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StartseiteKommentare und Themen der WocheEntlastung, kein Ersatz 10.03.2020

Roboter in der Pflege Entlastung, kein Ersatz

Gegen einen verantwortlichen Einsatz von Robotern in der Pflege hat der deutsche Ethikrat nichts einzuwenden. Die Sachverständigen warnen aber vor bloßer Effizienzmaximierung. Zurecht, findet Johannes Kuhn. Der technische Fortschritt berge auch Gefahren.

Von Johannes Kuhn

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Eine Mitarbeiterin vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) stellt bei einer Pressekonferenz den Assistenzroboter EDAN (EMG-controlled daily assistant) vor, der nach einem Getränk greift. (dpa/ Sven Hoppe)
Der Ethikrat hat deutlich gemacht, dass er in der Robotik Chancen sieht. Die negativen Seiten verschweigt er nicht. (dpa/ Sven Hoppe)

Noch ist zu wenig erforscht, wie sich der Einsatz von Robotern in der Pflege auswirkt. Das hat der Deutsche Ethikrat heute selber eingeräumt.

Dennoch gibt er Empfehlungen dazu ab, wie wir uns künftig dem Thema nähern sollen. Ein Widerspruch? Nein, sondern so vorausschauend, wie Debatten über die gesellschaftlichen Folgen von Technik häufiger sein sollten. 

Denn bereits jetzt leben 3,4 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Ihre Zahl soll Prognosen zufolge bis 2050 alleine in der Altenpflege auf 5,3 Millionen wachsen. In der Zeit bis dahin werden Roboter filigraner, umgebungsbewusster und, das lässt sich für die Pflege wohl sagen, wichtiger.

Roboter sind keine emotionalen Begleiter 

Gerade deshalb war es notwendig, dass der Ethikrat die Diskussion über Roboter in der Pflege vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Sie war bislang von der Vorstellung geprägt, Maschinen würden Menschen ersetzen und Pflegebedürftige nicht nur waschen und füttern, sondern auch als Begleiter emotional betreuen. Mal abgesehen von den technischen Hindernissen auf dem Weg dorthin: Wäre das eine Welt, in der wir alt werden wollen?

Nein, sagt der Ethikrat und entlarvt damit auch die Denkweise, die sich im Pflegewesen seit Jahrzehnten eingebürgert hat: Kosten- und zeiteffizient soll die Pflege sein, eine Rundum-Versorgung, die im Idealfall trotzdem noch profitabel ist.

Fantasien vom Roboterpfleger versprechen all dies und noch mehr: Ein Ende von Personalmangel und Pflegenotstand. Eine Pflege für den Menschen. Aber eben ohne Menschen.

Das wäre auch eine entmenschlichte Pflege. Wir wollen nicht nur gepflegt werden, wir brauchen auch Nähe und Berührung, Gespräch und Empathie. Kurz: Wir brauchen andere Menschen, die bewusst Zeit mit uns verbringen.

Technischer Fortschritt entlastet die Pflegenden 

Der Ethikrat hat einen Einsatz von Robotik skizziert, der genau dafür Freiraum schaffen kann: Roboter, die Pflegebedürftigen bei der Fortbewegung, bei Reha-Maßnahmen oder der Nahrungsaufnahme helfen. Die Pfleger bei schweren körperlichen Tätigkeiten entlasten. Systeme, die uns und unsere Vitaldaten im Auge behalten, damit wir im Alter länger in unseren eigenen vier Wänden leben können. Und ja: Auch automatische Kommunikationssysteme, zu denen wir ein emotionales Verhältnis entwickeln können.

Aber der Ethikrat hat auch gewarnt: Denn genau dieser Fortschritt ist nichts wert, wenn wir ihn nicht verantwortungsvoll nutzen. Wenn wir unsere Verwandten nicht besuchen, weil sie ja mit dem Roboter reden können. Wenn Assistenzsysteme dem Pflegepersonal zwar einen Zeitgewinn bescheren, der aber in einer Erhöhung der Bettenzahl mündet.

Der Ethikrat hat deutlich gemacht, dass er in der Robotik Chancen sieht. Die negativen Seiten verschweigt er nicht. Sie verbergen sich aber weniger in der Technik, als in unserer Gesellschaft: Einer alternden Gesellschaft, die vor dem Altern der Anderen allzu gerne die Augen verschließt.

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