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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Theorie, die nicht sterben wollte 15.12.2013

Rezension Die Theorie, die nicht sterben wollte

Rückschläge gehören zum Leben jedes Menschen. Man rappelt sich wieder auf und beginnt von Neuem. Das gilt auch für wissenschaftliche Theorien. Der Wissenschaftsautorin Sharon Bertsch McGrayne gelingt es, das Schicksal einer Theorie aus der Statistik ähnlich mitreißend zu beschreiben, wie es gute Biografien tun. Nur steht diesmal nicht ein Mensch im Mittelpunkt, sondern eine Idee.

Rezension: Michael Lange

Weiterführende Information

Die Theorie, die nicht sterben wollte  
Wie der englische Pastor Thomas Bayes eine Regel entdeckte, die nach 150 Jahren voller Kontroversen, heute aus Wissenschaft, Technik und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist     
Sharon Bertsch McGrayne    
Übersetzung: Carl Freytag
ISBN: 978-3642377693
Springer Spektrum, 365 Seiten, 29,99 Euro

Die Theorie, die nicht sterben wollte  Wie der englische Pastor Thomas Bayes eine Regel entdeckte, die nach 150 Jahren voller Kontroversen, heute aus Wissenschaft, Technik und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist     Sharon Bertsch McGrayne    Übersetzung: Carl Freytag ISBN: 978-3642377693 Springer Spektrum, 365 Seiten, 29,99 Euro (Springer Spektrum)Cover: Die Theorie, die nicht sterben wollte (Springer Spektrum)Das Leben der Theorie, um die es geht, begann im 18. Jahrhundert in England mit Überlegungen des Geistlichen Thomas Bayes zur Wahrscheinlichkeit. Dass seine Ideen nicht verloren gingen, verdankte er seinem Freund und Herausgeber Richard Price. Und dennoch war die Bayes-Theorie damals noch nicht reif für die Fachwelt. "Saubere" Formeln, wie  Mathematiker sie brauchen, schuf erst der französische Gelehrte Pierre-Simon Laplace. Er war gewissermaßen der erste Baysianer. Von nun an war die Bayes-Theorie unter Fachleuten bekannt, aber sie war auch wiederholten Anfeindungen ausgesetzt. Denn sie galt und gilt zum Teil bis heute als mathematisch wenig elegant. Denn Bayes beginnt mit einer subjektiven Annahme. Die wird dann durch tatsächliche Ereignisse korrigiert. Dies geschieht mehrmals hintereinander, sodass die Voraussagen immer besser werden.

Obwohl die Mehrheit der Universitätsgelehrten die Bayes-Theorie nicht mochte, war sie nicht unterzukriegen. Im Zweiten Weltkrieg half sie Alan Turing und anderen Wissenschaftlern in England und den USA dabei, verschlüsselte Botschaften des Feindes zu decodieren. Sie stand Pate als lange vor dem Internet erste Computer entwickelt wurden, und sie ist längst aus der Wirtschaftslehre nicht mehr wegzudenken, insbesondere aus der Versicherungsmathematik. Dabei waren es immer die mathematischen Praktiker, die den Wert der Theorie erkannten. Die meisten Theoretiker an den Lehrstühlen der Universitäten taten sich eher schwer mit diesem Hilfsmittel, dass die Wahrheit immer nur näherungsweise erkennt.

Das sehr gut recherchierte, äußerst faktenreiche Buch von Sharon Bertsch McGrayne liefert einen einzigartigen Einblick in die Entstehung der Statistik als Wissenschaft. Die Autorin stellt die Menschen vor, die als Freunde, Feinde oder Weggefährten mit der Bayes-Theorie zu tun hatten. So ist ein Buch entstanden, das Statistikern viel über die Geschichte ihrer Zunft verrät: Über Genialität und Fleiß, aber auch über Ignoranz, Stolz und Vorurteil.  Letztlich sind geniale Wissenschaftler eben doch ganz normale Menschen. 

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