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StartseiteBüchermarkt"Ich musste meinen Sinn für Ironie mäßigen"30.04.2014

Roman von T. C. Boyle"Ich musste meinen Sinn für Ironie mäßigen"

In seinem Roman "San Miguel" beschreibt T.C. Boyle das Leben zweier Familien Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1930er-Jahren auf einer einsamen Insel vor der Küste Kaliforniens und weicht damit von seinem üblichen Stil ab. Boyle wollte ein Buch aus der Sicht von Frauen schreiben, "das ohne Komik auskommt".

Von Johannes Kaiser

In Boyles Welt sind die Menschen meist einsam und isoliert. (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)
In Boyles Welt sind die Menschen meist einsam und isoliert. (dpa/picture alliance/Horst Galuschka)
Weiterführende Information

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"Ich denke, ein Schriftsteller sollte seine Grenzen ausdehnen und fähig sein, ganz unterschiedliche Dinge zu erkunden. Man erwartet doch von einem Schriftsteller, dass er sich nicht ständig wiederholt. Also wollte ich ausprobieren, aus der Sicht von Frauen ein Buch zu schreiben, das ohne Komik auskommt. Außerdem wollte ich mich im Stil zurücknehmen, ihn gefühlvoll machen. Er sollte nicht so wild und komplex wie mein übliches Schreiben aussehen. Das war schwierig, wirklich schwer, denn ich musste viele meiner spontanen Regungen unterdrücken."

Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle hat diesmal tatsächlich einen zumindest für ihn sehr ungewöhnlichen Roman vorgelegt. Es gibt keinen großen Plot, kein dramatisches Showdown, die Katastrophen sind zumindest für Boyle überschaubar und eher alltäglich. Geblieben ist die aus seinem letzten Roman bereits bekannte Szenerie - eine karge, nur mit niedrigem Gestrüpp und Gräser bewachsenen Insel im Pazifik vor der Küste Kaliforniens. San Miguel ohne Bäume nur mit Felsen, Gestrüpp und Gräsern überzogen taugt allein zur Schafzucht. Von ihr versprechen sich die beiden Familien ihren Lebensunterhalt, die auf die Insel ziehen und deren Geschichte T.C. Boyle erzählt. Die erste, die Waters kommen dort 1888 an, verlassen die Insel nach fünf Monaten und kehren dann für einige Zeit wieder zurück. Nachdem die Insel eine Weile unbewohnt geblieben ist, ziehen 1930 die Lesters nach San Miguel und bleiben dort 12 Jahre.

"Diese Menschen haben tatsächlich gelebt. Die Waters-Familie aus dem ersten Teil des Buches weilt natürlich nicht mehr unter uns. Ich habe ein Tagebuchfragment von weniger als 50 Seiten benutzt, erfinde also im Prinzip die Figuren. Die zweite Familie, die Lesters hinterließen zwei ziemlich wunderbare Memoiren. Da habe ich also eine umfangreichere Geschichte vorgefunden. Eine der beiden Töchter, mit denen sie auf der Insel wohnten, ist immer noch am Leben und ich habe sie ein paar Mal getroffen. Sie hat ihre eigenen Erinnerungen aufgeschrieben. Als sie die Insel verließ, war sie erst neun Jahre alt. Sie stützte sich also auf das, was ihre Mutter ihr erzählt hat."

"Die Situation durch die Augen der Figuren anschauen"

Der Schriftsteller konnte sich also auf mehr oder weniger harte Fakten stützen, als er die Geschichte dieser beiden Familien aufschrieb. Marantha hat zum Beispiel in ihrem Tagebuch den Alltag auf der Insel aufgezeichnet und den hat Boyle übernommen: Was man gegessen hat, welche Arbeiten im Haushalt und auf den Schafweiden anfielen, wie man abends versucht hat, sich die Zeit zu vertreiben, denn es gab weder Zeitungen noch Radio noch Fernsehen, nichts dergleichen. Das gilt auch noch für die Familie Lesters. Das Festland war viel zu weit entfernt für Ausflüge. Man blieb unter sich, völlig isoliert von der Gesellschaft, eine Pionierfamilie wie aus der Zeit des Wilden Westens. Das machte sie zu einem willkommenen Objekt für die Medien. In Zeitungen, im Radio, in Kinowochenschauen wurden sie einer faszinierten Öffentlichkeit vorgeführt.

