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StartseiteSonntagsspaziergangZukunftschancen durch traditionelle Kunst18.11.2018

Ribola Art Route in SüdafrikaZukunftschancen durch traditionelle Kunst

Durch die abgeschiedene und verarmte Provinz Limpopo im Nordosten Südafrikas führt seit einiger Zeit die Ribola Art Route. Bildhauer, Töpfer und Textildrucker zeigen hier ihre Werke, die tief mit der Kultur der Region verwurzelt sind. Durch den Tourismus erhoffen sie sich neue Impulse für die Jugend.

Von Leonie March

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Bunter Tonkrug zum Aufbewahren von Bier, aus Sotho, Limpopo Province, National-Kultur-Museum, Pretoria, Südafrika  (imageBROKER)
Die Kunst aus der Provinz Limpopo ist tief in der Kultur der dort lebenden Menschen verankert (imageBROKER)
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Routiniert bearbeitet Lucky Ntimani ein Stück Holz. Der Bildhauer sitzt in seinem Garten, zwischen Tomatenpflanzen, seinem kleinen Lehmhaus und zahlreichen Skulpturen: Maskenhafte Gesichter, janusköpfige Gestalten, mystische Figuren, halb Fisch, halb Mensch.

"Alle meine Werke haben eine Geschichte, die auf unsere Vorfahren zurückgeht. Was sie mir in meinen Träumen mitteilen und wie sie mich im Alltag beschützen. Wenn ich ein schönes Stück Holz im Wald finde, frage ich meine Ahnen zunächst mit einem Ritual, ob ich es mitnehmen darf. Ich schnitze dann nicht einfach drauflos, sondern warte wieder auf die Weisung meiner Ahnen. Sie tragen mir auf, welche Figur ich erschaffen soll."

Der 47-Jährige deutet auf eine schuppige, schlangenartige Skulptur, aus deren Maul eine Figur ragt. Sie stellt das Fabelwesen Nzunzu dar. Der Legende hat Nzunzu in grauer Vorzeit Menschen mit in seine Unterwasserwelt genommen, die dann als mächtige Heiler wieder aufgetaucht sind. Lucky ist selbst ein solcher Sangoma, auch wenn er sich sein Wissen nicht unter Wasser, sondern an Land angeeignet hat. Ein Nachbar, der mittlerweile verstorbene, international renommierte Künstler Jackson Hlungwani, hat seine Gabe als Sangoma und sein bildhauerisches Talent entdeckt.

"Er war ein Held, eine Legende. Er hat unsere traditionelle Holzschnitzerei auf ein neues Niveau gehoben und bekannt gemacht. Er hat viele von uns ausgebildet und inspiriert. Ihm ist es zu verdanken, dass es in unserer Region heute viele Kunsthandwerker gibt, Profis wie Amateure, darunter viele Bildhauer."

Hlungwani legte Grundstein für die Kunstroute

Mit seinem Engagement hat der charismatische Jackson Hlungwani auch den Grundstein für die Ribola Art Route gelegt, einer Kunstroute in der südafrikanischen Provinz Limpopo.

Die Ausläufer der Drakensberge und mächtige Baobab-Bäume prägen die Landschaft. Während der Apartheid hatte das rassistische Regime diese Region zu Homelands für die die Volksstämme der Tsonga, Shangaan und VhaVenda erklärt. Bis heute zeugen weitverbreitete Armut, eine unterentwickelte Infrastruktur und hohe Arbeitslosigkeit von dieser Vergangenheit.

Traditionelle Rundhütten und modernere rechteckige Häuschen stehen verstreut in der hügeligen Landschaft, Frauen und Männer arbeiten auf ihren kleinen Feldern, Kühe überqueren eine der wenigen Teerstraßen. Auf die lebendige Kunsthandwerkszene weisen nur kleine Schilder am Wegesrand hin. So klein, dass man sie fast übersieht. Bucklige, verzweigte Sandpisten führen zu den Ateliers, in denen die Künstler oft nicht nur arbeiten, sondern auch leben.

Vor seinem kleinen Lehmhäuschen sitzt Pilato Bulala in der Sonne, schneidet und biegt Metallteile zurecht. Aus weggeworfenen Getränkedosen fertigt der 22-Jährige in mühsamer Kleinarbeit Ohrringe und Halsketten an. Er hat auch die Hinweisschilder für die Ribola Art Route gestaltet. Nicht traditionell aus Holz, sondern aus Metall.

"Seit ich mich erinnern kann, hat mich dieses Material fasziniert. Als Kind habe ich mein eigenes Auto aus Draht gebastelt. Denn meine Mutter war zu arm, um mir Spielzeug zu kaufen. Später habe ich dann angefangen, Schrott zu sammeln, der hier im Dorf herumliegt, um daraus meine Skulpturen zu bauen. Teile von Autowracks, Stoßdämpfer oder Fahrradketten benutze ich besonders häufig."

Skulpturen aus weggeworfenem Metall

'Scraptures' nennt er seine fantasievollen Werke, eine Kombination aus den englischen Begriffen für Altmetall und Skulptur. Sie stehen rund um sein Häuschen herum: Ein windschiefes Auto, auf das er den Satz "Never give up" – "Gib niemals auf" – gesprüht hat, Fische aus Fahrradspeichen, Frauenfiguren, die auf Metallspiralen wippen, als würden sie tanzen, oder Zahnräder auf dem Kopf balancieren.

