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StartseiteForschung aktuellRiemen statt Fahrradkette29.08.2012

Riemen statt Fahrradkette

Innovative Antriebstechnologien auf der Messe Eurobike

Seit rund 130 Jahren werden Fahrräder vor allem per Kette angetrieben, die den vergleichsweise schwachen Motor Mensch mit ihrem hohen Wirkungsgrad unterstützt. Doch leider kann sie rosten, muss geölt werden und verschmutzt leicht. Der Karbon-Keilriemen des US-Herstellers Gates will die Nachfolge der Kette antreten und ist auf der Messe Eurobike in Friedrichshafen an vielen Rädern zu sehen.

Von Thomas Wagner

Gates-Riemenantrieb am Mountainbike (Gates)
Gates-Riemenantrieb am Mountainbike (Gates)
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An der Lenkstange befindet sich eine Klingel wie aus Großelterns Zeiten. Doch statt einer traditionellen, öligen Kette verfügt dieses Fahrrad über einen Kunststoff-Riemen zwischen Tretlager und Hinterrad.

"Der Riemen tritt sich etwas leichter als die Kette. Der Riemen braucht keine Schmierung. Er ist immer sauber, sodass Hosen und Beine sauber bleiben", "

zählt Markus Mehigon vom Fahrradhersteller Velotraum aus Weil der Stadt die Vorteile eines neuen Antriebssystems aus: "Center-Track" - dahinter verbirgt sich die Idee des amerikanischen Automobilzulieferers Gates, die klassische Fahrradkette durch einen Riemen aus stabilem Kunststoff zu ersetzen. Gates baute ursprünglich Zahnriemen für große Automarken, aber auch für den legendären Motorradhersteller Harley Davidson. Doch eins zu eins ließen sich die Kunststoff-Zahnriemen nicht aufs Fahrrad übertragen: Sind die beiden Ritzel am Tretlager und am Hinterrad lediglich um wenige Millimeter gegeneinander verschoben, gibt es bei herkömmlichen Riemensystemen ein großes Problem:

" "Der Riemen ist dann eben vorne oder hinten runtergelaufen, je nachdem, wo es verstellt war."

Das hänge mit der erheblich starreren Struktur eines Kunststoff-Riemens im Vergleich zur traditionellen Kette zusammen, so Jan Tönisson von Universal Transmissions, das CenterTrack auch in Europa vermarktet. Der US-amerikanische Hersteller Gates löst das Problem dadurch, dass er seine Kunststoff-Riemen mit einer speziellen Oberflächenstruktur versieht. Allerdings wird in den Riemen nicht nur eine Zahnstruktur eingearbeitet, die in ein entsprechendes Zahnrad greifen kann. Zusätzlich befindet sich in der Mitte eine spezielle Führungsrille, die den Riemen stabil auf dem Ritzel hält. Damit wird ein Abrutschen verhindert; CenterTrack stellt somit nach Ansicht von Markus Mehigon eine gute Alternative zur klassischen Fahrradkette dar.

"Wir haben eine längere Lebensleistung. Wir wissen, dass wir bei gleicher Laufleistung die doppelte Lebensdauer einer Kette erreichen."

Obwohl der Fahrradhersteller Velotraum einen Teil seiner Fahrräder mit dem Riemensystem CenterTrack anbietet, sieht Markus Mehigon auch die Nachteile:

"Er ist erheblich empfindlicher, was mechanische Einwirkungen angeht, als die Kette. Man kann an Steine denken, Äste, die sich da mal 'reinwickeln. Oder es kommt einmal ein Pedal in den Riemen. Und das kann den Riemen schädigen. Und er kann im Betrieb auch reißen."

Dieses Fahrrad ein paar Messestände weiter verfügt zwar über eine klassische Kette. Allerdings vermisst der Beobachter am Hinterrad die übereinander liegenden Zahnräder unterschiedlicher Größe, die charakteristisch sind für die klassische Kettenschaltung. Stattdessen klickt es beim Betätigen des Schalthebels in einem metallischen Kästchen direkt über dem Tretlager - die 18-Gang-Gehäuseschaltung des Unternehmens Pinion aus dem baden-württembergischen Denkendorf:

"Das heißt: Wir haben sehr leichte Gänge, mit denen Sie sehr gut die Berge hoch fahren können. Wir haben aber gleichzeitig auch eine sehr große Spreizung, dass wir auch sehr schwere Gänge haben, mit denen sie auf der Ebene sehr schnell vorwärtskommen."

Einerseits kurze Übersetzungen für sehr steile Strecken, andererseits lange Übersetzungen für flache Strecken, wo es schnell gehen soll: Eine solch breite Spreizung sei bei der klassischen Kettenschaltung nicht möglich, so Pinion-Manager Kai Fuchs. Daneben verfügt die Pinion-Box über einen weiteren Vorteil: Sie funktioniert nahezu wartungsfrei - im Gegensatz zur Kettenschaltung, die regelmäßig geölt und nachjustiert werden muss. Von ihrem Innenleben her lehnt sich die Getriebebox denn auch eher an die Getriebetechnik beim Auto als an die klassische Kettenschaltung an: Statt nebeneinanderliegender Zahnräder werden in der Pinion-Box neun Zahnräder nach dem System sogenannter Stirnrad-Getriebe miteinander kombiniert; dies ergibt die verbesserte Spreizung der Gänge. Allerdings:

"Der einzige Wermutstropfen ist, dass der gesamte Fahrradrahmen um das Getriebe herum gebaut werden muss. Das heißt: Das Bauteil ist nicht nachrüstbar in vorhandenen Fahrrädern. Man braucht dazu ein neues Rahmensystem."

Außerdem ist die Getriebebox knapp über ein Kilogramm schwerer als die klassische Kettenschaltung. Da muss der Fahrer dann eine kleine Spur kräftiger in die Pedale treten.

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