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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMedienkritik als politischer Breitensport17.11.2016

Ringvorlesung zur "Lügenpresse"Medienkritik als politischer Breitensport

Es war für Donald Trump nicht nur ein Wahlkampf gegen die politische Elite in Washington, auch die Medien wurden von ihm immer wieder angegriffen für ihre einseitige Berichterstattung. Auch in Deutschland werden Medien vielfach als "Lügenpresse" tituliert. Wo liegen die Ursachen dieser Glaubwürdigkeitskrise, in der bestimmte Gruppen die Medien sehen?

Von Ursula Storost

"Lügenpresse" steht am 20.02.2016 in Mainz (Rheinland-Pfalz) bei einer Kundgebung des islam- und flüchtlingsfeindlichen Pegida-Ablegers "Karlsruhe wehrt sich" gegen den Südwestrundfunk (SWR) auf einem Schirm.  (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
"Lügenpresse" wird häufig auf Demonstrationen der Pegida-Gruppierung skandiert. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
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Glaubt man einer vom Medienmagazin Zapp in Auftrag gegebenen Studie, ist das Vertrauen in die Berichterstattung der Medien im Sinkflug begriffen.Befeuert wird der Vertrauensschwund durch Anhänger der populistischen AfD und der Pegida-Bewegung, die bei ihren Aufmärschen den Journalismus pauschal verunglimpfen.

"Also es sind etwa 15 Prozent, die von Lügenpresse sprechen. Am anderen Ende haben wir fünfzig bis sechzig Prozent in der Bevölkerung, die ihr Vertrauen ausgesprochen haben gegenüber der Presse. Und dann gibt es noch etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent, die nicht so sicher sind", sagt Irene Neverla, Professorin am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie koordiniert eine Vorlesungsreihe zum Thema Lügenpresse.

"Lügenpresse ist ja kein neuer Begriff. Den gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Und er ist immer wieder zur Diffamierung von Gegnern benutzt worden. Das hat die katholische Kirche gegen die liberale Presse, die wilhelminische Presse gegen die Sozialdemokraten und dann die Nazis gegen alles, was nicht Nazi-Presse war. Aber dann später auch in der DDR. Also die SED gegen die bürgerlich-westliche Presse."

Wenn heute von der Lügenpresse die Rede ist, so Irene Neverla, sei das auch ein Zeichen von Unzufriedenheit und Ängsten in der Gesellschaft. "Ich denke nicht nur die mit der Globalisierung verbundenen Ängste vor persönlichem Absturz oder sozialer Degradierung sondern auch dieses Gefühl von Überforderung durch diese digitalisierte technisierte Medienwelt könnten da schon mal einen Boden für diese Projektionen herstellen. Diese Projektionen, die in dem Begriff Lügenpresse steckt. Dass die da oben, die im Journalismus tätig sind, dass die mir ständig eine Welt vorgaukeln, die vielleicht gar nicht meine Welt ist."

Viele Menschen hätten kaum Vorstellungen davon, wie in den Medien gearbeitet würde. Dass Medien die Aufgabe hätten nicht nur das wiederzugeben, was in Regierungskreisen gedacht und getan werde,

"Sondern Themen in der Gesamtgesellschaft zu sammeln, auszuwählen, aufzubereiten und natürlich auch kritisch zu hinterfragen."

Informationen so zu präsentieren, dass Konsumenten sie verstehen und darüber urteilen könnten. Dazu gehört es, am Puls der gesamten Gesellschaft zu sein. Und zu horchen. Das, so Irene Neverla, gelingt aber nicht immer.

"Wie Pegida im Herbst 2014 in Dresden aufgekommen ist, war nicht ausreichend vorhergesehen worden. Nicht von der Politik und eben auch nicht vom Journalismus. Und wenn wir sagen, Journalismus hat nicht nur die Aufgabe zu berichten was ist, sondern auch eine Art Frühwarnsystem in unserer Gesellschaft zu sein. Antennen und Fühler auszustrecken, wo es eben Problemlagen gibt. Da kann man in dem Fall nur sagen, da ist nicht viel an vorzeitiger Warnung gekommen."

In einer durchmedialisierten Gesellschaft wird es immer schwieriger, den Befindlichkeiten und Wünschen aller Gruppen nachzuspüren, behauptet Katharina Kleinen von Königslöw. Die Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg verweist auf die sozialen Medien, auf Foren und Blogs. Menschen mit vorgefertigten Meinungen würden sich dort gegenseitig bestärken. Die communities posteten das, was gerade in ihr jeweiliges Weltbild passe. Fatal sei, dass dadurch immer mehr unterschiedliche Informationswelten entstünden.

"Die Grundidee politischer Entscheidungsprozesse ist, dass wir als Bürgerinnen und Bürger aus einem ähnlichen Informationsstand heraus diese Entscheidungen treffen. D.h. Sie können zu einer anderen Entscheidung kommen als ich in einer politischen Frage. Aber ich gehe davon aus, dass Sie diese auf Basis ähnlicher Informationen getroffen haben."

Wer in den sozialen Medien aktiv sei, so Katharina Kleinen von Königslöw, der wolle meist nicht recherchieren oder sich informieren sondern vor allem eins: sich als Teil einer Gruppe fühlen.

"Und entsprechend geht es auch in der Auseinandersetzung mit dem, was die anderen machen, beispielsweise die Journalistinnen und Journalisten in den sozialen Medien nicht darum dort tatsächlich in Dialog zu gehen. Sondern wenn jemand dort postet, dann erscheint das ja in seinem Newsstream. D.h. seine Freunde können sehen, was er da cooles gepostet hat. D.h. es richtet sich gar nicht so sehr an Sie als Journalisten sondern an das eigene Netzwerk. Schaut her, was ich hier Cooles mache, schaut her, wie ich es den Journalisten zeige."

Dementsprechend, ergänzt Volker Lilienthal, Professor für die Praxis des Qualitätsjournalismus an der Hamburger Universität, lässt der wirkliche Informationsstand der Lügenpresserufer manchmal zu wünschen übrig. Oft geht es bei der Kommunikation mit der eigenen community weniger um Fakten als um Effekte.

"Wenn man diesen Tweets auf Twitter z.B. glaubt, dann sind das ja ganz große Zeitungsleser oder Radio- und Fernsehzuschauer. Man kann es nicht beweisen, aber die Vermutung ist, dass sie tatsächlich diese ganzen Artikel und Berichterstattung nicht wirklich rezipieren, sondern dass sie einfach pauschal schimpfen  und alle einem Generalverdacht unterwerfen."

Wer sich heute in Deutschland von Lügenmedien umgeben glaubt, hat eine gewisse Verschwörungsmentalität, behauptet Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität München. Verschwörungsmentalität bezeichnet die Vorstellung, dass eine kleine Gruppe von Eliten das gesellschaftliche Leben bestimmt.

"Dabei spielt beispielsweise eine Rolle, dass viele Vorgänge einfach sehr, sehr kompliziert sind, dass aber auch Institutionen wie z.B. die Medien ja für jemanden, der sich da nicht auskennt, ja wahnsinnig schwer zu durchschauen sind. Ja wie wird dort eigentlich gearbeitet. Wie werden dort eigentlich Entscheidungen getroffen. Und eine eigentlich recht naheliegende Lösung für viele Menschen kann dann eben sein, das kann doch nur passieren, wenn dort jemand ist, der sagt, wo es langgeht. Und das gibt es ja auch durchaus."

Eine gleichgeschaltete Presse, die gab es in der Nazizeit und später in der DDR. Wenn populistische Gruppen heute aber die Medien angreifen, dann geht es vor allem um die liberalen Bestandteile unserer Demokratie. Um den Schutz von Minderheiten, um gleiche Rechte für alle Menschen.

"Solche Themen, wo es immer um die Frage von Gleichberechtigung, von Gleichheit geht, von Minderheitenschutz. Und deswegen gibt es dort eben einen Zusammenhang zwischen der Lügenpressediskussion und der Frage einer offenen Gesellschaft."

Natürlich fragen sich viele Journalisten heute, was sie tun müssen, tun können, um verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Transparenz in Sachen Themenauswahl oder Recherche werden oft genannt. Aber seriöser Journalismus benennt Informanten und den Anlass der Berichte. Vielleicht haben diejenigen, die Lügenpresse schreien gar kein Problem mit journalistischer Qualität, analysiert Carsten Reinemann.

"Es gibt tatsächlich sehr, sehr starke Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung, es stimmt eigentlich was mit der Politik nicht, generell mit der Demokratie in Deutschland. Und es stimmt was mit dem Mediensystem nicht. Und man kann es eben auch relativ gut parteipolitisch oder im politischen Spektrum verorten. Und das ist ein deutlicher Beleg dafür, dass es hier nicht allein um journalistische Qualität sondern um Positionen geht."

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