Montag, 26.08.2019
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteCorsoPetition gegen Deutschlandkonzerte von R. Kelly26.01.2019

#rkellystummschaltenPetition gegen Deutschlandkonzerte von R. Kelly

Seine Plattenfirma hat den Vertrag mit Soul-Superstar R. Kelly mittlerweile gekündigt: Ihm wird seit Jahrzehnten Missbrauch von minderjährigen Mädchen vorgeworfen. In Deutschland hat sich jetzt eine Kampagne gebildet - mit dem Ziel, zwei Deutschlandkonzerte zu verhindern.

Jens Balzer im Gespräch mit Christoph Reimann

Musiker R. Kelly in Las Vegas ((imago / Kabik / Starlitepics / MediaPunch))
R. Kelly wird schon seit Jahrzehnten Missbrauch vorgeworfen - bisher juristisch ohne Konsequenzen ((imago / Kabik / Starlitepics / MediaPunch))
Mehr zum Thema

Ein Jahr #MeToo am Theater "Da hat sich noch nicht so viel verändert"

Folk-Legende Joan Baez Macht, #MeToo und Musik

Sexismusdebatte in der Kritik #MeToo in Überdosis

Rätselhaftes "Geständnis" R. Kelly singt zurück

TV-Doku gibt Frauen eine Stimme Weitere Missbrauchsvorwürfe gegen R. Kelly

Christoph Reimann: Kevin Spacey, Bill Cosby: Das sind die Namen einiger prominenter Männer aus dem Film- und Fernsehgewerbe, die sich wegen sexueller Nötigung verantworten müssen oder - wie Cosby - deswegen bereits ins Gefängnis gegangen sind. In Hollywood ist die #metoo-Debatte voll angekommen, in der Popmusik war es bislang noch relativ ruhig. Am Freitag vergangener Woche aber hat die Plattenfirma RCA Records ihren Vertrag mit dem Soul-Superstar R. Kelly gekündigt – ihm wird der Missbrauch von minderjährigen Mädchen vorgeworfen. Auch in Deutschland hat sich jetzt eine Kampagne gebildet unter dem Namen #rkellystummschalten. Ist das gerechtfertigt? Oder wird da gerade grundlos eine Karriere zerstört?

Jens Balzer: Es gibt schwerwiegende Vorwürfe gegen R. Kelly was den sexuellen Missbrauch von Frauen angeht und insbesondere von minderjährigen Mädchen. Der Auslöser ist eine sechsteilige Dokuserie namens "Surviving R. Kelly", die vor drei Wochen auf einem amerikanischen Fernsehsender gelaufen ist. Darin berichten Frauen davon, wie sie – meistens noch als junge Mädchen – von ihm missbraucht, genötigt  und gedemütigt wurden. Das sind nun besonders krasse Geschichten, aber neu sind diese Vorwürfe nicht, es gibt sie seit einem Vierteljahrhundert.

1994 hat er die Sängerin Aaliyah geheiratet, die damals gerade 15 Jahre alt war, ihr Geburtsdatum war gefälscht, die Sache flog auf, die Ehe wurde annulliert, aber R. Kelly wurde vor Gericht nicht belangt, weil er behauptete, er habe nichts davon gewusst. Später wurde er auch mal wegen Kinderpornografie verhaftet – und freigesprochen, weil das mutmaßliche Opfer nicht gegen ihn aussagen wollte.
Bis heute ist R. Kelly aus allen Gerichtsverfahren gegen ihn unbeschadet hervorgegangen und auch jetzt ist es keineswegs klar, ob die Anschuldigungen zu einer Verurteilung führen. Ob es stichfeste Beweise für die Vorwürfe gibt - es ist zum Teil lange her, und es hat sich eben hinter verschlossenen Türen abgespielt

Reimann: Was will denn die deutsche Kampagne #rkellystummschalten erreichen?

Vertrag ist Vertrag

Balzer: Hier geht es um zwei Konzerte, die für den kommenden April angekündigt sind in Ludwigsburg und in Hamburg in einer Petition wird die Absage dieser Konzerte verlangt. Die Initiatorinnen sind die Journalistin Salwa Houmsi und das feministische DJ Duo Hoe_mies aus Berlin, Veranstalterinnen einer gleichnamigen Partyreihe für weibliche, nicht-binäre und transgender HipHop-Schaffende eine ausgesprochen verdienstvolle Einrichtung - wenn man sich vor Augen hält, dass der HipHop gerade in Deutschland zu wesentlichen Teilen von heterosexuellen Männern dominiert wird, deren Ansichten in Sachen sexueller Gleichberechtigung und Emanzipation – um es mal vorsichtig zu formulieren – nicht immer fortschrittlich sind. Die haben eine Petition aufgesetzt: "Wir wollen, dass seine Konzerte in Hamburg und Ludwigsburg verhindert werden" heißt es auf der Seite change.org, bis Freitagmittag hatten das rund 5000 Leute unterstützt.

Reimann: Aber auf welcher Grundlage sollen die Konzerte verhindert werden? R. Kelly ist nicht verurteilt, und gegen die Konzertveranstalter gibt es keine rechtliche Handhabe.

