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StartseiteBüchermarktDer Mensch macht sich die Erde untertan - und stirbt daran18.11.2018

Richard Powers: „Die Wurzeln des Lebens“Der Mensch macht sich die Erde untertan - und stirbt daran

Als ältestes und akut bedrohtes Ökosystem spielt der Wald in Richard Powers neuem Roman eine Hauptrolle. Sein Gegner, der Mensch, macht sich die Erde untertan - und wird im Sieg zum größten Verlierer. Powers hat ein Requiem verfasst, eine Begräbnisrede auf die Menschheit, noch bevor deren Tod eingetreten ist.

Von Brigitte Neumann

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Buchcover: Richard Powers: „Die Wurzeln des Lebens“ (Buchcover: S. Fischer Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Ökosystem der Erde vor dem Kollaps (Buchcover: S. Fischer Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
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Das Buch macht es dringend, will den Leser überzeugen. Es warnt, schüttelt ihn, wo er sich doch gerade eben erst damit aufs Sofa gelegt hat. Es ist schnell klar: Das wird keine gemütliche Lektüre. "Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers machen rebellisch - und zwar erst einmal gegen das Buch selbst. Denn von der ersten Seite an fordert es auf, Partei zu ergreifen. Für die Bäume. Sie in Schutz zu nehmen - vor den Menschen. Dabei ist es doch so: Wir sind ja alle schon pro Natur. Aber wer einen Garten hat, weiß, wie lästig Bäume werden können. Jedes Gemüsebeet ist schließlich wuchernden Wurzeln entrungen, zum Beispiel den auch im Roman prominent beschriebenen Pappel-Schösslingen, die Kilometer entfernt vom Mutterbaum immer wieder in Truppenstärke aus einem Wurzelrhizom emporschießen und daran gehindert werden müssen, das Beet umgehend wieder in einen Wald zu verwandeln. Ganz zu schweigen von den Bedrohungen durch Wühlmäuse, Brennnesseln, Giersch. Jeder Gärtner kennt also das Gesetz: Natur bedroht Kultur. Barbarei die Zivilisation.
Nicht so der prominente Autor von elf Wissenschaftsromanen Richard Powers. Er scheint nur die umgekehrte Aussage zu kennen: Kultur bedroht Natur. Von "brainy Powers", wie der National Book Award Preisträger in den USA genannt wird, hätte man anderes erwartet - wieder etwas Kluges, Sanftes, Aufmunterndes darüber wie der Mensch zu seinen Erfindungen in Physik, Biowissenschaften und Neurologie seelisch und moralisch aufschließen kann.

Der Roman als Notruf

Vielleicht hat er den Glauben an die Menschen verloren, denn  in "The Overstory", wie der kürzlich erschienene Roman im amerikanischen Original heißt, schlägt der 62-Jährige andere Töne an. Manchmal klingt es schrill, was man da liest, eher nach Notruf als nach Roman. Manchmal fatalistisch. "Halte durch, bis wir weg sind", dann hast du nichts mehr zu befürchten, sagt der Ex-Vietnam-Veteran Pavlicek zu einem Douglasien-Setzling. "Hundert Jahre, zweihundert, mehr brauchst Du nicht."
Oder der aus China stammende Winston Ma, der einen Grizzley-Bären von der Picknickdecke seiner Familie im Yellowstone Nationalpark vertreibt, indem er auf Chinesisch auf ihn einredet. Für seine Familie übersetzt er später:

"Mich entschuldigt! Ihm gesagt, Menschen sind dumm. Alles vergessen – woher sie kommen, wohin sie gehen. Ich sage: Keine Sorge. Menschenart verschwindet von dieser Welt, schon sehr bald. Bären bekommen wieder bestes Bett ganz für sich."

