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StartseiteVerbrauchertippEinnahme von Schmerzmitteln gut kontrollieren25.02.2020

Rezeptfreie Medikamente, Opioide, MorphinEinnahme von Schmerzmitteln gut kontrollieren

Mehrere Millionen Menschen leiden hierzulande unter chronischen Schmerzen, so die Schätzungen. Medikamente können da helfen, haben aber auch Nebenwirkungen. Die Stiftung Warentest hat wissenschaftliche Untersuchungen ausgewertet - und gibt Tipps, wann welches Medikament empfehlenswert ist.

Von Dieter Nürnberger

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FILE - In this Aug. 17, 2018 file photo, family and friends who have lost loved ones to OxyContin and opioid overdoses leave pill bottles in protest outside the headquarters of Purdue Pharma, which is owned by the Sackler family, in Stamford, Conn. New York is suing the billionaire family behind Oxycontin, alleging the drugmaker fueled the opioid crisis by putting hunger for profits over patient safety. (AP Photo/Jessica Hill, File) | (AP Photo / Jessica Hill)
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Die Weltgesundheitsorganisation teilt Schmerzmittel in drei Kategorien ein. Abhängig von der Art und der Intensität des Schmerzes. Für die Ärzte ein wichtiger Leitfaden, um die passende Therapie für einen Patienten zu wählen, sagt Warentesterin Bettina Sauer:

"Da könnte man beispielsweise den Kopfschmerz nehmen, der wird erfahrungsgemäß eher ein leichter Schmerz sein. Da würde dann etwas von der Stufe eins reichen - etwa Aspirin. Stufe drei ist für besonders starke Schmerzen vorgesehen. Zum Beispiel Tumorschmerz, da kommen dann starke Opioide zum Einsatz. Hier ist ein besonders bekannter Wirkstoff das Morphin - das ist sozusagen die Ursubstanz."

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Anders als bei ihren üblichen Produkttests hat die Stiftung Warentest die Schmerzmittel nicht in eigenen Versuchen überprüfen lassen. Ausgewertet wurden stattdessen die Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen und klinischen Studien zu den jeweiligen Medikamenten. Dabei zeigt sich: Wirksame Schmerzmittel können immer auch Nebenwirkungen verursachen. Das gilt auch für die vielen rezeptfreien Medikamente, etwa auf der Basis der Wirkstoffe ASS, Ibuprofen oder Paracetamol. Die Medikamente sind schmerz-, fieber- und entzündungshemmend. Doch können Nebenwirkungen an Herz, Magen oder Niere auftreten. Weshalb es für jede Selbstmedikation Grenzen gibt:       

"Als Faustregel: Ohne Arzt - in der Selbstmedikation - kann man Schmerzmittel bis zu vier Tage in Folge und ungefähr zehn Tage im Monat nehmen."

Auf der obersten, der dritten Stufe der Schmerzmittelskala kommen vor allem stark wirksame Opioide zum Einsatz. In Deutschland ist dafür ein spezielles Betäubungsmittelrezept notwendig.

Opioide sollten sehr kontrolliert eingesetzt werden

FILE - In this Aug. 17, 2018 file photo, family and friends who have lost loved ones to OxyContin and opioid overdoses leave pill bottles in protest outside the headquarters of Purdue Pharma, which is owned by the Sackler family, in Stamford, Conn. New York is suing the billionaire family behind Oxycontin, alleging the drugmaker fueled the opioid crisis by putting hunger for profits over patient safety. (AP Photo/Jessica Hill, File) | (AP Photo / Jessica Hill) (AP Photo / Jessica Hill)Schmerzmittel - Opioide ohne Suchtgefahr
In Deutschland zögern viele Ärzte, Schmerzpatienten mit Medikamenten zu helfen, die Opioide enthalten. Denn die haben zum Teil erhebliche Nebenwirkungen und können süchtig machen. 

Gerade vor dem Hintergrund, dass es in den USA durch zu leichtfertige Verordnungen viele Opioid-Süchtige gibt - und sogar täglich etwa 100 Menschen an einer Überdosis sterben - sollte die entsprechende Medikation nur sehr kontrolliert erfolgen, so Warentesterin Bettina Sauer.     

"Die haben ein anderes Wirkprinzip: Sind besonders stark wirksam in Rückenmark und Gehirn. Sie können tatsächlich so eine euphorisierende und beruhigende Wirkung haben. Man könnte bei einem unachtsamen Einsatz von diesen Wirkstoffen abhängig werden. Weshalb die Ärzte hier gut aufpassen müssen."

Laut Stiftung Warentest gibt es mehrere starke Opioide, deren Nutzen durch wissenschaftliche Studien nicht gut genug belegt ist. Bettina Sauer nennt als Beispiel bestimmte Pflaster. 

"Die werden sehr oft verordnet und enthalten beispielsweise Fentanyl, ein sehr starkes Opioid. Sie sind aber eigentlich nur für Leute vorgesehen, die zum Beispiel nicht gut schlucken können. Die sind somit für einen breiten Einsatz gar nicht gedacht. Weil sich die Dosierung mit einem Pflaster schlechter steuern lässt als mit Tabletten."

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Ganzheitliche Behandlung ist viel besser

Ärzte sollten starke Opioide nur äußerst achtsam und kontrolliert verordnen, so das Fazit der Warentester. Und Patienten sollten sich vorab bei spezialisierten Schmerztherapeuten informieren. Adressen vermittelt beispielsweise die Deutsche Schmerzliga. Im Idealfall greift eine ganzheitliche Behandlung - fachübergreifend und mit kombinierten Therapieformen.

"Dass man auch guckt, wo kommt der Schmerz eigentlich her. Welche Physiotherapie könnte helfen, auch welche geistigen Dinge sind empfehlenswert. Dieses Gesamtpaket erzielt oft viel bessere Erfolge als nur Medikamente allein."

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