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StartseiteBüchermarktShakespeare neu erzählt17.08.2016

RomanShakespeare neu erzählt

Aus dem Schäfer wird ein Barbesitzer, aus dem König ein Investment-Banker: Die britische Autorin Jeanette Winterson versetzt die Figuren aus Shakespeares "Wintermärchen" in ihrem Roman "Der weite Raum der Zeit" in die heutige Zeit. Sprachlich ist sie dem großen Dramatiker durchaus gewachsen.

Von Tanya Lieske

Die britische Autorin Jeanette Winterson (dpa / picture alliance)
Die britische Autorin Jeanette Winterson richtet ihr Augenmerk ihrer Adaption auf die Ambivalenz der Gefühle zwischen Mann und Frau, Vater und Tochter, Freund und Freund. (dpa / picture alliance)
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Jeanette Winterson: "Der weite Raum der Zeit" Kann man Shakespeare neu erzählen?

Der weite Raum der Zeit beginnt mit einem Cliffhanger. Ein schwarzer BMW, Kapuzentypen, zerfetzte Räder, ein Schusswechsel, ein Mann, der stirbt, zwei zufällig herbei geeilte Passanten, es sind Vater und Sohn, können für ihn nichts mehr tun. Aber sie sehen Licht in der Babyklappe des nahe gelegenen Krankenhauses und der Vater macht die Klappe auf und nimmt das Baby Perdita zu sich. Drei Mal erzählt die britische Autorin Jeanette Winterson diese Szene. Beim zweiten Mal erleben wir sie aus der Sicht des Gärtners Tony, der von dem Banker Leo beauftragt wurde, dessen neu geborene Tochter Perdita über den großen Teich zu bringen, nach Amerika, und sie seinem Schulfreund Xeno sprichwörtlich vor die Türschwelle zu legen. Tony, der Gärtner, hat Geld dabei, zu viel Geld, und er sieht das Unheil kommen:

"Fünf Sekunden, die über ein Leben entschieden. Er öffnete die Klappe, spürte die angenehme Wärme, wickelte Perdita aus seinem Jackett, legte sie hinein. Dann stellte er den Aktenkoffer dazu. (...). Jetzt musste er es nur noch zum Auto schaffen. Die waren hinter dem Geld her."

Babyklappe statt Bukolik

Babyklappe statt Bukolik. Der Schäfer, welcher Perdita im Originaltext findet, heißt nun Shep. Er ist schwarz, führt eine Bar und wird mit dem Geld aus dem Aktenkoffer und mit Perdita ein neues Leben beginnen. Jeanette Winterson findet zeitgemäße Lösungen für alles, was jenseits von Shakespeare der Gegenwart bedarf. Aus Böhmen und Sizilien werden Europa und Amerika. Der vor Eifersucht rasende König Leontes ist ein britischer Investment Banker, die bedächtige Kammerfrau Paulina seine Sekretärin, seine Frau Hermione eine französische Chansonsängerin, der Lord Antigonus wird zum Gärtner. Die Kulisse dieses Romans steht ganz im Heute. Zugleich hat man es auch bei Winterson mit höchst archaischen Konstellationen zu tun. Es geht um Vaterschaft, Liebe, Hass, um blinde Vergeltung und auch um eine überraschende Versöhnung am Ende. Die Autorin erzählt die Metaebene dieser Beinahe-Tragödie mit, etwa in der Sage vom Ödipus, die an zentraler Stelle referiert wird. Es sprechen der Gauner Autolycus, der nun mit Gebrauchtwagen handelt, und Sheps leiblicher Sohn Clo, dem die Rolle des Hansnarr zugedacht war – Shakespeare liebte bekanntlich die Pointe auf Kosten der einfachen Stände. Ebenso bekanntermaßen traf Ödipus seinen Vater Laios an einer Wegkreuzung.

"Also, hier kommt die Wahrheit: Wenn der Kreisverkehr früher erfunden worden wäre, dann wäre jetzt unsere ganze westliche Zivilisation anders." - "Wie? Total anders?" - "Kennst du die Geschichte von Ödipus?" - "Eddy wer?" - "Der Typ, der seinen Vater umgebracht und seine Mutter geheiratet hat." (...) "Ja, okay, und jetzt?" - "Und jetzt? Freud! Die wichtigste Theorie nicht nur der Psychoanalyse, sondern der gesamten westlichen Welt, und du sagst, und jetzt?"

Ambivalenz der Gefühle

Jeanette Winterson kann die Pfeiler in Shakespeares Erzählgewölbe genau so benennen wie sie den Raum dazwischen ausleuchtet. In ihrer Adaption des Wintermärchens richtet sie ihr Augenmerk auf die Ambivalenz der Gefühle zwischen Mann und Frau, Vater und Tochter, Freund und Freund. Im Liebesdreieck von Mi-Mi alias Hermione, von Xeno und Leo gibt es tatsächlich erotische und homoerotische Spannungen, was Leos rasender Eifersucht ein psychologisches Fundament verleiht. Das ist eine gekonnte Figurendramaturgie die uns heute, im Zeitalter von und nach Freud, mitnimmt in den Orkan der Gefühle, der in diesem Roman tobt und toben muss. Gleichsam glaubwürdig und zart ist die Begegnung der jungen Liebenden Perdita und Zel, die einander mit magnetischer weil schicksalshafter Anziehungskraft begegnen.

"Nichts von dem, was ich fühle, ist neu und auch nicht seltsam oder besonders. Aber ich fühle mich neu, seltsam, besonders."

Autorin ist Shakespeare sprachlich gewachsen

Denkt die junge Perdita, die bei Winterson mit gutem Grund zum Zentrum dieses an Figuren und Erzählwinkeln so reichen Romans geworden ist. Winterson berichtet im Nachwort, dass sie selbst ein Findelkind ist, was ihre tiefe Beziehung zu Shakespeares Wintermärchen begründet. Der Stoff, in dem all diese Aspekte zutage treten, das Drama und der Roman, das Adoptivkind und die erwachsene Biografie ist natürlich die Zeit. Sie tritt in Shakespeares Wintermärchen vor dem vierten Aufzug selbst als allegorische Person auf und spricht einen Monolog. Jeanette Winterson nutzt Shakespeares Verbeugung vor der Vergänglichkeit ihrerseits für eine metaphorisch anmutende Passage, in der sie deutlich macht, dass sie es bei Bedarf auch mit der Sprachgewalt des großen Dramatikers aufnehmen kann. So ist Der weite Raum der Zeit,  Gap of Time, eine äußerst gelungene Adaption des Wintermärchens. Dies weckt große Erwartungen in Bezug auf alle Autoren, die sich noch an Nacherzählungen von Shakespeares Stücken versuchen werden.

Jeanette Winterson: Der weite Raum der Zeit 
Knaus Verlag, München 2016. 288 Seiten, 19,99 Euro.

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