"Die Lester-Familie wurde während der Depression überall in Amerika sehr bekannt. Das Look Magazin, das Life Magazin kamen auf die Insel und fotografierten die Familie. Während der Depression, als die Leute nichts zu essen und keine Jobs hatten, hielten die Lesters es für eine reizvolle Aufgabe, als Selbstversorger auf der Insel zu leben. Da gab es nun die Lesters mit ihren zwei kleinen hübschen blonden Töchtern und das ergab ein ziemlich idealistisches Porträt. Es stimmt: Beide Töchter haben erstmals mit fünf und sieben das Festland betreten. Sie hatten nie zuvor einen Baum gesehen, kein Auto, kein Gebäude. Die Presse folgte ihnen die ganze Zeit. Das war wunderbar: Ihr erstes Eis, das sie aßen, wurde fotografiert. Das stimmt also alles und ich habe es den Memoiren der Lesters entnommen. So wie bei der ersten Geschichte besteht meine Aufgabe darin, diese Geschichte zu dramatisieren. Wie fühlt man sich auf der Insel? Was sagt man zu seinem Ehemann, wenn er einen aus dem Leben herausreißt und auf diese abgelegene Insel bringt? Das genau macht das Vergnügen des Schreibens aus, die Situation durch die Augen der Figuren anzuschauen. Man bekommt den Rahmen der Geschichte. Indem man solche historischen Erzählungen aufgreift und sie dramatisiert, leuchtet man sie gewissermaßen aus und versucht sich vorzustellen, wie sie sich gefühlt haben."

T.C. Boyles Roman erinnert an ein Bühnenstück mit kleiner Besetzung, das vor der Naturkulisse der Insel spielt. Wir sehen das Ehepaar Waters, ihre 15-jährige Tochter Edith, den Angestellten Adolph, das Hausmädchen Ida und den 15-jährigen Knaben Jimmie. Das größte Ereignis im Leben dieser kleinen Schar ist die Ankunft der Schafscherer. Die Isolation ist bewusst von den beiden Familienvätern gewählt, von dem Bürgerkriegsveteran Will und Herbie, dem Erste-Weltkrieg-Offizier, beide von ihren Kriegserlebnissen körperlich und psychisch geschädigt:

"Beide Männer zogen auf die Insel, sowohl um wieder zu genesen, als auch, um die Natur zu beherrschen und von ihr zu leben und um sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Sie wollten keine Handelsvertreter sein oder für irgendjemand anderen arbeiten. Sie wollten unabhängig sein. Es gibt in der amerikanischen Seele diesen antiautoritären Zug. In der amerikanischen Kultur ist diese Art von Grenzlandeinfachheit und die Sehnsucht danach ziemlich wichtig: Komm mir bloß nicht zu nahe, Vorschriften akzeptiere ich nicht. Ich suche mir meinen eigenen Weg. Je kleiner die Welt wird, desto weniger ist es möglich, irgendetwas dergleichen zu unternehmen."

"Aus dem Blickwinkel der Frauen geschrieben"

Das Verhalten dieser verstörten Männer sehen wir Leser allerdings aus dem Blickwinkel der Frauen. Marantha, obwohl schwindsüchtig, versucht geradezu heroisch, ihre Krankheit zu ignorieren. Und doch muss sie ihrem Mädchen Ida vieles überlassen. Dass ihr Mann sie mit der Bediensteten dann betrügt, kränkt sie besonders schwer. Das unwirtliche, kalt-nasse Klima verschlimmert ihren Zustand so dramatisch, dass sie todkrank aufs Festland zurückkehren muss und kurz danach stirbt. Ihre Tochter Edith, die sich gerade überaus glücklich auf einer Schule für Musik und Schauspiel eingeschrieben hat, wird von ihrem Stiefvater gezwungen, die Ausbildung abzubrechen und wieder auf die Insel zurückzukehren. Sie ist jetzt für den Haushalt zuständig, sucht allerdings verzweifelt nach einer Möglichkeit zu entkommen. Das gelingt ihr schließlich auch. Die zweite Familie Lester hat weniger Konflikte auszustehen. Ziemlich erfolgreich betreiben sie die Schafzucht. Doch Herbie leidet heftig unter den Folgen seiner Kriegsverletzung, ist psychisch instabil, mal ein vergnügter Vater, voller Witz und Charme, denn wieder tief betrübt.

"Wir kehren doch alle zu unseren Müttern zurück, nicht wahr? Meine Mutter war, wie ich vermute eine starke Frau, die die Familie beherrschte, als ich aufwuchs. Ich habe also diesmal versucht, etwas zu tun, was ich noch nie zuvor gemacht habe. Ich habe aus dem Blickwinkel der Frauen geschrieben. Aber dies ist ein sehr postmoderner Roman, der viele spielerische Aspekte und verschiedene Erzählebenen besitzt. Es ist meine erste längere Erzählung, in der ich meinen Sinn für Ironie mäßigen musste. Es gibt in ihm keine Ironie. Ich wollte die Geschichte so erzählen, wie sie sich ereignet hat. Mich hat fasziniert, dass diese Frauen wegen ihrer Männer leiden. Anfangs wollte ich den Roman aus zwei Perspektiven schreiben, und zwar aus der Sicht des Ehemanns und der Ehefrau. Aber als ich dann anfing zu schreiben, begriff ich, dass es für mich viel interessanter sein würde und auch für die Qualität des Buches, ausschließlich aus Sicht der drei beteiligten Frauen zu erzählen."

Ein T.C. Boyle, wie er leibt und lebt

Es sind einfühlsame Bilder, die T.C. Boyle ausmalt. Man spürt geradezu, wie sich die Frauen gegen die widrigen klimatischen Verhältnisse wehren, gegen Stürme, Regen, Schlamm und Staub, Hitze und Kälte ankämpfen. Sie haben einen Haushalt zu bewältigen, in dem es immer wieder an vielen fehlt, wie dem großstädtischen Komfort von Badezimmer und Toilette im Haus. Es mangelt an frischen Lebensmitteln, an Obst und Gemüse zum Beispiel. Die Frauen spenden den Männern Trost, erziehen und unterrichten die Kinder, halten die Angestellten bei Laune, kümmern sich um die Schafscherer. Es ist ein hartes Leben, entbehrungsreich und mühselig. Und der Lohn ist Unglück.

"Was uns an einem Roman oder einem Film so fasziniert, insbesondere wenn schreckliche Dinge passieren und natürlich müssen schreckliche Dinge passieren, wo wäre sonst das Drama, ist doch die Vorzustellung, wie das wäre, wenn man in der selben Situation steckte. Das hat Voodoo-Charme. Wir hoffen, dass es uns nicht zustößt. Wenn Sie 'San Miguel' lesen und das Leiden von Marantha miterleben, Sie sitzen dabei möglicherweise am Feuer mit dem Buch in der Hand und ein bisschen Brahms spielt im Hintergrund im Radio und neben Ihnen liegt die Katze, dann denken Sie: Mein Gott, was für entsetzliche Dinge erlebt nur diese Frau. Ist das nicht was Schönes? Wenn Sie ein Shakespeare-Drama sehen und Sie gehen da raus, dann sind nicht Sie derjenige, der da mit dem Schwert umgebracht wurde."

Das ist wieder ein T.C. Boyle, wie er leibt und lebt. Auch wenn seine Katastrophen diesmal eher auf häuslicher Ebene stattfinden, ohne sie wird er nie auskommen. Dazu hat er eine viel zu blühende Fantasie. Sie möge ihm erhalten bleiben. Jedenfalls hat er uns diesmal drei beeindruckende Frauengestalten geschaffen.

T. Coraghessan Boyle: San Miguel, Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk von Gunsteren, Hanser Verlag München 2013, 444 Seiten, 22,90 Euro.

 

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