Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 03:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteRoutiniert wie absehbar20.11.2010

Routiniert wie absehbar

"Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" am Deutschen Theater Berlin

Wie geht unsere Gesellschaft mit Schuld und Lüge um? - danach fragt das Deutsche Theater in Berlin und findet Antworten bei Arthur Miller, Nils-Momme Stockmann und Roland Schimmelpfennig. Der nahm das Thema wörtlich und schrieb ein Stück über die kollektive und kollektiv empfundene Schuld des Westens, der Wohlstandsstaaten und ihrer Bewohner. Es entstand ein Stück über zwei Paare: eins hat ernst gemacht und ist zum Helfen nach Afrika gegangen, das andere nicht.

Von Hartmut Krug

Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)
Das Deutsche Theater in Berlin (Arno Declair/Deutsches Theater Berlin)

Die Bühne ist ein offener und leerer weißer Kasten vor tiefschwarzem Hintergrund. Dieser Spielraum, in dem Regisseur Martin Kusey seine vier Schauspieler zu wechselnden Stehgruppen im aus den Seitenschlitzen strahlenden hellen Licht arrangiert und ausstellt, kennt keine Requisiten. Hier herrscht allein das Schauspielerspiel der Gesten und Dialoge. Zwei Paare, allesamt Mediziner, treffen sich nach sechs Jahren wieder: das eine hat versucht, in Afrika zu helfen, das andere blieb in Deutschland. Was wir von diesem Treffen und den Gefühlen der vier zu halten haben, sagt uns einer der vier gleich zu Beginn, bevor das verlogene Gespräch beginnt:

Roland Schimmelpfennig, angeblich zurzeit meistgespielter Gegenwartsdramatiker Deutschlands, besitzt viel Erfahrung mit Stückaufträgen. Allerdings kann es für einen Autor schwierig werden, wenn Stückaufträge thematische Vorgaben geben. Das diesjährige "Luminato Festival" des Volcano Theatre Toronto führte Autoren aus Kenia, den USA und Deutschland mit Regisseuren aus England, Kanada und Südafrika zusammen, damit sie sich mit dem nicht einfachen Verhältnis zwischen Afrika und dem Westen beschäftigten. Roland Schimmelpfennigs dafür entstandenes und dort im Sommer uraufgeführtes Stück "Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes" nun wirkt so banal wie zeigefingrig, so routiniert wie absehbar, - und es läuft munter in den Erfolgsspuren von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" und Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels."

Und wie in diesen Stücken geht es um tote Liebe und leeres Leben, um Egoismus und den Versuch, gut zu sein, um kaputte Paarbeziehungen und Seitensprünge, aber auch um die Frage, was der Westen und der Einzelne überhaupt tun können für Afrika. Liz und Frank haben wohl ein Kind, das allerdings ebenso wenig auftritt wie das schwarzhäutige Kind, um das sich Carol und Martin in Afrika gekümmert haben, aber dort zurückließen. Die einen spielen mächtig bedeutungsvoll mit der weißen Plastikpuppe Peggy Picket ihrer Tochter, die anderen haben eine Schnitzpuppe ihres afrikanischen Schützlings mitgebracht. So wie mit diesen Puppen wird auch mit den Sätzen hantiert: die wirken wie aufgereckte Zeigefinger und sind beschwert mit ständig wiederholten überdeutlichen Metaphern:

Aus dem Stück:
"Du schneidest dich irgendwo, und die Wunde wächst und wächst nicht richtig zu. Es ist wirklich zum Verzweifeln.
Ich meine, ihr setzt euer Leben ein, um anderen Menschen zu helfen, und wir machen das Garagentor auf und zu.
Ich frage mich manchmal, ob es nicht besser gewesen wäre, wir wären da nie hingefahren."

Leider verkörpern Schimmelpfennigs Figuren Haltungsklischees, die nicht aus ihnen heraus psychologisch begründet, sondern ihnen einfach nur zugewiesen und angeheftet sind. Gelegentlich äußern sie im Off, was sie wirklich denken, und immer wieder werden einzelne Passagen wiederholt oder vorweggenommen. Das könnte durchaus witzig sein oder auch mit Ernsthaftigkeit wirken, wenn, ja wenn nicht Regisseur Martin Kusej alles Tempo aus den Dialogen genommen hätte, um die zugrunde liegende tiefere Bedeutung dieses zutiefst problembewussten wie dabei äußerst problematischen Konversationsstückes auszustellen. Und so sehen wir vier virtuose Schauspieler, die die Verkrampfungen und Lügen ihrer Figuren von Beginn an mit bewusst eingesetzter falscher Lautstärke und Betonung überdeutlich ausstellen. Dabei führen uns die vorzüglichen Schauspieler Maren Eggert, Sophie von Kessel, Ulrich Matthes und Norman Hacker vor, dass wunderbares Schauspielerspiel selbst in einem schwachen Stück und einer schwachen Inszenierung möglich sind. Die mit einem platten Schluss endet, bei dem es Müll vom Himmel regnet, in dem die Vier hilf- und orientierungslos herumstaksen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk