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StartseiteKultur heuteSelbsttäuschung in der Vorort-Hölle01.03.2019

Richard Yates am Deutschen Theater BerlinSelbsttäuschung in der Vorort-Hölle

Seit der Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo Di Caprio ist „Zeiten des Aufruhrs“ zum modernen Klassiker avanciert. Der Selbstbetrug der amerikanischen Mittelschicht wird perfekt seziert, der Traum von der Emanzipation angezweifelt. Nun hat Jette Steckel den Roman in Berlin auf die Bühne gebracht.

Von Barabara Behrendt

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Eine Szene aus "Zeiten des Aufruhrs" nach dem Roman von Richard Yates am Deutschen Theater Berlin. (Arno Declair)
"Zeiten des Aufruhrs" am Deutschen Theater Berlin. Auf dem Bild: Maike Knirsch, Alexander Khuon, Maren Eggert (Arno Declair)
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Es beginnt mit einem Stück im Stück: April spielt eine Frau im 50er-Jahre-Kleid, die ihrem Gatten ein Frühstück bereitet. Ein Streit ist dem Morgen vorausgegangen, das Paar soll Entfremdung zeigen – aber April und ihr Nachbar "Shep", der hier den Ehemann gibt, stehen nur hölzern herum.

Frank: April; das war jetzt richtig schön. Ich weiß nicht, wann ich jemals so schön  

gefrühstückt hab.

April: Danke. Freut mich; mir hat’s auch gut gefallen.

Frank: Dann bin ich dir also wirklich nicht – bin ich dir also nicht zuwider oder so?

April: Nein; natürlich nicht. Mach’s gut.

Frank: Danke. Du auch. Bis dann.

Spiel wird Wirklichkeit

Was April und "Shep" als misslungene Aufführung der Laienspieltruppe geben, ist für April und ihren tatsächlichen Ehemann Frank drei Theaterstunden später Wirklichkeit geworden. Es sind die letzten Worte, die sie miteinander wechseln, bevor April eigens das Kind in ihrem Bauch abtreibt – und dabei verblutet.

Frank: April; das war jetzt richtig schön. Ich weiß nicht, wann ich jemals so schön    

gefrühstückt hab.

April: Danke. Freut mich; mir hat’s auch gut gefallen.

Frank: Dann bin ich dir also wirklich nicht – bin ich dir also nicht zuwider oder so?

April: Nein; natürlich nicht.

Sweet home als stromlinienförmiges Vorstadtleben

Maren Eggert und Alexander Khuon sind das Zentrum dieses psychologischen Spiels über den Selbstbetrug eines Paares, das sich für etwas Besonderes hält: nicht geschaffen für das stromlinienförmige Vorstadtleben mit Kindern und Cocktailpartys. Eggert gibt ihre April unnahbar, schroff, innerlich verzweifelt – nichts Mädchenhaftes liegt in ihr. Khuons Frank probiert sich mit vielen klugen Worten in einer Bodenständigkeit, die seine Furcht vor dem Unbeherrschbaren überdecken soll.

Das Sprechen, dem jeder Sinn verloren geht – dafür stehen, arg  bedeutungsschwanger, die überlebensgroßen Neonbuchstaben, die in verschiedenen Farben leuchten wie auf dem Broadway. "Sweet Home" ergeben sie zu Anfang. Sie werden über die Drehbühne gerollt, dienen als Sitzgelegenheit und Partytisch, bevor sie sich für die finale Frühstücksszene beinahe hämisch zum leuchtendroten Wort "Show" zusammenfinden.

In der Bühnenmitte sitzt ein Jazz-Trio, das dem Abend seine nostalgisch-melancholische Whiskey-Atmosphäre verleiht. Das berührendste Lied aber gehört Maren Eggert. Wenn sie Frank im Anschluss euphorisch ihren Plan präsentiert, möchte man noch an ein gutes Ende glauben:

April: Verzeih mir Frank.

Frank: Was soll ich dir verzeihen, April?

April: Einfach alles. Ach, ich muß dir so viel sagen, und ich hab einen ganz tollen Plan, Frank. Hör zu. Wir gehen im September für immer nach Europa. Nach Paris. Weißt Du, wieviel Geld wir gespart haben? Wir haben genug, um bequem sechs Monate zu leben. Und es würde bestimmt keine sechs Monate dauern, bis wir uns wieder neu eingerichtet hätten und finanziell unabhängig wären...

Frank: Hör mal. Schatz. Was für eine Arbeit könnte ich dort…

April: Überhaupt keine. Es geht darum, dass du gar keine Arbeit brauchst, weil ich das dann übernehme. Hast Du eine Ahnung, wie viel eine Sekretärin in den Außenstellen der Regierung in Europa verdient?

Feinsinniges Schauspielduo sorgt für Beklemmung

Ein paar Wochen später ist sie wieder schwanger und der Traum von Europa passé. Jette Steckel stellt Aprils Schicksal ins Zentrum und erzählt die Geschichte als eine der gescheiterten Emanzipation. April, die von ihrem Mann zum Psychiater geschickt wird, weil sie sein drittes Kind nicht austragen will. So manches hat sich seit 1955 verändert, doch das Rollenbild der Frau zwischen Karriere, Selbstverwirklichung und Mutter ist nach wie vor spannungsreich. Steckel belässt den Roman deshalb in seiner Zeit und schaltet von Tragödie auf Komödie, sobald es um das konformistische Gesellschaftspanorama geht, um die tratschsüchtigen Nachbarn, die oberflächlich flötende Maklerin.

Bei allem Mitgefühl für Aprils Dilemma kommt Frank deutlich schlechter weg als im Roman. Während man beim Lesen hineingezogen wird in Franks Verunsicherung mit seiner Rolle als Mann, fehlt diese Innensicht auf der Bühne. Hier sieht man nur seine egoistische und feige Reaktion: seine Affäre; die Moralkeulen, die er gegen April schwingt, um nur ja nicht umziehen zu müssen – Frank wird zum reinen Verhinderer von Aprils Lebensglück. 

Damit macht es sich die Regisseurin natürlich zu leicht. Und doch ist der Abend mit seinem feinsinnigen Schauspielduo in den Hauptrollen oft beklemmend. Nicht zuletzt, wenn April nach dem "schönen Frühstück", das sie Frank bereitet hat, das Blut zwischen den Beinen herabrinnt.

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