Der Ärger beginnt da, wo Richard Powers sich nicht nur als Baum-liebender Literat beweist, sondern auch als einer, der den Menschen nicht mehr allzu viel zutraut. Jedenfalls soweit sie zu denen gehören, die sich für die Krone der Schöpfung halten. Und - Hand aufs Herz - wer tut das nicht, wenn auch vielleicht nur insgeheim?  Ist nicht dieses Buch selbst der Beweis dafür, was Menschen alles können? Sogar sich das Leben der eigenen Gattung aus der Warte von Bäumen zu erzählen. Derart entthront, werden vermutlich die meisten Leser skeptisch bis ablehnend gestimmt sein. Jedenfalls am Anfang.
Schon im Vorwort zum ersten Kapitel mit dem Titel "Wurzeln" tadelt ein sogenannter "Chor aus lebendigem Holz" die Menschen:

"Hättest du auch nur ein klein wenig mehr Sinn für das Grün, dann hätten wir so viel Bedeutsames für dich, du würdest darin ertrinken."

Der Mensch als ein Organismus im Ökosystem - einer unter vielen

Abgesehen davon, dass "in Bedeutsamem ertrinken" kein verlockendes Angebot ist, gibt man ja gerne zu, verhältnismäßig taub und blind zu sein für die Mitteilungen des Grüns um einen herum. In 30 Jahren wird die Hälfte der Menschheit in Städten wohnen. Da hat das Grün nicht mehr viel zu sagen. Aber wie kommt Richard Powers, ebenfalls Mensch, dazu, sich zum Sprachrohr einer Art zu machen, von der niemand je ein Wort gehört hat?

"Das ist das Schlimme an den Menschen, die Wurzel allen Übels. Das Leben läuft an ihnen vorbei, unbemerkt. Direkt nebenan, direkt hier. Neuer Humus, der sich bildet. Der Kreislauf des Wassers. Austausch von Nährstoffen. Das Wetter. Entstehung der Atmosphäre. Nahrung und Schutz und Wohnung für mehr Gattungen von Geschöpfen, als Menschen überhaupt zählen können."

"Die Wurzeln des Lebens" ist ein Öko-Roman. Und der Trick ist, dass Powers uns zuerst einmal anstiftet, alles in Stellung zu bringen, was sich gegen Öko-Romane auch nur in Stellung bringen lässt. Gibt es nichts Langweiligeres als Öko? Ein Etikettenschwindel erster Güte, alle schreiben es sich auf die Fahnen, aber keiner meint es ernst - Autobauer, Discounter, das deutsche Volk, das erst die Energie-Wende begrüßt, dann aber gegen jedes Windrad, jede Überlandleitung protestiert, die zur Wende nötig wären. Und während Ökokampagnen Äther und Briefkästen verstopfen, hören wir in den Nachrichten, dass im Hambacher Forst 360 Jahre alte Bäume für den Braunkohletagebau abgeholzt werden sollen, dass der Co2 Gehalt in der Atmosphäre trotz Klima-Abkommen stetig ansteigt, dass die Müllmenge von derzeit zwei Milliarden Tonnen pro Jahr demnächst auf 3,4 anwachsen wird; wir hören, dass Waldbrände und Extremwetterereignisse sich häufen. Wir erinnern uns an Peter Thiel und eine Handvoll weiterer Silicon Valley Milliardäre, die sicher sind, dass die Klimakatastrophe kommt, in der Folge Hunger, Epidemien, Flüchtlingsströme, und dass auf der ganzen Welt nur Neuseeland eine sichere Zuflucht bietet. Woraufhin die Immobilienpreise dort explodieren. Und während diese Nachrichten von Zerstörung, Lethargie und Panik parallel zur Lektüre des Öko-Romans von Richard Powers abrollen, ist man das erste Mal bereit, seiner dringlich vorgetragenen literarischen Propaganda zur Rettung des Waldes, der ältesten Lebensform der Welt übrigens, zuzuhören. Aus dem schlichten Grund, weil es möglicherweise bald nichts Wichtigeres mehr gibt als solche Öko-Themen.

Ein Roman, der unsere Weigerung diskutiert, die Erde nicht weiter zu zerstören

Wie die Geschichte der Naturzerstörung mit dem Leben von Menschen verquickt ist, zeigt Richard Powers mit acht ausführlichen Figurenportraits im ersten Drittel des Buches. Da ist die Geschichte von Nick Hoel, der später eine Art Agit-Prop-Öko-Künstler wird. Seine Vorfahren kamen Mitte des 19. Jahrhunderts aus Norwegen, sie machten Land in Iowa urbar, setzten sechs Kastanien neben das Farmhaus.  Nur einer der Bäume überlebt - Dürren, Frost, den amerikanischen Bürgerkrieg, eine aus Asien stammende Pilzepidemie, die fast den gesamten Bestand dieser Art in den USA vernichtet. All das überlebt er, und zwar 170 Jahre lang, bevor ihm Mitte des 20. Jahrhunderts die Industrialisierung der Landwirtschaft im sogenannten "Corn Belt" zum Verhängnis wird. Ihm, dem Baum und der Familie.

"Jedes Jahr gibt ein weiterer Nachbar auf, sein Land wird von den gewaltigen, gnadenlos produktiven Monokulturfabriken geschluckt. Wie Menschen überall im Angesicht der Katastrophe stolpert Frank Hoel junior gutgläubig weiter. Er verschuldet sich. Er verkauft oder verpachtet Land. Er lässt sich auf Verträge mit den Saatgutkonzernen ein, auf die er sich nicht einlassen sollte. Nächstes Jahr, da ist er sich sicher, nächstes Jahr, da tut sich etwas, und das ist die Rettung, so ist es doch schon immer gewesen."

Dieser Optimismus hat etwas mit Blindheit zu tun, findet Richard Powers. Und die Blindheit mit Ignoranz, und die damit, dass der Mensch sich - zum eigenen Schaden - in den Mittelpunkt seiner Wahrnehmung stellt.
Aber wie könnte es anders sein? Einer der acht Protagonisten, die Botanikerin Patricia Westerford, fasst zusammen:

"Wenn wir einen Blick für das Grün hätten, dann könnten wir etwas sehen, das umso interessanter wird, je näher wir ihm kommen. Wenn wir sehen könnten, was das Grün alles tut, wären wir nie wieder einsam, wäre uns nie wieder langweilig.
Wenn wir wüssten, was das Grün will, müssten wir nicht wählen zwischen unseren eigenen Interessen und denen der Erde. Sie wären ein und dasselbe."

Wälder als kommunizierende Systeme

Mitte des letzten Jahrtausends tritt Dr. Westerford mit der Entdeckung hervor, dass Waldbäume ein soziales Leben führen, dass sie ober- und unterirdisch miteinander kommunizieren, Botenstoffe und Signale austauschen, sich gegenseitig vor Schadinsekten, Fressfeinden warnen, Stoffe gegen Pilzbefall entwickeln. Für diese Entdeckung wird sie erst von Kollegen belächelt, dann aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausgeschlossen, bis Jahre später andere Botaniker genau zu den gleichen Ergebnissen kommen. Ein Anruf der Verfasserin dieser Zeilen beim Leiter des botanischen Gartens in Hamburg bestätigt die tatsächliche, wissenschaftlich bewiesene Richtigkeit dieser Entdeckung.
Dr. Patricia Westerford in einer Vorlesung:

"Sie und der Baum in Ihrem Garten haben einen gemeinsamen Ahnen. Vor anderthalb Milliarden Jahren sind Sie und der Baum getrennter Wege gegangen. Aber selbst heute, wo Sie sich so weit von ihm entfernt haben, sind bei ihm und bei Ihnen noch immer ein Viertel aller Gene gleich."

Patricia Westerford, die sich in menschlicher Gesellschaft nie ganz wohl fühlt und lieber in der Natur lebt, steht später im Roman am Rand einer Baugrube und sieht zu, wie Bagger die gigantischen, tausende von Jahren alten unterirdischen Wurzelgeflechte einer Zitterpappel kappen, weil auf dem Areal eine Luxusferiensiedlung entstehen soll. Die Botanikerin hat eine Vision:

"Sie sieht es, eine Momentaufnahme in glitzerndem Gold: Bäume und Menschen im Krieg um Land und Wasser und Luft. Und sie kann es hören, lauter als das Rascheln der zitternden Blätter, welche Seite durch ihren Sieg zum Verlierer wird."

Im Moment seines finalen Sieges über die Natur wird der Mensch zum Verlierer

Der Sieg, der den viel größeren Verlust kaschiert. Das ist ein ergiebiger Gedanke. Und davon gibt es viele in Richard Powers Roman "Die Wurzeln des Lebens". Sätze wie Trichter, in die man stürzt und unten angekommen gehen Fragen auf. Das verlangsamt die Lektüre, aber es macht sie auch fruchtbar. Das Motiv des Siegers als Verlierer öffnet beispielsweise folgende Gedankenfelder: Wieso hat der Mensch sich zum eigenen Schaden derart radikal von der Natur abgespalten, wo er doch selbst Natur ist? Wie beschädigt diese Abspaltung die menschliche Natur? Wieso beschleicht mich ein peinliches Gefühl, wenn ich sehe, wie Leute Bäume umarmen? Könnte dieser berühmte alttestamentarische Befehl Gottes eine Falle gewesen sein: "Wachset und mehret Euch, erfüllt die Erde und macht sie euch untertan!" Wieso stellt Gott Fallen?

Vielleicht ist es ja keine Falle, nur eine Umleitung, und zwar in die buchstäblich wunderbare digitale Welt. Der kleine Neelay Mehta, einer der nächsten wichtigen Protagonisten dieses Romans, möchte mit seinem Vater, einem Programmierer, wie übrigens Richard Powers auch einer war, in und an dieser während seiner Kindheit noch neuen digitalen Welt arbeiten. Babul erklärt ihm, was Computer alles können. Er nimmt ein Foto aus dem Familienalbum zur Hilfe. Darauf die potentiell unendlichen Verzweigungen von Wurzeln und Ästen eines alten indischen Feigenbaumes. 

Entkommen in virtuelle Welten

"Das Foto ist klein, grün und geheimnisvoll. Ein Bündel Riesenschlangen quillt aus zerbröckeltem Stein. 'Siehst du? Auf das Tempeldach dort ist ein winziges Samenkorn gefallen. Jahrhunderte später ist der Tempel vom Gewicht dessen, was daraus wuchs, zusammengestürzt. Und trotzdem wächst es weiter und weiter.' Ein Geflecht aus Dutzenden von Stämmen wurzelt in dem alten Mauerwerk. Tentakel tasten sich in die Ritzen, dann sprengen sie den Stein. Eine Wurzel mit mehr Umfang als der Torso von Neelays Vater kriecht über einen Türsturz und hangelt sich wie ein Stalaktit in den Türbereich darunter. Die Art, wie diese Pflanze ihre Fühler ausstreckt, ängstigt den Jungen, aber er kann den Blick nicht abwenden. Es hat so viel von einem Tier, wie die Stämme die Ritzen zwischen den Steinen ertasten und ihnen folgen. Wie der Rüssel eines Elefanten. Anscheinend kennen sie ihren Weg genau und verfolgen ihn unbeirrt. Der Junge denkt: Da ist etwas, das will, auf seine bedächtige und zielstrebige Art, jedes Bauwerk, das die Menschen errichten, in Erde verwandeln. Aber sein Vater hält Neelay das Foto vor die Nase, als hätte er damit einen Beweis dafür, dass das Schicksal ihnen gewogen ist. 'Siehst du? Wenn Wischnu einen so riesengroßen Feigenbaum in ein Samenkorn so klein stecken kann …' Der Mann beugt sich vor, zwickt seinen Sohn in die Spitze des kleinen Fingers. 'Dann kannst du dir vorstellen, was wir alles noch in unsere Maschine reinbekommen.'"