Balzer: Die Petition setzt erst einmal bei der Tatsache an, dass beide Konzerthallen in städtischer Hand sind die MHP Arena gehört der Stadt Ludwigsburg, die Sporthalle Hamburg dem Bezirksamt Hamburg-Nord. Darum wendet sich die Kampagne auch an den deutschen Konzertveranstalter, aber vor allem an die Politik, also an den Oberbürgermeister von Ludwigsburg, Werner Spec, und an den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda. Die sollen das Konzert verhindern, auch das ist aber natürlich nicht so einfach das Bezirksamt Hamburg-Nord hat schon abgewunken
"Wir sind vertraglich gebunden", sagen die, "und sehen derzeit keine rechtliche Handhabe, den Vertrag einseitig zu kündigen". Das heißt, wenn der Konzertveranstalter es sich nicht anders überlegt, finden die Konzerte von R. Kelly statt und das ist auch gut so!

Reimann: Das heißt, Sie finden die Petition falsch? 

Balzer: Ich finde die Petition absolut richtig, aber ich fände es fatal, wenn sie Erfolg hätte. Die Petition schafft Öffentlichkeit und das Gefühl, dass wir uns das nicht mehr unwidersprochen gefallen lassen müssen, dass Leute wie R. Kelly mit ihrer Musik viel Geld verdienen und sich von den Anwälten, die sie sich davon leisten können, immer wieder raushauen lassen. Nun ist es aber bislang so, dass der Mann immer wieder rausgehauen wurde. Er ist nicht rechtskräftig verurteilt - wenn ich richtig informiert bin, laufen im Moment gar keine Verfahren gegen ihn – verschiedene Staatsanwaltschaften bereiten welche vor, auf der Grundlage der schon erwähnten Dokuserie. Aber deren Macher sind von R. Kelly seinerseits gerade verklagt worden, also: unklare juristische Lage. Und so lange das so ist, wäre es fatal, wenn jetzt irgendeine staatliche Stelle auf Verdacht oder nach eigenem Gusto die Auftritte verhindern würde.

Erinnern wir uns zum Beispiel an den Fall Feine Sahne Fischfilet aus dem Herbst, wo deren Auftritt im Bauhaus Dessau auf Druck von AfD und CDU abgesagt wurde darüber gab es - zu Recht - allgemeine Empörung - natürlich sind die Fälle nicht vergleichbar. Aber es zeigt, welches Risiko man eingeht, wenn man sich auf den Standpunkt einlässt: der Staat soll es richten, der Staat soll politischen Einfluss auf den freien Kulturbetrieb ausüben.

Zensur durch den Staat zumindest zweifelhaft

Reimann: Der Streamingdienst Spotify hat jetzt eine Funktion eingeführt, mit der man Künstler wie R. Kelly blockieren kann. Ist das denn ein richtiger Schritt?

Balzer: Spotify hat eine Funktion eingeführt, mit der man jeden beliebigen Künstler blockieren kann. Also wenn man auf dem Profil von R. Kelly die Blockierfunktion anklickt, wird die Musik nicht mehr vorgeschlagen und auch nicht mehr automatisch gespielt. Das kann man aber mit jedem und jeder anderen auch machen, also meinetwegen auch mit Helene Fischer oder Sting. Das ist ein interessanter Schritt vor dem Hintergrund, dass Spotify im vergangenen Jahr bereits mit einer viel weitergehenden "hateful conduct policy" experimentiert hatte. Also mit einer Funktion, die Künstler wegen hassgeleitetem Verhalten komplett sperrte. Da fiel R. Kelly auch schon mal drunter oder der inzwischen erschossene Rapper XXXTentacion, der unter anderem wegen schwerer Körperverletzung an seiner Exfreundin vor Gericht stand.

Von dieser Funktion hat sich Spotify aber schnell wieder verabschiedet, weil das Unternehmen dann gleich mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert wurde nach dem Motto: weiße Streaming-Dienst-Manager entscheiden darüber, welche Musik gespielt werden darf und welche nicht, und dabei trifft diese Art der Zensur dann wieder vor allem nicht-weiße Rapper.

Während viele, viele weiße Musiker, denen man die gleichen Vorwürfe machen könnte, ungeschoren davon kommen zum Beispiel Gene Simmons von Kiss, der gerade wieder wegen sexueller Nötigung vor Gericht steht. Oder, wenn man weiter zurückblickt, Led Zeppelin und David Bowie, die in den 70ern ausgiebig Sex mit Minderjährigen hatten - was davon freiwillig war und was nicht, ist heute nur noch schwer zu rekonstruieren, aber gerade von Jimmy Page von Led Zeppelin gibt es ausgesprochen unappetitliche Geschichten, die denen von R. Kelly nicht so unähnlich sind - davon ist heute keine Rede mehr! Wir fangen überhaupt gerade erst an, den Sexismus und die sexualisierte Gewalt in der Popmusik zum Thema zu machen.

Jede Kampagne, jede Petition ist dabei wertvoll und wichtig - aber ob man gerade als emanzipierter Mensch nach Zensur durch den Staat rufen sollte oder durch undurchsichtige Konzerne wie Spotify – daran habe ich doch sehr meine Zweifel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk