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StartseiteBüchermarktYoga und andere Katastrophen09.09.2019

Roman "Außer Atem"Yoga und andere Katastrophen

Der Berliner Autorin Kristin Rübesamen gelang 2010 mit ihrem Buch über die "Bekenntnisse einer Yogalehrerin" ein großer Erfolg. In ihrem neuen Roman "Außer Atem" geht es anfangs auch wieder viel um Yoga, aber der Fokus des Buch verschiebt sich dann immer mehr.

Von Shirin Sojitrawalla

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Die Autorin und Yogalehrerin Kristin Rübesamen ([c) Nela König Photography)
Vom Yoga zum Schreiben ([c) Nela König Photography)
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"Außer Atem". Wer dächte da nicht an den deutschen Titel des Films "À bout de souffle", jenen französischen Kultfilm von Jean-Luc Godard, der viel weniger eine Gangstergeschichte erzählt, als dass er ein Lebensgefühl in umwerfende Bilder friert. Einem Lebensgefühl jettet auch Kristin Rübesamen in ihrem neuen Roman hinterher. Im Mittelpunkt steht Inga, Yogalehrerin und von deren Vater getrennt lebende Mutter einer 19 Jahre alten Tochter, Alma. Die verschwindet eines Tages, verabschiedet sich mit einer schnöden Nachricht: "Sucht nicht nach mir".

Ihr Verschwinden gerät dem Roman zum Dreh- und Angelpunkt. Es ist der Erzählanlass, der Grund dafür, dass sich die Erzählerin an die Fersen von Inga heftet, ihr zuschaut bei ihrem Tun und ihrem So-Sein. Bei weitem mehr Raum nimmt indes anfangs Ingas berufliches Umfeld ein, ihre Existenz als Yogalehrerin, ihr Studio, ihre Unterrichtsstunden, ihre Schüler. Die Autorin und zertifizierte Yogalehrerin Kristin Rübesamen weiß, wovon sie schreibt. In ihrem Roman wirft sie ebenso belustigte wie hellsichtige Blicke auf die Szene:

"Bereitwillig hatte sich der Yoga, wie die Puristen sagten, dem Kapitalismus unterworfen. Nichts war mehr heilig, dabei hatte es ganz harmlos begonnen: Die Lehrer hatten plötzlich Webseiten, machten Werbung, schrieben Newsletter, eine kleine Kooperation hier, ein kleines Sponsoring da, und jeden Monat neue bunte Yogapants, feuchtigkeitsableitend, Mikroplastikteilchen in die Ozeane spülend, mit ‚Allover Prints‘ für den Großstadtdschungel, es war zum Kotzen."

Hunde heißen schon mal Krishna

Den grassierenden Yoga-Boom entlarvt Rübesamen auch als Lebensstil derer, die es sich leisten können. Das liest sich durchaus selbstkritisch: Yoga als Lifestyledroge. Das dazugehörige Milieu umreißt die Autorin boshaft und wie nebenbei, indem sie erbarmungslos wie liebevoll darauf schaut. Hunde heißen in diesem Roman schon mal Krishna, Kurkuma-Tee wird auch getrunken, doch Rübesamen reizt das Spiel nicht satirisch aus, sondern belässt es bei der Figuren- und Milieuzeichnung dienenden Verweisen.

Selbes gilt für ihren Blick auf heutige Familien, in denen es normal geworden ist, dass die eigenen Eltern nicht mehr nur einander heiraten. Die Protagonistin des Romans lebt getrennt vom Vater ihrer Tochter, der neu liiert ist und demnächst abermals Vater wird. Such is life.

Auch die Ehegeschichte zwischen Team- und Patchwork nimmt Rübesamen eher nebenbei in den Blick. Im Fokus steht Inga, eine 45 Jahre alte Frau, deren Leben Schritt für Schritt aus dem Takt kommt. Die Suche nach ihrer Tochter gerät ihr zur Obsession, die sie mit Gewaltmärschen durch die Stadt zu bewerkstelligen sucht. Dabei befindet sie sich in guter Gesellschaft, hat doch das Spazierengehen oder das Laufen als Trost- und Sinnspender in der Literatur seinen festen Platz, sei es bei Robert Walser oder Haruki Murakami. Im Falle von Inga dient das Laufen vordergründig der Suche nach der verlorenen Tochter, eigentlich aber der Bewusstwerdung des eigenen Schmerzes:

"Es ging nicht nur um die Zettel, die sie aufhängte. Es ging darum, selbst verloren zu gehen. Als könnte sie dadurch den Zufall hervorlocken. Einen Zufall, der ihr Alma in die Arme trieb. Doch während ein Teil der Magie darin lag, einfach weiterzumachen, ohne über die Natur ihrer Märsche nachzudenken, passierte zur selben Zeit etwas anderes, das im Entstehen war und sich unaufhaltsam in ihr ausbreitete. Es war der Beginn einer tiefen Traurigkeit (...)".