Mit 12 programmiert Neelay sein erstes Spiel - während des Unterrichts und wird von der Lehrerin dabei erwischt. Aus Angst vor der Enttäuschung seiner Mutter versteckt er sich in der Krone einer Steineiche in der Nähe des Elternhauses, fällt herunter und ist künftig an den Rollstuhl gefesselt. Nun hält ihn nichts mehr davon ab, zum Erfinder virtueller Welten zu werden. Welten, die einen Ausweg bieten, bessere Welten gleich neben der alten, in der es zu viel Hoffnungslosigkeit gibt. Neelay erfindet ein Spiel, in dem es darum geht, die Erde zu retten, eine virtuelle Welt, in der Bäume die Helden sind, "mitteilsame, empfindungsbegabte Wesen", ist er überzeugt.

"In den Canyons drängen sich die orangeroten Erdbeerbäume, deren Stämme sich zu cremigem, klebrigem Grün schälen. Steineichen wie die, die ihn zum Krüppel gemacht hat, besiedeln die Felsspalten. Und in den kühlen Korridoren der Bergbäche, mit ihrem Geruch nach Schluff und verrottenden Nadeln, brüten Mammutbäume über einem Plan, dessen Umsetzung tausend Jahre dauern wird – dem Plan, der ihn nun für sich eingespannt hat, auch wenn Neelay glaubt, es sei sein eigener."

Der Mensch versteht nur, worin er sich erkennt

Ein Roman aus der Perspektive von Bäumen, die wiederum so ähnlich wie Menschen sind. Denn, wie Richard Powers schreibt: "Leute sehen die Dinge besser, wenn sie aussehen wie sie." Ganz so wie der große Naturforscher des 18. Jahrhunderts Johann Wolfgang von Goethe, denkt er sich aus, was wäre, wenn die Bäume "menschliche Zungen und Herzen hätten, durch die sie fühlten und sprächen." So steht es in Goethes Fragment gebliebenem Essay "Die Natur". Und weiter: "Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe."

Genau das hat Richard Powers gemacht. Er liebt das Subjekt seines Romans, den Wald, so sehr, dass es ihn bei der Beschreibung einzelner "Baumpersönlichkeiten" in ungemein poetische Höhen treibt. Aber auch in philosophische. Und politische. Er diskutiert ein umfassendes Spektrum von Haltungen, Forschungsergebnissen, Thesen, Gefühlen. Das Buch changiert stilistisch zwischen Oratorium, Lexikonartikel und aufrührerischem Pamphlet. Die Sprache bleibt sich gleich, nur die Figuren wechseln. Im Furor der Absicht, dem Roman die Kraft zu verleihen, wirklich etwas zu bewegen, den Wald zu retten, ist die Vielfalt der Figurenrede irgendwo auf der Strecke geblieben. Es spricht der immer gleiche Autor aus jeder Zeile. Aber das ändert nichts an der intellektuell packenden Qualität des neuen Powers. Und an der Spannung -  Der Roman "Die Wurzeln des Lebens" hat über weite Strecken Thriller-Qualitäten.

