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StartseiteSport am WochenendeRote Karte für Journalisten05.04.2010

Rote Karte für Journalisten

FIFA droht kritischen WM-Reportern mit Akkreditierungsentzug

In einigen Monaten beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Ein ambitioniertes Projekt, das aber auch viele Kritiker auf den Plan gerufen hat. Doch Kritik wird beim Weltfußballverband Fifa nicht gerne gehört - und könnte Konsequenzen haben.

Von Jürgen Roth

Der Bau des Fußballstadions in Kapstadt schreitet voran. (AP)
Der Bau des Fußballstadions in Kapstadt schreitet voran. (AP)

Man ist ja manchmal doch geneigt, Uli Hoeneß zuzustimmen, etwa wenn er erklärt, die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2010 an Südafrika sei "eine der größten Fehlentscheidungen" gewesen, die FIFA-Präsident Joseph Blatter "jemals getroffen hat". "Herr Blatter hat seinen Willen haben müssen, ich habe es immer für falsch gehalten."

"Es gibt gute Gründe, die WM 2010 am Fernseher zu verfolgen, daheim im Garten", schreibt der Sportjournalist Jens Weinreich in seinem Blog www.jensweinreich.de. Im Juni pfeift der Winterwind übers Land, es sind malerischere Urlaubsziele als die Großstädte Südafrikas bekannt, und wer sich in einem von Sicherheitskräften umringten Hotel verbarrikadieren möchte, wird pro Übernachtung mehr als einen Hartz-IV-Monatssatz hinblättern müssen.

Kein Wunder, dass weltweit der Kartenverkauf stockt, um es milde auszudrücken. Außer in Brasilien will kaum ein Mensch die grotesk überteuerten Tickets haben, geschweige denn die dämlichen Reisepakete zu astronomischen Preisen von der Schweizer Agentur Match, des Exklusivpartners der FIFA in diesen Angelegenheiten.

Vielleicht sollten neben den Fans auch die Journalisten der WM fernbleiben. Den südafrikanischen Kollegen nämlich wurde vor einiger Zeit ein Papier aus dem Hause Blatter zugestellt, dessen Inhalt an Dreistigkeit schwerlich zu überbieten ist.

In den Akkreditierungsregeln der Allmächtigen aus dem Palaste FIFA, c/o Zürich finden sich neben all dem Klimbim über die Verwendung von Logos, Emblemen und anderem Tinnef einige zauberhafte Bedingungen, die anzuerkennen jeder Journalist sich "rechtlich verbindlich" zu verpflichten hat, als da beispielsweise wären: keine Fotos oder bewegten Bilder in Handyplattformen einzuspeisen; keine eigenen Bilder für die Websites der Verlage zu machen; die Namen der Hotels, in denen die Mannschaften untergebracht sind, nicht zu nennen, warum auch immer - es ist halt einfach schön, wenn man die Macht hat, anderen, zumal den lästigen Pressefritzen, irgendwelche - und seien es noch so dusselige - Restriktionen aufzuerlegen, selbstverständlich im Zeichen der "Freiheit der Berichterstattung", wie sich die edlen Kameraden des Fußballweltverbandes nicht scheuen mitzuteilen.

Weil das aber nicht reicht, wird der Verkauf von Zeitungen im Umkreis von achthundert Metern um die Stadien verboten, angeblich, um die Zuschauerströme besser lenken zu können. Und um dem Fass den Boden auszuschlagen, untersagt die FIFA, man sperre die Lauscher weit, weit auf: "die FIFA in Misskredit zu bringen" - beziehungsweise "die Reputation der Weltmeisterschaft zu beschädigen".

Das ist ein astreiner Maulkorberlass, ersonnen von einem Verein profit- und kontroll- und herrschsüchtiger Magnaten, die schon mal kritische Journalisten zu Personae non gratae erklären und dabei gewiss die Präambel des eigenen Ethikcodes im Sinn haben, die folgendermaßen beginnt: "Die FIFA trifft eine besondere Verantwortung, die Integrität und das Ansehen des Fußballs weltweit zu wahren. Die FIFA ist unablässig bestrebt, den Ruf des Fußballs und insbesondere der FIFA vor unmoralischen oder unethischen Machenschaften und Praktiken zu schützen."

"Blatter soll gedroht haben, Reporter von den Spielen auszuschließen", notiert die taz, solche Reporter, die unmoralisch und unethisch handeln, sofern sie möglicherweise saubere Machenschaften der FIFA unter die Lupe nehmen und die Frechheit besitzen, das der Öffentlichkeit zu unterbreiten.

Das Komitee für Pressefreiheit des südafrikanischen Zeitungsverlegerverbandes bezeichnete die Akkreditierungskonditionen der FIFA als "Verletzung der Pressefreiheit in großem Ausmaß". Der Vorsitzende Thabo Leshilo fügte hinzu: "Es ist empörend, womit die FIFA gewohnt ist durchzukommen."

Vor zwei Wochen meldete die Neue Zürcher Zeitung, der "steinreiche Verband" habe sein "Eigenkapital auf über eine Milliarde" Schweizer Franken aufstocken können. "Von der Finanz- und Wirtschaftskrise ist in den FIFA-Büchern nichts zu spüren, der Verband profitiert von längerfristigen Verträgen." Und über Sepp Blatters Auftritt bei einer Pressekonferenz hieß es weiter: "Fußball sei Hoffnung, führte Blatter aus. Zwischen dem Fußball und den ihn überall auf der Welt verbreitenden Fernsehanstalten habe sich 'eine Liebesgeschichte‘ entwickelt."

Wir stellen fest: Schamlosigkeit kennt keine Grenzen, im grenzenlos obszönen FIFA-Fernsehfußball schon gar nicht.

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