"Wenn ich ein Schrottteil finde, denke ich lange darüber nach, was ich daraus gestalten könnte. Manchmal kommt mir die Inspiration im Traum, manchmal aus überlieferten Geschichten oder einfach aus unserem Alltag. Diese Skulptur dort drüben erinnert zum Beispiel daran, wie Frauen früher Wasser in Tonkrügen vom Fluss nach Hause getragen haben."

Im letzten Jahr hat Pilato seinen Schulabschluss gemacht, nun hofft er auf eine Ausbildung.

"Ich würde gerne lernen, wie man professionell Metall schweißt und dann eine richtige Galerie aufbauen. Irgendwo hier in der Gegend, wo nicht ständig die Stromkabel von Kupferdieben geklaut werden. Das ist mein Traum: Ein Atelier, in dem ich meine Skulpturen ausstellen und Kunden empfangen kann."

Sein Vorbild sind andere Kunsthandwerker entlang der Ribola Art Route, die sich diesen Traum schon erfüllt haben. So wie das Frauenkollektiv "Twananani Textiles", ein paar Kilometer weiter.

Enge Verbindung zwischen Motiv und Kultur

Die Frauen sitzen um einen langen Zuschneide-Tisch, auf dem sich bunte Stoffballen stapeln. Sie besticken Kopfkissenbezüge mit kleinen Perlen, bemalen und batiken Baumwollstoffe, aus denen sie Röcke und Blusen nähen. Ihre fertigen Kreationen liegen in Regalen zum Verkauf aus. Gegenüber hängen mehrere Holzstempel ordentlich aufgereiht an der Wand. Florence Ngobeni nimmt einen in die Hand, tunkt ihn in Farbe und drückt ihn auf ein Stück Stoff.

"Die Muster dieser Stempel sind alle eng mit unserer Kultur als Shangaan oder Tsonga verbunden. Ein typisches Symbol ist der Fisch. Er sieht dekorativ aus, aber er repräsentiert für uns auch das Leben. Die wellenförmigen Muster daneben sind nicht etwa das Wasser, in dem er schwimmt. Früher waren die Böden in unseren Rundhäusern aus gestampftem Kuhdung und der wurde mit den Händen in solch wellenförmigen Bewegungen aufgetragen."

Die Fassaden der Lehmhäuser wurden damals noch kunstvoll mit Farbpigmenten bemalt. Geometrische Formen in erdigen Tönen. Als Schmuck und Schutz. Heute sei das jedoch eher selten, fügt sie bedauernd hinzu. Nur die Muster der Stoffe erinnern noch daran.

Wie die meisten Frauen des Kollektivs gehört Florence Ngobeni der älteren Generation an, die noch tief in ihrer Kultur verwurzelt ist. Sie stammt aus einer Zeit, in der die sagenumwobene Königin Modjadji in dieser Region regiert hat. Eine Regentin, die der Legende nach das Geheimnis des Regenmachens gehütet und für fruchtbare Felder gesorgt hat. Einer Zeit, in der der Alltag noch von Ritualen und einer klassischen Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen geprägt war.

Über ihrer Kittelschürze trägt Florence einen farbenfrohen Umhang, den sie über einer Schulter zusammengeknotet hat. Ihre graumelierten Haare sind von einem Kopftuch bedeckt. So wie es die Tradition verlangt. Über junge Frauen in Jeans und engen T-Shirts rümpft sie eher die Nase.

"Wir haben versucht, einige dieser Mädchen hier auszubilden, damit sie unser Kollektiv später einmal weiterführen können. Die meisten springen jedoch wieder ab, wenn sie merken, dass sie hier wirklich arbeiten müssen, der Verdienst jedoch eher überschaubar ist. Sie träumen alle vom leichten, großen Geld. Uns Gründerinnen ging es dagegen nie nur ums Einkommen, sondern ebenso um den Erhalt unserer Kultur. Sie bietet uns Halt im Leben und sie interessiert auch die Touristen, die entlang unserer Ribola Kunstroute reisen."

Kulturelles Erbe als Kapital

Florence Ngobeni spricht vielen Kunsthandwerkern der Gegend aus dem Herzen. Ihr kulturelles Erbe ist ihr Kapital. Noch kommen zwar nur wenige Besucher in diese entlegene Region im Südosten Südafrikas. Mittelfristig aber, so die Hoffnung, könnte der Tourismus der perspektivlosen Jugend Zukunftschancen eröffnen und verhindern, dass sie, wie bisher, in die Großstädte abwandern.

Am Nachmittag trudelt eine Gruppe Jugendlicher bei Bildhauer Lucky Ntimani ein, viele tragen noch ihre Schuluniformen. Einige greifen zu selbst gebauten, traditionellen Instrumenten, wie Trommeln mit maskenartigen Gesichtern. Andere nehmen sich ein Stück Holz und schnitzen. Die Atmosphäre ist fröhlich-familiär.

"Momentan habe ich insgesamt 43 Schüler. Jungen und Mädchen, die hier ihre Kreativität ausleben können, von Holzschnitzerei bis zu Volksliedern und traditionellen Tänzen. Ich möchte diesen Kindern eine Zuflucht vor den Konflikten bieten, die in vielen Familien an der Tagesordnung sind. Gleichzeitig erfahren sie bei mir etwas über ihre traditionellen Wurzeln. Ich wünsche mir, dass sie unsere Kultur genauso lieben lernen, wie ich."

Lucky setzt sich hinter seine Marimba und musiziert gemeinsam mit seinen Schützlingen. Sein Mentor, Jackson Hlungwani, wäre stolz auf ihn.

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