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StartseiteEuropa heuteRap und Ramschhandel09.04.2015

Roma-Viertel ShutkaRap und Ramschhandel

In Skopjes Roma-Viertel Shutka haben die Menschen kein leichtes Leben. Arbeit gibt es nicht, dafür viele Rückkehrer, die zum Beispiel in Deutschland ihr Glück als Asylbewerber versucht haben und abgeschoben wurden. Rapper Al Alion mag sein Viertel trotzdem.

Von Stephan Ozsváth

Rapper Albert Al Alion (links) im Gespräch mit ARD-Korrespondent Stephan Ozsvath. (Stephan Ozsvath )
Rapper Albert Al Alion (links) kommt aus Shutka, dem Roma-Viertel von Skopje/ Mazedonien. (Stephan Ozsvath )
Weiterführende Information

Asylrecht - Bundestag hält Westbalkan für sicher
(Deutschlandfunk, Aktuell, 03.07.2014)

Roma-Pop aus den 60ern und 70ern
(Deutschlandradio Kultur, Musik, 07.06.2013)

Zwischen allen Stühlen
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 10.06.2010)

Das Video der Shutka Rapper zeigt, wie Shutka ist – das Roma-Viertel von Skopje. Die Straßen sind löchrig, Stromzähler überflüssig, vor dem großen Roma-Feiertag haben die Leute eingekauft: Lämmer, Kühe, Gänse warten – angebunden am Zaun auf die Schlachtbank. Gut 20.000 Menschen leben hier. Rapper Albert Al Alion mag sein Viertel:

"Wir singen über das Leben und die Liebe, die kurzen Röcke der Frauen", sagt er, "die Diskriminierung und das Gangsterleben – weil das einfach zum Rap gehört. Das ist die amerikanische Attitude, und das haben wir übernommen." Hier gibt es kein Gangsterleben, meint er, die mazedonischen Roma sind ruhige Leute. "Die haben keine Pistolen, Messer oder sowas."

Rap-Musik, selbstgebrannt

Wir sitzen in einem kleinen Lagerraum – die Familie des Bassisten Ismet hat hier Daunendecken zum Verkauf gestapelt. Draußen rauschen die Autos vorbei, drinnen ein Bass-Verstärker. Rapper Albert trägt Vollbart, dicke Ketten, Baseball-Mütze – und auf seinem Sweat-Shirt kleine Fetzen Leopardenfell-Imitat.

"Ich bin in Shutka geboren, und hier werde ich sterben."

Selbstgebrannte CDs anderer Musiker aus Shutka werden auf dem Markt verkauft. In vergilbten Hüllen stecken sie. Für wenige Denare gehen sie über den Tisch. Alles in Shutka ist billig: Ein Trainingsanzug kostet 15 Euro. Die Leute haben kein Geld. Sebastian versucht, Küchenreiben und Plastikschüsseln zu verkaufen. Das Geschäft geht schlecht, sagt er:

"Das Leben hier ist eine Katastrophe. Denn wegen der Krise gibt es keine Jobs. Man lebt von Tag zu Tag, von der Hand in den Mund."

Im kurzen Krieg 2001 wurde sein Haus zerstört, erzählt der junge Familienvater. Seitdem lebt er zur Untermiete, muss auf Kommission billiges Küchengerät verkaufen. Er war schon mal in der Schweiz. Wenn er könnte, würde er nach Deutschland gehen, sagt der 38-jährige – bei 1.600 Euro Sozialhilfe könne man ins Grübeln kommen, sagt er.

Mazedonien gilt als sicheres Herkunftsland

Aber das sei nicht so einfach. Zum einen hat er kein Geld für die Reise. Und schon an der mazedonischen Grenze würden die Roma aus den Bussen sortiert, klagt er, und dürften nicht über die Grenze. Und Asylanträge aus Mazedonien werden in Deutschland abgelehnt. Der kleine Balkan-Staat gilt als sicheres Herkunftsland. Das bedeutet: Abschiebung.

"Notorischen Asylbewerbern nehmen die Mazedonier den Pass weg", bestätigt Elvis Mehmeti vom mazedonischen Sozialministerium

Der Verkäufer am Nachbarstand in Shutka war schon vor 15 Jahren in Deutschland, ein Sohn ist in Duisburg geboren. Ein paar Brocken Deutsch kann er, vor allem Wörter wie "Antrag" und "Bescheid". Dann hat er es wieder versucht:

"Vor zwei Jahren war ich mit meiner Frau, einem Sohn und einer Tochter in Deutschland. Die haben uns aufgeteilt. Ich war in Duisburg und meine Familie in Köln. Als ich einen Antrag auf Zusammenführung stellte, kam schon der Ablehnungsbescheid: Entweder wir verlassen das Land freiwillig oder die Polizei zwingt uns."

Und so kam die Familie wieder zurück nach Mazedonien. Etwas mehr als 500 Euro Sozialhilfe hatten die Roma in Deutschland zum Leben. Hier in Shutka sind es 30. Arbeit findet Sebastian nicht. Und Kunden hat er an diesem Morgen auch keine.

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