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StartseiteVerbrauchertippNicht immer ohne Nebenwirkungen30.04.2019

Rezeptfreie MedikamenteNicht immer ohne Nebenwirkungen

Pflanzliche Medikamente werden zu großen Teilen ohne Rezept verkauft. Sie gelten als "sanftere Medizin", was Experten allerdings als Mythos bezeichnen. Auch in pflanzlichen Substanzen steckt ein Vielzahl an Inhaltsstoffen, die zu Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen.

Von Stefan Römermann

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Pflanzliche Heilmittel, Phytopharmaka. Medikamente, Pillen, Tabletten und Kapseln liegen neben einigen Blättern Minze (imago / Ingo Kuzia)
Pflanzliche Heilmittel werden oftmals ohne Rezepte verkauft, gelten aber deshalb nicht als nebenwirkungsfrei (imago / Ingo Kuzia)
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Bei Arzneimitteln, die ohne Rezept in der Apotheke verkauft werden, ist das Risiko von Nebenwirkungen in der Regel überschaubar: Entweder sind die Wirkstoffe vergleichsweise harmlos - oder die Mittel werden sicherheitshalber nur in niedriger Dosierung oder kleinen Packungsgrößen angeboten. Schließlich sollten beispielsweise rezeptfreie Schmerzmittel auf keinen Fall ohne ärztlichen Rat über längere Zeit oder hoch dosiert eingenommen werden, da sonst eben doch gefährliche Nebenwirkungen drohen.

Frei verkäuflich sind aber auch viele Medikamente auf pflanzlicher Basis – sogenannte Phytotherapeutika. Verbraucher halten sie oft für die vermeintlich "sanftere Medizin". Doch das ist ein Mythos, sagt Mathias Arnold von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

"Auch pflanzliche Medikamente enthalten letztendlich ja Wirkstoffe, die Nebenwirkungen haben und auch so Probleme bereiten. Also: Pflanzlich heißt keinesfalls harmlos."

Viele Inhaltsstoffe in pflanzlichen Medikamenten

Schließlich steckt in pflanzlichen Medikamenten gleich ein ganzer Strauß an Inhaltsstoffen. Dadurch erhöht sich auch das Risiko von Nebenwirkungen und gefährlichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

"Wir sehen zum Beispiel Allergien besonders häufig bei pflanzlichen Wirkstoffen. Und wir können nicht einmal genau sagen, welcher Teil des Vielstoff-Gemisches jetzt für die Allergien verantwortlich ist."

Dabei ist oft nicht klar, ob die Mittel überhaupt so wirken wie behauptet, sagt Andreas Waltering vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWIG.

"Man kann die nicht in Bausch und Bogen verdammen. Es gibt gewisse pflanzliche Präparate zum Beispiel bei Erkältungen, da ist durchaus ein sehr geringer Effekt. Also: Die Erkältung verkürzt sich zum Beispiel um einen halben Tag oder so. Aber die meisten Phytotherapeutika sind eher aus traditionellen Gründen zugelassen."

Pflanzliche Mittel meist teurer

Dafür reicht es, dass diese Mittel bereits seit Jahrzehnten angewandt werden. Die Hersteller mussten also nicht, wie bei neu zugelassenen Medikamenten, nachweisen, dass ihre Mittel auch tatsächlich wirken.

Trotz zweifelhaftem Nutzen sind rezeptfreie pflanzliche Mittel aber meist sogar teurer als chemisch-synthetisch hergestellte Medikamente.

Besonders häufig werden in Apotheken so genannte Kombipräparate verkauft; schließlich machen die Hersteller für diese auch gerne und viel Werbung. Solche Medikamente enthalten mehrere Wirkstoffe: Mit einer einzigen Tablette oder einem einzigen Erkältungssaft sollen dann auf einen Schlag mehrere Symptome bekämpft werden. Dafür werden beispielsweise Schmerzmittel mit Wirkstoffen gegen Schnupfen und gegen Husten zusammengerührt. Das klingt zwar praktisch. Gesundheitsexperte Waltering rät trotzdem von solchen Cocktails ab.

"Zum einen sind die in der Regel in der Kombination teurer, als wenn ich die Einzelkomponenten kaufe. Und: Kombinationsmedikamente sind nicht immer auf jeden Einzelnen ideal abgestimmt, die Kombination. Ich bräuchte vielleicht was gegen Schmerzen oder gegen dieses Krankheitsgefühl. Aber ich habe zum Beispiel gar keinen Auswurf. Also brauche ich auch nicht unbedingt einen Schleimlöser. Das ist ja in diesen Kombinationen gar nicht verhandelbar. Da kriege ich ja immer alles so wie der Hersteller sich vorstellt, wie mein Schnupfen aussieht."

Bei einer Erkältung rät Waltering Verbrauchern deshalb aktiv nach Einzelpräparaten zu fragen und zwar nur gegen die Symptome, die sie tatsächlich haben. Und wer gleichzeitig noch andere Medikamente einnimmt, sollte das unbedingt auch in der Apotheke ansprechen. Denn auch tatsächlich oder vermeintlich harmlose Medikamente können zusammen mit Wirkstoffen aus anderen Medikamenten gefährliche Wechselwirkungen haben.

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