Sonntag, 25.10.2020
 
Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteForschung aktuellVergammelte Frischeprodukte aus dem Netz16.09.2015

Riskanter Lebensmittel-EinkaufVergammelte Frischeprodukte aus dem Netz

Verbraucher kaufen inzwischen auch immer mehr Lebensmittel im Netz. Doch stimmt die Qualität der Produkte? Wird sie auch genauso streng kontrolliert wie im Laden vor Ort? Es soll von nun an ein zentrales System für ganz Deutschland geben, um die Fülle der Angebote und der Anbieter im Internet zu überwachen.

Von Volker Mrasek

(Imago)
Lebensmittelchemiker finden erhebliche Mängel bei Frischeprodukten, die im Internet bestellt wurden. (Imago)
Mehr zum Thema

Spracherwerb Von brabbelnden Babys und singenden Küken

Kunsttherapie mit Autisten Malen für die Selbstsicherheit

Spirituosen, Kaviar, Schinken und andere teure Delikatessen - das waren so die ersten kulinarischen Produkte, die Verbraucher im Internet bestellen konnten. Mit einem gewissen Argwohn beobachten Lebensmittelchemiker wie Dirk Lachenmeier, dass ...

"... das immer mehr jetzt in den normalen Lebensmittel-Handel übergegangen ist. Man kriegt mittlerweile alles im Internethandel."

Doch längst nicht alles kommt einwandfrei und genießbar beim Verbraucher an. Beispiel Frischeprodukte. Auch die kann man inzwischen online ordern und sich ins Haus schicken lassen. Doch nur selten sind die leicht verderblichen Waren auch dann noch frisch. Lachenmeier und andere Analytiker vom Chemischen und Veterinär-Untersuchungsamt Karlsruhe haben das kürzlich überprüft.

"Also Fleisch und Fisch hauptsächlich. Auch Hackfleisch zum Beispiel. Und haben da eben erhebliche Mängel festgestellt, das heißt die Ware kommt beim Kunden schon vergammelt an, um es mal auf den Punkt zu bringen. Nicht in jedem Fall, aber in fast allen Fällen, wo wir Testkäufe durchgeführt haben, war das so. Da waren dann eben sehr hohe Keimzahlen festzustellen oberhalb der zulässigen Werte."

Die Lebensmittelchemiker durchstreiften dabei Internet-Shops, wie es auch Verbraucher tun, und verheimlichten nicht einmal, wer da bestellt.

"Wir haben uns das direkt an unser Haus schicken lassen. Und trotzdem kamen dann die Fische und das Fleisch, die bei sieben Grad gekühlt sein müssen oder vier Grad, irgendwie bei 18 oder 20 Grad bei uns an. Es gibt Händler, die kommen mit eigenen Kühlfahrzeugen. Aber es gibt eben auch Händler, die versuchen, das in solchen Styropor-Boxen mit so Eis- oder Kühlbeuteln zu versenden. Aber da hat sich eben gezeigt: Selbst wenn der Transport von einem Tag auf den anderen geht, dass die Kühlkette dann sehr oft eben nicht eingehalten ist."

Und in der Folge ist das bestellte Fischfilet oder Hackfleisch verdorben. Experte Lachenmeier rät Verbrauchern deshalb, sich vorab zu erkundigen, wie die Ware verschickt werden soll. Und sich im Zweifelsfall lieber für den Einkauf im Geschäft vor Ort zu entscheiden.

Lebensmittel-Kontrolle im Netz äußerst schwer

Auch wenn Lebensmittel im Internet vermarktet werden, sollte deklariert sein, welche Zutaten sie enthalten und ob allergieauslösende Stoffe drin sind. Händler mit Sitz in Deutschland sind dazu gesetzlich verpflichtet. Bei der Fülle der im Netz angebotenen Lebensmittel ist die Kontrolle aber äußerst schwer:

"Gucken Sie allein mal bei Amazon und Ebay, das sind zusammen über 500.000 einzelne Produktseiten. Selbst wenn Sie alle in der Lebensmittelüberwachung tätigen Leute in Deutschland zusammennehmen würden, könnte man das in einem Jahr nicht einmal durchgucken, dass das einmal überprüft worden wäre."

Deshalb wird die Lebensmittelkontrolle im Internet jetzt zunehmend automatisiert - durch Software-Roboter. Das sind Computer-Programme, die die Ergebnisse einer Netz-Suche selbständig auswerten. Sie erkennen nicht nur, welche Internet-Seite überhaupt zu einem Verkaufsshop gehört, sondern auch, ob zum Beispiel Angaben zu Allergenen fehlen oder Werbeaussagen den Verbraucher täuschen.

Software-Roboter filtern unseriöse Anbieter

Dass so etwas im Prinzip funktioniert, zeigte bereits eine Machbarkeitsstudie des Karlsruher Untersuchungsamtes. Jetzt soll es ein zentrales System für ganz Deutschland geben, beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Braunschweig. An der Entwicklung beteiligt ist die Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Krewinkel von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften:

"Man kann beliebig viele Suchbegriffe wählen. Diese würden dann an die Suchmaschinen abgeschickt. Die Ergebnisse werden zurückgespielt, werden über verschiedene Filterstufen, zum Beispiel die Lebensmittelshop-Erkennung, dann auf die relevanten zusammengefiltert; anbieten in deutscher Sprache oder in Euro. Dann laufen einige Analysen drüber: Ist ein Zutatenverzeichnis vorhanden oder nicht? Also einige Standard-Lebensmittelanalysen. Und wenn das System empfindet, dass das ein risikobehaftetes Produkt sein könnte, dann wird eine Liste ausgegeben an die Bearbeiter vor Ort."

Und die können der Sache dann auf den Grund gehen. Anfang nächsten Jahres soll das System einsatzfähig sein und den Behörden ermöglichen, viel mehr Internet-Händler in Augenschein zu nehmen als bisher ohne Hilfe des Computers.

"Es soll einen Beitrag dazu leisten, dass die Lebensmittel-Sicherheit im Internet höher wird. Durch effektivere Systeme."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk