Freitag, 02. Dezember 2022

Kommentar zur Wirtschaftskrise
Wohl und Wehe der Rezession

Die drohende Rezession dürfe nicht kleingeredet werden, meint Benjamin Hammer. Sie könne allerdings dazu führen, nachhaltiger zu wirtschaften und zu investieren. Sie zwinge uns etwa bei der Gas-Beschaffung zu Korrekturen, die überfällig gewesen seien.

Ein Kommentar von Benjamin Hammer | 12.10.2022

Die Unterlage "Eckwerte der Herbstprojektion" wird bei der zur Bundespressekonferenz ausgegeben. Die BPK fand mit dem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck statt. Es ging auch um die voraussichtliche Rezession.
"Eckwerte der Herbstprojektion" heißt die Unterlage zur Bundespressekonferenz am 12.10.22 mit Wirtschaftsminister Robert Habeck. Die wirtschaftliche Lage im Land sei heute beunruhigender als noch vor zwei Jahren in der Coronakrise, kommentiert Benjamin Hammer. (picture alliance / Flashpic / Jens Krick)
Um eines gleich vorweg zu sagen: Dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland im kommenden Jahr wohl leicht sinken wird, ist kein Drama. Das Bruttoinlandsprodukt wird laut Prognose der Bundesregierung um 0,4 Prozent schrumpfen. Das ist nicht viel. Zum Vergleich: Im ersten Jahr der Corona-Pandemie, im Jahr 2020, gab es ein Minus um fünf Prozent.
Trotzdem ist die Lage heute beunruhigender als noch vor zwei Jahren. Damals stemmten sich Staaten weltweit mit riesigen finanziellen Hilfspaketen gegen die Krise. Die staatlichen Eingriffe wirkten. Damals aber waren die Leitzinsen der wichtigsten Notenbanken noch niedrig. Und die Inflationsraten waren es auch. Die Welt lebte auf Pump – wie so oft in Krisenzeiten.

Die hohe Inflation ist das eigentliche Problem

Zwei Jahre später sieht es deutlich schlechter aus. Aus der Coronakrise ist eine multiple Krise geworden: Russland führt Krieg gegen die Ukraine und sorgt vor allem in Europa für Energieknappheit und hohe Energiepreise. Zwei Instrumente könnten helfen: Niedrige Leitzinsen und noch mehr Staatsmilliarden. Aber hier kommen wir zum eigentlichen Problem: der enormen Preisentwicklung. Die Inflationsrate in Deutschland wird in diesem Jahr laut der aktuellen Einschätzung der Bundesregierung bei acht Prozent liegen. In vielen Ländern haben staatliche Corona-Hilfsgelder die Inflation mit befeuert. Deshalb ist bei allzu breiten Hilfspaketen Vorsicht angebracht.
Niedrige Leitzinsen sind auch keine Option: Sie würden die Inflation nur noch weiter steigern. Schon die Erwartung hoher Preissteigerungen kann für Verwerfungen sorgen. Fehlendes Vertrauen in die Entschlossenheit der Notenbanken auch. Deshalb ist es richtig, dass die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank nun entschiedener handeln. Die Leitzinsen müssen steigen, da müssen wir jetzt durch.

Positive Seiten der Rezession

Entlastung – auch bei der Inflation – würde eine EU-weite Begrenzung des Gaspreises bringen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck verkündete hier jetzt Fortschritte. Eine Einigung gibt es aber noch nicht. Deutschlands Wirtschaftsleistung wird sich wohl schlechter entwickeln, als die der meisten anderen Industriestaaten. Jetzt rächt sich, dass wir jahrelang besonders abhängig waren von günstiger Energie aus Russland.
Der Krise kann man aber auch Positives abgewinnen: Sie zwingt uns bei der Energiebeschaffung zu Korrekturen, die überfällig waren. Sogar der Einbruch an den Aktienmärkten hat seine heilsamen Seiten. Die fetten Jahre an der Börse basierten teilweise eben auch auf dem billigen Geld der Notenbanken. Auch Kleinanlegerinnen und Kleinanleger haben in den vergangenen Monaten viel Geld verloren. Immerhin könnte sich ein Anruf bei der Bank nun wieder lohnen. Höhere Leitzinsen sollten für höhere Zinsen auf dem Sparkonto sorgen.
Die Krise ist nicht kleinzureden. Sie kann aber dazu führen, nachhaltiger zu wirtschaften und zu investieren. 
Benjamin Hammer, ARD-Korrespondent in Tel Aviv
Benjamin Hammer wurde 1983 in Köln geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Dublin. Während des Studiums plante und begleitete er Studienreisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete. Benjamin Hammer ist Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Anschließend volontierte er bei der Deutschen Welle. Von 2011 bis 2017 war Benjamin Hammer Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Im Sommer 2015 arbeitete er für das Hauptstadtstudio von Deutschlandradio. Ein Jahr später folgten Vertretungen im ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv. Dort arbeitet Benjamin Hammer seit dem Sommer 2017 als Korrespondent.