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StartseiteInterview"Ich habe keine große Hoffnung auf ein Leben ohne Personenschutz"21.02.2014

Roberto Saviano"Ich habe keine große Hoffnung auf ein Leben ohne Personenschutz"

Nach dem Welterfolg "Gomorrha" widmet sich Roberto Saviano in seinem neuen Buch "ZeroZeroZero" dem Kokain, einem der wichtigsten Geschäftsbereiche des organisierten Verbrechens.

Roberto Saviano im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano lebt seit Jahren versteckt (AP)
Der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano lebt seit Jahren versteckt (AP)
Weiterführende Information

Mit stiller Wut: Roberto Saviano: "Das Gegenteil von Tod" (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 21.04.2009)

Erzählen heißt, Widerstand leisten (Deutschlandfunk, Interview, 19.12.2008)

Die Macht des Verbrechens (Deutschlandfunk, Andruck, 101.07.2013)

Der weltweite Kampf gegen die Drogen (Deutschlandfunk, Hintergrund, 03.07.2010)

Im Deutschlandfunk-Interview verrät er, wie der Drogenhandel das europäische Finanzsystem vergiftet und warum Rostocks Hafen bei Schmugglern so beliebt ist.

Christoph Heinemann: Wieso wird Kokain häufig in Bananenkisten geschmuggelt?

Roberto Saviano: Bananen werden oft benutzt, weil sie viel Platz bieten. Die kolumbianischen Kartelle leeren die Bananen, lassen nur die Schale übrig und stecken das Kokain in die Schale. Es gibt aber noch einen anderen Grund: In den Kisten befinden sich häufig große Spinnen. Die sind zwar harmlos, flößen aber Angst ein, weil sie groß und behaart sind. Deshalb neigen die Zollbehörden dazu, Bananenkisten nicht zu öffnen. Und das wissen die Drogenhändler.

Heinemann: Sie schildern in Ihrem Buch die Logistik des Handels. Wer ist für den Versand zuständig?

Saviano: Die Drogenhändler der ganzen Welt benutzen den Ausdruck "System-Manager". Er organisiert das System, in dem das Kokain befördert wird. Nicht den Weg, das ist die Aufgabe des Brokers, der ihm übergeordnet ist. Der System-Manager bekommt vom Broker eine Reiseroute. Er sagt zum Beispiel: Wir können den Hafen von Hamburg nutzen. Und dann macht sich der System-Manager auf die Suche nach einem geeigneten Transportmittel: einen Marmorwürfel, einen Baumstamm, oder kleinere Objekte: Heiligenstatuen, eine Madonna, die mit Kokain gefüllt wird, oder Menschen.

Heinemann: Klingt nach einer sehr kreativen Tätigkeit ...

Saviano: In der Tat, das ist die kreativste Tätigkeit im Drogenhandel.

Transithafen Rostock

Heinemann: Welche Rolle spielt der Hafen von Rostock im Kokainhandel?

Saviano: Rostock verfügt für die Drogenhändler, wie für die deutsche Wirtschaft, über einen entscheidenden Vorteil: die Schnelligkeit. In diesem Hafen passieren die Waren den Zoll quasi im Rekordtempo. Das weiß der Drogenhändler, und er nutzt es. Über einen langsam arbeitenden Hafen - langsam auch aus Gründen der Vorsicht, um Kriminalität zu verhindern - möchte niemand seine Ware ins Land bringen.

Heinemann: Sie haben geschrieben, jedes Paket Kokain verfüge über ein eigens Label, ein Herkunfts- und Qualitätsgarantie. Ist Kokain mittlerweile eine normale Ware?

Saviano: In der Realität ist das so. Seit vielen Jahren tragen die Kokain-Päckchen eine Art Stempelaufdruck: Das Medellin-Kartell benutzt einen Skorpion, die Mexikaner das Gesicht von Bart Simpson aus der Fernsehserie. Damit ist markiert, dass diese Ware tatsächlich von diesem Kartell stammt. Es gibt noch einen anderen Grund: Täglich gehen Tonnen Kokain auf die Reise. Wenn etwas sichergestellt wird, dann weiß der Drogenhändler nicht unbedingt, dass seine Ware entdeckt wurde. Es könnte ja auch das Schiff eines anderen Kartells sein. Wenn die Presse Bilder der beschlagnahmten Ware veröffentlicht, erkennt der Händler am Logo, dass es sich um seine Ware handelt. Sie ist gekennzeichnet.

Heinemann: Welche staatlichen oder Bankenstrukturen begünstigen den Drogenhandel?

Saviano: Als Norm und in Gesetzesform wird gegen Geldwäsche in Europa kaum vorgegangen. Selbst Italien, das mit den USA über die strengste Anti-Mafia-Gesetzgebung verfügt, ist beim Kampf gegen die Geldwäsche kein Vorreiter. Der UN-Fachmann Costa hat schon 2008 darauf hingewiesen, dass immer mehr Kapital des Drogenhandels auf europäischen Banken liegt. Die Regierungen haben überhaupt keine Ahnung. Die Macht des Drogenhandels ist nicht so sehr der Reichtum, sondern die Liquidität, die Fähigkeit, ständig flüssiges Geld liefern zu können. Und das vergiftet das europäische Finanzsystem, ohne dass irgendein Staats- oder Regierungschef die Aufmerksamkeit wirksam darauf gelenkt hätte.

Heinemann: Warum nicht?

Saviano: Es wäre ja schön, wenn man mit "omerta" antworten könnte, dem Gesetz des Schweigens. Aber weder die Kanzlerin noch der französische Staatspräsident sind korrumpiert. Es wird einfach als minderes Problem angesehen und dann an Beamte oder die Polizei delegiert. Diese Art, das Problem zu unterschätzen, führt dann de facto zu einer "omerta" zu einem Verschweigen.

Die universale Droge

Heinemann: Inwiefern verändert Kokain unser tägliches Leben?

Saviano: Kokain ist eine Art Aperitif geworden, der dafür sorgt, dass die Menschen viel stärker im Hier und Jetzt leben. Mit Heroin kannst du nicht mehr Auto fahren oder arbeiten. Nimmst du Kokain, kannst du alles machen. Du hast sogar das Gefühl, dass es damit besser geht. Und für einen kurzen Zeitraum ist das auch so. Langfristig stirbst du daran. Das Herz macht schlapp, du wirst impotent, das Nervensystem macht nicht mehr mit, das Gedächtnis lässt nach. Aber das braucht Zeit. Und in dieser Zeit fühlst du dich mitten in deinem Leben. Es ist nicht die Droge zum Ausflippen: Es ist ein Mittel, um mehr arbeiten zu können. Stark verbreitet unter Bauarbeitern, sie halten Kälte und Hitze besser aus, meinen, sie könnten zwei Schichten nacheinander machen, ohne die Müdigkeit zu spüren. Lkw-Fahrer, die keine Schlafpausen einlegen. Sie ist deshalb so gefährlich, weil sie nicht mehr mit einer persönlichen Schwäche, mit psychischen Problemen in Verbindung gebracht wird. Sie ist eine universale Droge, ein Zusatz des täglichen Lebens.

Heinemann: Wie haben Sie für dieses Buch recherchieren können, während Sie ständig von Leibwächtern begleitet werden?

Saviano: Es war sehr schwierig. Zum Teil habe ich mir eine falsche Identität zugelegt, im Falle von Südamerika. Der andere Teil war eine Auswertung und Analyse von Daten und Dokumenten. Es war nicht leicht und für diese Arbeit habe ich mich fünf Jahre lang verausgabt.

Heinemann: Sie haben Ihr Buch den 38.000 Stunden gewidmet, die Sie inzwischen mit Leibwächtern zusammenleben. Wird eines Tages ein Leben ohne Bewachung für Sie in Italien möglich sein?

Saviano: Ich hoffe es, denn physisch halte ich den Druck nicht mehr aus. Italien ist kein gutes Land, Italien ist sehr kompliziert. Ich bin glücklich, wenn ich dort aufgenommen werde, auch von Lesern, mit denen ich mich austauschen kann. Aber es gibt ein anderes Italien, das Besonnenheit und Respekt nicht kennt. Man fühlt sich ertappt, wenn über bestimmte Machenschaften berichtet wird. Dieses andere Italien fühlt sich verletzt und reagiert aggressiv. Ich habe keine große Hoffnung auf ein Leben ohne Personenschutz.

Heinemann: Und deshalb leben Sie gegenwärtig lieber im Ausland.

Saviano: Ja, genau!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Roberto Saviano: "ZeroZeroZero: Wie Kokain die Welt beherrscht"
Carl Hanser Verlag. 480 Seiten. 24,90 Euro

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