Kommentare und Themen der Woche 15.08.2020

Risikogebiet Spanien Die Reisewarnung hat ihren PreisVon Barbara Schmidt-Mattern

Beitrag hören Blick auf die Bucht von Palma (picture alliance/ dpa/ Clara Margais)Blick auf die Buch von Palma: Wegen hoher Corona-Zahlen hat das Robert-Koch-Institut fast ganz Spanien einschließlich der Baleareninseln als Risikogebiet eingestuft (picture alliance/ dpa/ Clara Margais)

Die Reisewarnung für Spanien solle vorausschauend wirken, tatsächlich sei sie ein Nachklapp, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Über Verhaltensregeln im europäischen Reiseverkehr, Tests und Quarantäne habe offenbar niemand rechtzeitig nachgedacht. Doch Südeuropa brauche die deutschen Touristen.

Neulich am Strand, irgendwo in Deutschland. Da bitten zwei Sonnenanbeter die Neuankömmlinge auf dem Nachbarhandtuch darum, den Sicherheitsabstand von einem Meter 50 zu beachten. Statt einer Antwort gibt es genervte Blicke und die Gegenfrage, ob man vielleicht noch eine Maske aufsetzen solle.

Ob am Strand, in den Schulen oder in der Politik – überall wird um die richtige Balance gerungen, zwischen Vorsicht und Gelassenheit. Dazu gehörte auch, dass seit Ende Juni Urlauberinnen und Urlauber aus der Europäischen Union und den Schengen-Staaten wieder unbegrenzt nach Spanien einreisen durften – doch nicht einmal zwei Monate ist das gutgegangen. Korrespondenten vor Ort berichten von auffällig vielen Infektionen bei Saisonarbeitern auf dem Feld, und bei Partybesuchern – die einen können sich kaum schützen, die anderen wollen offenbar nicht.

Europäische Dimension stärker berücksichtigen

So gesehen erscheint es richtig, dass die Bundesregierung Spanien nun zum Risikogebiet erklärt und obendrein gleich noch eine Reisewarnung ausgesprochen hat, damit Pauschalurlauber nicht auf den Kosten sitzenbleiben. Diese Warnung ist also kein Verbot, sie hat aber eine erhebliche abschreckende Wirkung. Doch zu welchem Preis?

Für die spanische Wirtschaft kommt die Entscheidung des Auswärtigen Amts einem Schlag in die Magengrube gleich. Die vom Coronavirus besonders gebeutelten Südeuropäer brauchen die wohlhabenden Touristen aus Deutschland – denn allein mit großen Finanzspritzen aus Brüssel kommt die Wirtschaft rund ums Mittelmeer nicht wieder in Gang, und das mediterrane Lebensgefühl auch nicht. Für den Umgang mit der Pandemie gilt also das Gleiche wie für alle anderen großen, politischen Fragen: Immer gibt es auch eine europäische Dimension. Das hätte die schwarz-rote Koalition in Berlin längst stärker berücksichtigen müssen.

Wochenlang hieß es zuvor, Covid-19 sei die größte Herausforderung während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft – aber über ein abgestimmtes Vorgehen der Mitgliedsländer, über Verhaltensregeln im Reiseverkehr, über Tests, Quarantäne und klare Auflagen am Urlaubsort hat offenbar niemand nachgedacht. Auf europäischer Ebene wiederholt sich damit, was seit Monaten bei den Bundesländern zu bestaunen ist: Pandemie-Bekämpfung nach dem Motto: Wie es Euch gefällt.

Rückkehrer nicht zu sehr bemitleiden

Allzu sehr bemitleiden sollte man die Rückkehrer allerdings auch nicht. Wer jetzt behauptet, von den Infektionszahlen im Urlaubsland, oder gar in Risikogebieten, völlig überrascht worden zu sein, hat offenbar den alten, schlicht-schönen Satz "Bleiben Sie zu Hause" und noch so manche andere Information der letzten Monate ignoriert oder nicht ernstgenommen, oder beides. Ausbaden müssen es nun alle, auch finanziell. Die massenhaften Tests für Rückkehrer werden vom Steuerzahler finanziert. Zu groß war wohl die Sorge der Bundesregierung, dass andernfalls zu viele Drückeberger durchs Netz gehen könnten.

Dass stattdessen die bayerischen Behörden 44.000 Testergebnisse verbummeln, hätten sich selbst härteste Gegner von Markus Söder vorher nicht träumen lassen. Punktsieg also für Jens Spahn? Nein. Zu Recht wirft die Opposition ihm Versäumnisse vor: Ein Konzept für die Pandemie-Bekämpfung hätte der Gesundheitsminister nicht am Ende, sondern zu Beginn der Sommerferien vorlegen müssen. Nur war Spahn da erst einmal mit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies beschäftigt – und auch das passierte reichlich verspätet. Die Reisewarnung für Spanien soll nun vorausschauend wirken, tatsächlich ist sie ein Nachklapp. Für die Schnupfensaison im Herbst wird das nicht ausreichen.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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