Samstag, 16.02.2019
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteKultur heuteRiesen in Berlin01.10.2009

Riesen in Berlin

"Spielzeit Europa" präsentiert überlebensgroßen Marionetten

Das Theater- und Tanzprogramm der Berliner Festspiele, "Spielzeit Europa", soll Produktionen aus Europa nach Berlin holen. Dieses Jahr bringt die französische Straßentheatergruppe "Royal de Luxe" Riesen in die Hauptstadt: Bis zu 13 Meter hohe Marionetten wandern zum Brandenburger Tor und anderen Wahrzeichen Berlins.

Eberhard Spreng im Gespräch mit Dina Netz

Der Riese von "Royal de Luxe". (Albrecht Gruess)
Der Riese von "Royal de Luxe". (Albrecht Gruess)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Pocket
  • Drucken
  • Podcast

Dina Netz: "Spielzeit Europa", so heißt das Theater- und Tanzprogramm der Berliner Festspiele. Die Idee ist, dass Produktionen aus Deutschland und Europa zu diesem Festival anreisen, die man sonst nicht in Berlin sehen würde und die neue, ungewöhnliche Handschriften zeigen.

Dieses Jahr ist in der Tat einiges ungewöhnlich, merkwürdig ist zum Beispiel, dass "Spielzeit Europa" einen Vertrag mit der Choreografin Sasha Waltz geschlossen hat, die ohnehin in Berlin lebt, und Arbeiten aus den Jahren 2004 und 2008 zeigt. So war das eigentlich nicht gedacht. Und eröffnet wurde die diesjährige "Spielzeit Europa" heute mit einem zirzensischen Spektakel, das auch eher ungewöhnlich ist für dieses Festival: Die französische Gruppe "Royal de Luxe" bringt Riesen mit nach Berlin. Eberhard Spreng, was hat es denn mit diesen Riesen auf sich?

Eberhard Spreng: Ja, Dina Netz, diese Riesen gehören zum Inventar einer traditionellen französischen Straßentheatertruppe, die schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in dieser Tradition des Straßentheaters, das ja in den 70er-, 80er-Jahren mal sehr stark war, den Erfindergeist immer weiter getrieben hat und eine Art Fusion von Marionette und Lastkraftwagen hinbekommen hat.

Es geht da um zwei zehn, sogar fast 13 Meter beziehungsweise sechs Meter große Puppen, die durch die Straßen der Hauptstadt spazieren werden und dann am 3. Oktober, am Einheitstag sozusagen, sich zusammenfinden vor dem Brandenburger Tor, sich in die Arme schließen, womit dann sozusagen symbolisch noch einmal, 20 Jahre nach dem Mauerfall, oder noch nicht ganz 20 Jahre nach dem Mauerfall, an die Wiedervereinigung der beiden Deutschlands gedacht werden soll.

Das ist natürlich vor allem ein großer Spaß für Kind gebliebene Erwachsene und für Kinder, man soll es mit Kinderaugen anschauen, denn es ist beeindruckend, wie diese vielen Helfer mit Seilzügen, Seilwinden, Flaschenzügen diese riesengroßen Puppen, die an diesen Lastwagenkränen hängen, durch die Straßen bewegen. Es geht um das Spektakuläre dieses Maschinentheaters, aber sicher nicht um die Geschichte, die sich da in den nächsten drei Tagen an einer Station nach der anderen in der Stadt entwickeln wird, am Roten Rathaus, am Brandenburger Tor, das war ja schon erwähnt, am Hauptbahnhof und an verschiedenen anderen Stellen der Stadt.

Netz: Ist es denn für dieses Festival "Spielzeit Europa", das ja neue Handschriften nach Berlin holen will, neue, künstlerische Positionen zeigen will, eine angemessene Eröffnung? Das klingt ja eigentlich eher ein bisschen kitschig, ein bisschen putzig.

Spreng: Es klingt kitschig, die Geschichte ist ausgesprochen putzig, sie ist so hanebüchen, dass ich sie hier gar nicht erzählen möchte. Vor allem gehört das Ganze mit zu dem, was wir hier in Berlin mittlerweile ja auch schon sehr viel kennen, sehr viel sehen: Es ist Teil der Spaßkultur und Teil von Veranstaltungen, die sich immer an die ganze Stadt wenden, immer im Grunde genommen in Begleitung mit irgendwelchen Würstchenständen und Bierausschänken und insofern auch eingebunden an das, was auf dieser Spaßmeile Deutschland, nämlich zwischen dem Großen Stern und Brandenburger Tor, in regelmäßigen Abständen, früher mal mit der Loveparade oder anderen Veranstaltungen, passiert.

Das hat wenig mit Theater zu tun, wenngleich die künstlerische Leiterin der Berliner Festspiele, Brigitte Fürle, dieser Gruppe "Royal de Luxe" seit 15 Jahren hinterherreist und es tatsächlich, so sagte sie es mir, für die bezauberndsten und wunderschönsten Theatererfindungen hält, die sie überhaupt gesehen hat. Im Grunde genommen erfüllt sie sich einen, wenn man so will, Kinderwunsch, indem sie dieses Projekt, das sie schon seit vielen Jahren mit sich rumträgt, in diesem Jahr, 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, realisiert zu Beginn der Spielzeit.

Aber wenn die Berliner Festspiele in diesem Jahr auf die Straße gehen, dann heißt das nicht, dass sie nicht wieder nach Hause zurückkommen, aber nur, was sie dann dort machen, hat wenig mit Theater zu tun, es sind reine Theatergast ... reine Tanzgastspiele. Pardon.

Netz: Genau, lassen Sie uns noch über den Rest des Festivals reden, Herr Spreng. Das wäre jetzt genau meine Frage gewesen: Es gibt kein Schauspiel, es gibt nur Tanz, und ich habe vorhin schon gesagt: Sasha Waltz ist gleich mit zwei Produktionen eingeladen, die ja nun sowieso in Berlin tätig ist. Was ist zu halten von dem "Spielzeit Europa"-Programm 2009?

Spreng: Ja, es setzt ein bisschen eine Problematik fort, die sich eigentlich im Grunde genommen auch in den Vorjahren schon abzeichnete, seit Brigitte Fürle dieses Festival leitet. Es ist ja eigentlich gemeint als ein Festival für die großen, internationalen Highlights, konzentriert sich aber in wachsendem Maße doch auf das, was im Grunde genommen hier in Berlin ohnehin schon zu sehen ist: Im letzten Jahr waren es zwei große Theatergastspiele von Andrea Breth und Luc Bondy, die ja nun in Berlin keineswegs Unbekannte sind, und Sasha Waltz arbeitet, lebt und arbeitet hier in dieser Stadt. Nadja Saidakova ist die erste Solotänzerin im Berliner Staatsballett und wird eine Uraufführung, also eine eigene Choreografie, erarbeiten, die sie herausbringt.

Das ganze Programm hat doch sehr starke mitteleuropäische, berlinische Schwerpunkte. Und da, denke ich, fehlt mir ein bisschen der Blick über die Landes- und vor allem auch über die europäischen Grenzen hinaus.

Netz: Eberhard Spreng war das mit einer Einschätzung des Programms von "Spielzeit Europa", das in diesem Jahr zu wünschen übrig lässt. Vielen Dank!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk