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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturRingen mit dem autoritären Vater06.05.2013

Ringen mit dem autoritären Vater

Susanna Filbinger-Riggert: "Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie", Campus

Der baden-würtembergische Ministerpräsident Hans Filbinger trat 1978 nach einem politischen Skandal um seine NS-Vergangenheit zurück. Seine Tochter Susanne Filbinger-Riggert hat sich mit dem umstrittenen Politiker auseinandergesetzt und glaubt, dass er als Marinerichter moralische Schuld auf sich geladen habe.

Von Gemma Pörzgen

Der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger im Jahr 2003. (AP)
Der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger im Jahr 2003. (AP)
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Hans Filbinger war schon zu Lebzeiten umstritten. Als CDU-Ministerpräsident in Baden-Württemberg von 1966 bis 1978 gehörte er zum rechten Flügel seiner Partei. Er war Gegner der Ostpolitik und glühender Verfechter des "Radikalenerlasses". Im Jahre 1978 trat der rechtskonservative Politiker nach einem politischen Skandal um seine NS-Vergangenheit zurück. Nach Veröffentlichungen des Schriftstellers Rolf Hochhuth waren vier Todesurteile gegen Wehrmachtsdeserteure bekannt geworden, die Filbinger 1943 und 1945 als damaliger Marinerichter und NSDAP-Mitglied beantragt und gefällt hatte. Nach seinem spektakulären politischen Sturz bemühte sich der CDU-Politiker bis zu seinem Tod um eine Rehabilitierung. Seine älteste Tochter stellt ihrem Buch nun ein Vorwort voran, in dem sie sich von der Rolle ihres Vaters in der NS-Zeit distanziert. Sie schreibt:

"Mein Vater war Marinerichter in einem totalitären, verbrecherischen System und hat als solcher moralisch Schuld auf sich geladen. Wie viele andere Offiziere hat er sich für das Funktionieren des 'Systems Wehrmacht' instrumentalisieren lassen. Seine Biografie enthält Brüche und Widersprüche, die auch das Verhältnis Vater-Tochter geprägt und für mich zu schwierigen Auseinandersetzungen und Erlebnissen geführt haben. Ich habe Zeit gebraucht, um mich differenziert mit der Vergangenheit meines Vaters auseinanderzusetzen. Es ist eine Auseinandersetzung, das habe ich bei der Arbeit an diesem Buch festgestellt, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Auch ich ringe immer wieder und immer noch mit dem, was war, und dem, was ist. Vielleicht werde ich nie ganz 'fertig' mit allem sein."

Den Anstoß, das Buch "Kein weißes Blatt" zu schreiben, gab 2009 der überraschende Fund von Tagebüchern des Vaters. Susanna Filbinger-Riggert löste das Elternhaus auf und entdeckte im Arbeitszimmer 60 schwarz eingebundene Kladden. Der frühere CDU-Politiker hatte darin mehr als 30 Jahre lang Erlebnisse und Überlegungen aufgeschrieben. Diese Tagebücher bestärkten die Tochter darin, ihre Auseinandersetzung mit dem Vater noch einmal anzugehen – und zwar schreibend. Als "Vater-Tochter", die Filbinger wiederholt auf Ministerreisen begleitete, sah sie sich dafür besonders prädestiniert:

"Ich habe schon früh innerhalb der Familie eine bestimmte Rolle übernommen. Ich habe sie mir nicht ausgesucht, sie ist mir zugefallen, vielleicht auch zugedacht worden? Jedenfalls geschah es eher intuitiv. Ich fühle eine Art Verantwortung, die ich für unsere Familie zu tragen hatte, als Älteste von uns Geschwistern und dann auch als enge Vertraute meines Vaters."

Dieses Selbstbild scheinen in der Familie nicht alle zu teilen. Der Bruder, Matthias Filbinger, Unternehmensberater und Grünen-Politiker aus Stuttgart, bekämpft öffentlich das Buch seiner Schwester. Wegen seiner Einsprüche zog der Campus-Verlag die erste Druckauflage bereits zurück. In dem nun veröffentlichten Buch gibt es keine wörtlichen Zitate mehr aus den Tagebüchern. Stattdessen zitiert die Autorin nur noch indirekt aus den Aufzeichnungen des Vaters. Bei der Lektüre glaubt man diese Verwässerung zu spüren und wünscht sich, genauer zu erfahren, was Filbinger denn nun tatsächlich meinte. So schreibt die Tochter beispielsweise über den heißen Herbst 1977:

"Besonders schreckt mich die rohe, fast brutale Sprache, die Vater jetzt gebraucht, wenn er über politische Gegner schreibt, aber auch über die eigenen Parteifreunde und vor allem gegenüber der Presse. Ich erkenne meinen Vater darin nicht wieder und frage mich, was die tieferen Gründe hierfür gewesen sein mögen. Die aufgeheizte Atmosphäre dieser Tage im Herbst 1977, die ungeheure Spannung, unter der das ganze Land stand, in seinen Worten finde ich sie gespiegelt. War es für ihn ein Weg, den Druck der letzten Monate loszuwerden, indem er in seinem Tagebuch niederschrieb, was er in einem Gespräch nie gesagt hätte?"

Wer eine politische Biografie Hans Filbingers erwartet, wird von dem Buch eher enttäuscht. Über weite Strecken widmet sich die Autorin ihrem eigenen Leben, den Jugendjahren im Internat, dem Studium in London. Die Unternehmensberaterin schlug sich tapfer als alleinerziehende Mutter eines Sohnes durch und arbeitete mehrere Jahre in den USA, bevor sie in die Heimat zurückkehrte. Die studierte Politologin scheut sich außerdem davor, ihren Vater im Gefüge der Bundesrepublik Deutschland politisch zu verorten und seine weltanschaulichen Überzeugungen zu analysieren. So bleibt es befremdlich, dass sie beispielsweise das große Engagement Filbingers für das umstrittene Studienzentrum Weikersheim – einer wichtigen Wirkungsstätte der neuen Rechten – noch nicht einmal erwähnt, geschweige denn erläutert. Trotz solcher Schwächen ist Susanna Filbinger-Riggert ein sehr persönliches Buch über ihr schwieriges Verhältnis zum autoritären Vater gelungen. Besonders berührend sind die Passagen, in denen die Autorin schildert, wie stark sie als Tochter unter dem Druck der Öffentlichkeit litt. Auf den Seiten, auf denen sie den Rücktritt des Vaters aus ihrer privaten Perspektive heraus als "meinen Weltuntergang" schildert, denkt man unwillkürlich an jüngste Politiker-Rücktritte und deren traumatische Wirkung, beispielsweise auf die Kinder von Bundespräsident Christian Wulff. Die Autorin haben solche Gedanken offenbar auch bewegt:

"Ich habe immer gedacht, wie schrecklich das war. Aber heute, denke ich, wäre es noch viel schlimmer. Heute hätten sie Kameras auch in unsere Gesichter gehalten, in die Gesichter von Frauen und Kindern. So nah wie eben möglich und die Mikrofone hätten sie uns vor den Mund gepresst: 'Wie fühlen Sie sich mit diesem gescheiterten Vater? Was empfindet eine Tochter, wenn der Vater ein Naziverbrecher ist?' Das hätten sie dann im Fernsehen gezeigt, mit Werbeunterbrechung in einer Art Dauerschleife, und dann ein Kommentar und dann eine Talkshow und dann ein Politikbarometer und dann die Wiederholung und dann ein Interview mit jemandem, der uns schon als Kinder kannte, als wir schon ungezogen waren... Wenn man es so betrachtet, war man uns damals gnädig."

Umso trauriger ist es, dass nun auch der familiäre Konflikt um das Buch in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Der Streit um Filbingers politisches Erbe findet offenbar kein Ende.

Susanna Filbinger-Riggert: "Kein weißes Blatt. Eine Vater-Tochter-Biografie", Campus Verlag, 283 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-593-39803-7

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