, er selber war damit in 15 Minuten fertig." 

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Die Kondensmilch blieb Bordens größte Erfindung. Sie war aus dem Alltag bald nicht mehr wegzudenken. Als Gail Borden 1874 in der nach ihm benannten texanischen Ortschaft Borden starb, hinterließ er ein beträchtliches Vermögen. 1899 wurde seine Firma ihm zu Ehren in "Borden's Condensed Milk Company" umbenannt. Sie blieb für lange Zeit einer der größten Anbieter von Milchprodukten und anderen Lebensmittelkonserven.

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