Seine acht Protagonisten, die später zu Aktivisten, dann zu Waldbesetzern werden, schließlich wegen ihrer Anschläge auf Rodungsbagger und Caterpillar als Ökoterroristen gelten, sind außerordentliche Figuren. Es eint sie die Unfähigkeit zur Anpassung. Der Psychologe Adam Appich, der erst mit dem Ziel zur Gruppe der Baumbesetzer stößt, die Motive ihres devianten Minderheitenverhaltens zu erforschen und bleibt, als er begreift, dass die Mehrheit in diesem Fall wider jede Vernunft handelt, schreibt folgendes auf: 

"Kognitive Blindheit wird die Menschen für alle Zeiten daran hindern, das zu tun, was gut und richtig für sie wäre. (...) Die Fähigkeit, einfache Verstandesleistungen zu erbringen? Mangelhaft. Die Fähigkeit, einander zu jagen? Außergewöhnlich, herausragend geradezu. (...) Wir sind allesamt gefangen in den Körpern gerissener, machtgieriger Gesellen, die nehmen, was sie nur kriegen können – sind, wie wir sind, um in der Savanne dadurch zu überleben, dass jeder den anderen in Schach hält."

Powers Roman "Die Wurzeln des Lebens" als romantisches Requiem

Und dieses Forschungsergebnis der Romanfigur Adam Appich, das ja auch in der tatsächlichen Welt so gemacht wurde, beantwortet ebenfalls die Frage, wieso Powers nicht wieder einen seiner klugen, sanften, aufmunternden Wissenschaftsromane geschrieben hat. Es hätte in Punkto Ökologie nichts genützt. Der Mensch kann langsam ablaufende, große Veränderungen im Hintergrund nicht wahrnehmen, sobald vor seinen Augen lauter akut wichtige Dinge passieren - Flüchtlinge kommen und gehen, der neue SUV ist da, Houellebecq heiratet das dritte Mal. Nur zum Beispiel.

Ein Roman mit dringlichem Anliegen. Mit erzieherischem Impetus, mit politischer Botschaft. Alles, wovon wir gehört haben, dass Romane dies nicht haben sollten. Es ginge auf Kosten der Kunst. Aber so einfach ist es nicht. Denken wir an John Burnside mit seinem 2008 erschienenen hochgelobten Thriller "Glister" über eine durch chemische Abfälle vergiftete Landschaft in Schottland. John Burnside, der eine Professur für Literatur und Ökologie an der britischen St Andrews Universität innehat, sagte damals, er habe eine Allegorie darauf geschrieben, wie wir Natur gering schätzten. Mit der Folge, dass reiche Leute und große Firmen viel Geld mit deren Zerstörung verdienten. Das Buch handle von unserer Weigerung, etwas dagegen zu unternehmen.

Das alles trifft auch auf Richard Powers neuen Roman "Die Wurzeln des Lebens" zu, außer dass er die in den Mittelpunkt rückt, die sich gegen die Zerstörung der Natur, hier im Speziellen: der Wälder, zur Wehr setzen. Das Buch ist keine dieser modischen Sci-Fi-Dystopien, sondern bezieht seine Kraft aus der Beschreibung bedrohter Naturschönheit. Und aus einer neuen Perspektive auf den Menschen als eines unter anderen biologischen Wesen in einem großen Ökosystem, das seine Sensoren für die Sprache der Natur gekappt hat, indem er behauptet, eigentlich nicht dazu zu gehören, sondern darüberzustehen. Als ob er nicht heimisch werden wolle auf der Welt.

Dachte man am Anfang, der Roman "Die Wurzeln des Lebens" sei im Prinzip ein flehentliches Gebet, das eine lang zerbrochene Einheit beschwört, so trifft einen am Ende die Einsicht wie ein Schlag: Richard Powers hat ein romantisches Requiem geschrieben, eine Begräbnisrede auf die Menschheit, noch bevor der Tod definitiv eingetreten ist. Ihr Ziel ist es, die Leser davon zu überzeugen, dass er eintreten wird. Und dass es gut so ist. Nicht direkt ein Verkaufsargument. Aber vielleicht macht uns dieses Buch ja endlich rebellisch. Lesen Sie es!

Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens"
aus dem Amerikanischen von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 617 Seiten, 26 Euro.

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