Gesellschaftsroman und Mutter-Kind-Drama

Rübesamen hat ein Talent dafür, gesellschaftliche Frontverläufe nachzuzeichnen, und es gelingen ihr immer wieder einleuchtende Bilder wie etwa das von der Traurigkeit, die etwas Endgültiges habe wie die Verfärbung einer Teetasse. Nichtsdestotrotz liegt der Reiz des Buches darin was und nicht wie erzählt wird.

Auf ihren Märschen durch Berlin gleitet Inga an unterschiedlichen Vierteln vorbei, nimmt ihre jeweiligen Atmosphären wahr, streift etwa Cafés, in denen ausrangierte Eierkocher als Blumenvasen dienen, begegnet Gestrandeten, Schwangeren, Obdachlosen. Mit wenigen Strichen skizziert Rübesamen ihre Milieus und en passant die Psychopathologie einer Stadt, doch je länger der Roman voranschreitet, desto weniger weiß man, um was es ihm im Kern eigentlich geht. Der Fokus verschiebt sich. Umkreist die Autorin zu Anfang noch die Filterblase Yoga, richtet sie ihre Aufmerksamkeit immer stärker der aus dem Lot geratenen Protagonistin, ihren Muttersorgen, ihren Vorstellungen vom Leben ihrer Tochter zu. Dabei kristallisiert sich peu à peu die Zerrissenheit dieser Beziehung heraus. Dennoch bleibt die Tochter ein Mysterium, dem Roman dient sie als Leerstelle, die Inga ebenso umrundet wie die Straßen der Stadt. Was diese Mutter-Tochter-Beziehung ausmacht, dürfen sich die Leser selbst zusammenreimen.

Kontaktabbruch als Phänomen unserer Zeit

Das Thema Kontaktabbruch scheint akut, vermehrt sind derzeit Berichte, Reportagen und Diskussionen zum Thema zu hören und zu lesen: Kinder verabschieden sich auf Zeit oder für immer von ihren Eltern. Doris Knecht widmet sich in ihrem Roman "weg" einem ähnlichen Schicksal. Es ist ein Phänomen unserer Zeit, das auch mit den größer gewordenen Freiheiten in Familienangelegenheiten zu tun haben könnte, was den Roman von Kristin Rübesamen aber auch nur am Rande interessiert.

"Man musste aufhören, Familie als Schicksal zu betrachten. Als System gab sie viel mehr Sinn, denn kein System ist perfekt, und alle hängen mit drin. Wenn sie es richtig verstand, ging es darum, welche Funktion ein Kind einnehmen musste, um sich die Liebe seiner Eltern zu sichern. War es nicht andersherum? Ein Kind hielt die Ehe zusammen, basta, das war doch nichts Schlimmes. Bis die Ehe eben nicht mehr hielt."

Kristin Rübesamen gelingt mit ihrer Protagonistin Inga eine sehr zeitgemäße Figur, die sich zwischen ihrem atemlosen Alltag als Yogalehrerin, Mutter und Stadtbewohnerin aufreibt. Das Achtsamkeits-Dogma der Gegenwart überführt der Roman hier und da in hübsche Zukunftsvisionen und der Mutter-Kind-Beziehung begegnet er mit manch erhellendem Gedanken. Doch fehlt dem Buch die Kraft, sich zu zentrieren. Es zerfasert: ein bisschen Yoga, ein bisschen Großstadt, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Mutter-Kind. Diese Zentrumslosigkeit spiegelt zwar durchaus Ingas Gefühlshaushalt wider, ein runder Roman aber wird daraus nicht.

Kristin Rübesamen: "Außer Atem"
Blumenbar Verlag, Berlin, 288 Seiten, 20 Euro.

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