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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin klares Zeichen für die Energiewende06.10.2018

Rodungsstoppfeier am Hambacher ForstEin klares Zeichen für die Energiewende

Die euphorische Stimmung der mehreren zehntausend Menschen, die im Hambacher Forst protestiert haben, sollte für eine energiepolitische Wende genutzt werden, kommentiert Vivien Leue. Die Menschen wollen das und seien bereit für sie. Das sollten Politik und Energiewirtschaft nun ernst nehmen – und entsprechend handeln.

Von Vivien Leue

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Demonstration am Hambacher Forst (imago / Bernd Lauer)
Sie haben dem Protest dieses bunte, friedliche Bild gegeben: die Bürgerinnen und Bürger (imago / Bernd Lauer)
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Zehntausende Menschen in Feierlaune, auf einem Feld, unter der strahlenden Sonne, dazu Musik. Alte, Junge, Kinder, sie lachten, entspannten auf Picknickdecken, tanzten zur Pop-Band Revolverheld – die Veranstaltung heute am Hambacher Forst fühlte sich an wie ein Festival, nicht wie eine Demonstration.  Sie war friedlich, bunt, fröhlich – und so anders, als die Bilder, die im Zusammenhang mit dem Protest am Hambacher Forst immer wieder gezeichnet wurden: Hambach werde das zweite Wackersdorf - wie oft ist dieser Vergleich gezogen worden.

Damals, in den 1980ern protestierten Zehn-, zum Teil Hunderttausende gegen eine geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf. Es kam zu Auseinandersetzungen, zum Teil wurden dabei allein an einem Tag hunderte Menschen verletzt.

Ein friedlicher Bürgerprotest

Diese Szenen gab es hier nicht – nicht heute und nicht in den vergangenen gut drei Wochen, in denen die Polizei mit einem gewaltigen Großaufgebot den Wald von Baumhäusern und ihren Bewohnern geräumt hat. Es gab sie nicht, weil die Umwelt-Aktivisten im Wald und die Protestierenden davor zum allergrößten Teil ruhig geblieben sind. Fast alle Baum-Besetzer haben sich mit passivem Widerstand gegen ihre Räumung gewehrt. Und es gab sie nicht, weil auch die eingesetzten unzähligen Hundertschaften, das SEK und die Höhenretter zum größten Teil deeskalierend vorgegangen sind. Die vielen Wasserwerfer, die drei Wochen lang am Wald bereit standen – sie wurden nicht gebraucht.

Heute, mit Blick auf die Zehntausenden friedlichen Menschen auf dem Feld am Hambacher Wald, drängt sich unweigerlich die Frage auf: War der Einsatz der vergangenen Wochen wirklich nötig, vor allem in diesem Umfang? Gut eine Woche bevor Mitte September die Räumung des Forstes von der nordrhein-westfälischen Bauministerin angeordnet wurde, sagte NRWs Innenminister Herbert Reul, viele Menschen im Wald seien gewaltbereit. Linksextremisten, zum Teil nicht einmal aus Deutschland, sondern zugereist – für den Krawall, der kommen werde. Auch Ministerpräsident Armin Laschet sagte, der Wald sei ein gefährlicher Ort, er würde als Bürger nicht dorthin gehen.

Viele Menschen verstehen die Politik nicht mehr

Ein Glück ließen sich viele Bürger davon nicht abschrecken – und pilgerten zuerst zu Hunderten, später zu Tausenden in und an den Wald. Sie haben dem Protest dieses bunte, friedliche Bild gegeben, das auch heute vorherrschte. Vielleicht haben sie sogar die Gewaltbereiten im Zaum gehalten, die es wahrscheinlich im Hambacher Forst gegeben hat. Vor allem haben sie dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen hierhin geschaut haben.

Viele Menschen, die heute hier waren, erzählten, dass sie sonst eher nicht auf Demonstrationen gehen, sich nicht politisch engagieren und auch keine eingefleischten Umweltschützer sind. Aber sie haben in den vergangenen Wochen gespürt, dass hier am Forst etwas schief läuft. Das SEK räumt 150 Waldbesetzer? Jahrzehnte alte Bäume sollen fallen für eine der klimaschädlichsten Energieerzeugungen? Und die Landesregierung will darüber nicht diskutieren, weil alles entschieden sei? Das haben immer weniger Menschen verstanden – und so ist der Protest immer größer, und breiter geworden.

Kann sich alles noch ändern?

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet hat nach der gestrigen Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster, dass der Hambacher Forst vorerst nicht gerodet werden darf, versöhnliche Worte gefunden: Es sei jetzt Zeit für Gespräche. Alle Seiten müssten aufeinander zugehen. Ja, das stimmt. Aber die Zeit für Gespräche hat nicht erst gestern begonnen. Sie läuft schon längst. Die Menschen, die in den vergangenen Wochen hier am Forst protestiert haben, die ganzen Bürger- und Umweltinitiativen, sie wollen reden – schon lange. Aber irgendwie hatten sie bisher das Gefühl, dass keiner zuhört. Gut, dass sich das offenbar geändert hat.

Denn wer heute den Protest der zehntausenden Menschen hier gesehen hat, wer die euphorische Stimmung erlebt hat, dem drängt sich noch ein weiterer Gedanke auf: Lasst uns diese Stimmung nutzen – für eine energiepolitische Wende. Vielleicht wird der Hambacher Wald doch noch gerodet. Er steht bedrohlich nahe an der Abbaukante des Tagebaus. Und ein Braunkohleausstieg innerhalb der nächsten vier, fünf Jahre – wirklich vorstellbar ist das nicht. Aber ein Ausstieg bis – sagen wir 2030 – das könnte doch möglich sein. Das wäre auch schon ein Erfolg – für die Umwelt, für das Klima. Es wäre ein Ausstieg 15 Jahre früher als bisher geplant. Bis 2030, in zwölf Jahren, müssen wir die Energiewende doch hinbekommen, oder? Die Menschen, sie wollen das. Sie sind bereit dafür. Das sollten Politik und Energiewirtschaft jetzt ernst nehmen – und entsprechend handeln.

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