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StartseiteForschung aktuellWie Schlagzeugspielen das Gehirn verändert09.03.2020

Rhythmisches LernenWie Schlagzeugspielen das Gehirn verändert

Schon häufig ist die Hirnstruktur von Musikerinnen und Musikern untersucht worden. Im Fokus standen dabei zumeist Klavier und Geige. Ein Bochumer Forschungsteam hat jetzt ergründet, ob auch das Schlagzeugspielen mit einer speziellen Struktur und Aktivität des Gehirns einhergeht.

Von Simon Schomäcker

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Ein Mann am Schlagzeug ist hinter seinen Schlagzeug Stöcken halb verdeckt zu sehen (Frank Schindelbeck)
Unterschiedliche Rhythmen mit Händen und Füßen: Welche Rolle spielt das Gehirn beim Schlagzeugspielen? (Frank Schindelbeck)
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Der US-Amerikaner Terry Bozzio ist bekannt für seine riesigen Schlagzeug-Sets und seine Soli, die er darauf spielt. Bozzios über 60 Jahre Erfahrung haben die Struktur seines Gehirns nachhaltig beeinflusst. Sebastian Ocklenburg von der Ruhr-Universität Bochum ist sich da sicher. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Lara Schlaffke und Sarah Friedrich hat der Wissenschaftler untersucht, wie Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger Arme und Beine koordiniert bekommen:

"Die meisten Leute sind halt sehr spezialisiert auf eine Hand. Die Schlagzeuger schaffen es aber mit beiden Händen sehr gut, diese komplexen Prozesse und eben auch unterschiedliche feinmotorische Abfolgen mit den Händen durchzuführen".

Achtelnoten mit rechts, halbe Noten mit links

So kann zum Beispiel die rechte Hand Achtelnoten auf dem Becken spielen, während die linke Hand halbe Noten auf der Snaredrum spielt. Die Füße bedienen gleichzeitig in wieder anderen Bewegungsabläufen die Pedale von Hi-Hat und Bassdrum. Wissenschaftler sprechen bei diesem Phänomen von der motorischen Entkopplung. Die Bochumer Forscher wollten herausfinden, wie diese entsteht – und was in der Hirnstruktur darauf hinweist.

Sie stellten eine Versuchsgruppe aus 24 Profi-Schlagzeugern zusammen. Die Probanden im Alter zwischen 18 und 30 sollten alle schon einige Jahre oder Jahrzehnte aktiv sein und täglich üben. Zum Vergleich zog das Team 24 Nicht-Schlagzeugerinnen und -Schlagzeuger hinzu. Mit allen Personen führten sie MRT-Scans durch und gaben der Gruppe bestimmte Aufgaben, erklärt Sarah Friedrich:

"Es gab eine Tapping-Aufgabe, wo unterschiedlich komplexe Rhythmen mit den Fingern auf eine Tastatur eingegeben werden mussten. Das war die einzige Aufgabe im MRT. Es gab aber noch Vorlauf, wo die einen Schlagzeug-Test auf so E-Drums machen mussten, damit wir auch sehen konnten, ob die tatsächlich Schlagzeug spielen oder nicht. Und dann gab es noch ein paar Fragebögen zur Händigkeit zum Beispiel".

Hirnstruktur und Hirnaktivität untersucht

Die Bochumer Neurowissenschaftler haben sowohl die Hirnstruktur als auch die Hirnaktivität untersucht. Bei der Struktur stellten sie starke Ausprägungen im sogenannten Corpus callosum oder Balken fest, betont Sebastian Ocklenburg:

"Das Corpus callosum ist eine Hirnstruktur, die die beiden Hälften des Gehirns miteinander verbindet. Und hier konnten wir zeigen, dass die Schlagzeuger besonders in dem vorderen Teil des Corpus callosum, Strukturen, die besonders wichtig für die Planung motorischer Prozesse sind, eben Veränderungen zeigten."

Nun könnte man meinen, dass beim Schlagzeugspielen die Areale besonders aktiv seien, die für Bewegungsabläufe zuständig sind. Das trifft aber nicht zu – zumindest nicht mit mehreren Jahren Spielerfahrung.

Einverständniserklärung Nr.:  1764a, 1765a, 1766a vlnr Lara Schlaffke, Sarah Friedrich, Sebastian Ocklenburg Die Bilder dürfen nur im Kontext der Ruhr-Universität Bochum (RUB) unter Angabe des Copyrights © RUB, Marquard verwendet werden, zum Beispiel für Webseiten der RUB sowie für Texte oder Webseiten, die sich speziell mit Ereignissen an der RUB oder Leistungen von RUB-Mitgliedern beschäftigen. Die Bilder dürfen nicht in Kontexten verwendet werden, in denen die RUB nur stellvertretend für Hochschulen im Allgemeinen steht. (Katja Marquard)Das Bochumer Forschungsteam: Lara Schlaffke, Sarah Friedrich und Sebastian Ocklenburg (von links). (Katja Marquard)

"Das ist ein Phänomen, das heißt in der Neurowissenschaft ‚Spar Sampling‘. Und das ist etwas, das man auch bei hochintelligenten Menschen findet. Also die brauchen dann, wenn die einen Intelligenztest bearbeiten, weniger Hirnaktivität, weil die eben eine effizientere Organisation des Gehirns aufweisen. Und wir denken, dass das bei den Schlagzeugern ähnlich ist."

Studien anderer Institute behandelten die Spielpraxis etwa von Klavier oder Geige. Dabei ging es vor allem um das Rhythmusverhalten der Probandinnen und Probanden, weiß Lara Schlaffke:

"Wenn wir überlegen – Geigenspieler, die müssen zwar verschiedene Bewegungen mit der linken und der rechten Hand machen, aber in einem bestimmten Rhythmus bleiben. Schlagzeugspieler machen unterschiedliche Bewegungen, teils in unterschiedlichen Rhythmen. Und dann nicht nur mit den Händen, sondern auch noch mit den Füßen."

Schlagzeugspielen als Therapie

Die Ergebnisse der Bochumer Studie und eventuelle Folgeforschungen könnten zum Beispiel hilfreich sein, um Schlaganfall-Folgen besser zu behandeln. Vielfach wird Schlagzeugspielen schon eingesetzt, um mit Patienten motorische Fähigkeiten neu zu trainieren.

"Für uns wäre natürlich interessant, zu schauen, was genau passiert im Gehirn, was es ermöglicht, wieder in die gesundmotorischen Handlungen zu kommen. Und warum geht das gerade so schnell mit dem Schlagzeugspielen, verglichen zu klassischen Therapiemethoden."

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