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StartseiteSonntagsspaziergangKigali zwischen Vergangenheit und Gegenwart23.11.2014

RuandaKigali zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Das Königreich Ruanda gehörte zwischen 1885 und 1916 zu Deutsch-Ostafrika und die Hauptstadt Kigali wurde einst von einem deutschen Psychiater gegründet. Die Kolonialzeit und der blutige Bürgerkrieg prägen das Land bis heute - doch der kleine Staat und seine Hauptstadt haben einen enormen Entwicklungssprung gemacht.

Von Cornelius Wüllenkemper

Zwei Frauen laufen eine Straße in Kigali entland, der Hauptstadt Ruandas. (picture alliance / dpa / Foto: Charles Shoemaker)
Ruanda mit der Hauptstadt Kigali gehört heute zu einer der sichersten und florierendsten Ländern Ostafrikas. (picture alliance / dpa / Foto: Charles Shoemaker)

Aus dem undurchdringlichen Verkehr auf Kigalis Haupteinkaufsstraße mit ihren unzähligen kleinen Geschäften, in denen Händler alles von Kunsthaar bis Baumaschinen anbieten, erhebt sich ein gigantischer Turm aus Glas und Beton. Im "Kigali City Tower" findet Ruandas neue Upperclass neben Mode-Boutiquen, einer weitläufigen Shopping-Mal und schicken Cafés das Multiplex Cinema Center, das einzige Kino im ganzen Land. Ruanda, und insbesondere die Hauptstadt Kigali, haben zwei Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg unter Präsident Paul Kagamé einen enormen Entwicklungssprung gemacht. Die Stadt wächst in atemberaubendem Tempo, die Bauwirtschaft boomt, immer neue Prachthotels, Bürotürme oder Apartmenthäuser, ja ganze Stadtviertel schießen aus dem Boden.

Motorradtaxis rasen in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die zahllosen Hügel von Kigali. Nur wenige Minuten vom City Tower im Zentrum entfernt findet man den Ort, an dem die Geschichte der 1,2 Millionen Stadt vor gerade einmal 106 Jahren begann.

Afrika-Forscher und Ethnologe Richard Kandt

Von der Terrasse des Richard-Kandt-Hauses bietet sich ein traumhafter Blick über die Stadt auf den 1.850 Meter hohen Mount Kigali. Der deutsche Psychiater, Afrika-Forscher und Ethnologe Richard Kandt wählte 1907 exakt die geografische Mitte des Landes, um die erste deutsche Residentur in Ruanda zu errichten. Von hier aus sollte er im Reich der Tutsi-Könige die Direktiven des kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch-Ost-Afrika aus dem 1.150 Kilometer entfernten Daressalam im heutigen Tansania durchsetzen. Ruanda war auf der legendären Berliner Kongo-Konferenz 1885 durch reinen Zufall per Federstrich auf der Landkarte an Deutschland gefallen.

Ein Jahrhunderte, womöglich Jahrtausende altes Königreich, das sich bis dato in einer schwer zugänglichen Gebirgslandschaft von der Außenwelt abgeschottet hatte. 1898 traf Richard Kandt auf der ersten wissenschaftlichen Expedition nach Ruanda nicht nur als erster Weißer den Tutsi-König Musinga, sondern entdeckte im heutigen Nationalpark Nyungwe auch die Quellen des Nil.

"Hier sind wir im ehemaligen Büro von Richard Kandt, dies hier war sein Schreibtisch. Diese Aufnahme zeigt Richard Kandt im Westen Ruandas, in Cyangugu. Nachdem er die Quellen des Nil entdeckt hatte, hat er dort einige Zeit gewohnt. In einer traditionellen Hütte, so wie alle anderen Ruander zu der Zeit."

Heute ist in der ehemaligen deutschen Residentur das Natur- und Heimatkundemuseum Ruandas untergebracht. Die Kolonialgeschichte, die im Richard Kandt Haus erzählt wird, hat nichts mit den rassistischen Exzessen des berüchtigten Carl Peters zu tun, einem der Gründer der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. Richard Kandt war dazu der Gegenpol. Während seiner Zeit als offizieller Vertreter des deutschen Kaiserreichs in Ruanda von 1907 bis 1913 zeigte er sich keineswegs als rücksichtsloser Kolonialist, sondern agierte zurückhaltend im Einklang mit dem Tutsi-König, dessen Machtstatus erhalten blieb. König Musinga wiederrum ließ sich von den Deutschen gegen aufständische Hutus und verfeindete Clans schützen.

"Sicher, für uns ist Richard Kandt eine positive Figur. Er hat vieles nach Ruanda gebracht, den Tee- und Kaffeeanbau, die Versorgung mit fließendem Wasser und vieles mehr. Er hat mit den Ruandern zusammengearbeitet. Er fühlte sich selbst wie einer von uns."

Kandt wollte, wie er selbst schrieb, nicht Opfer von "weit vorbei greifenden Urteilen über Neger und Afrika" werden, sondern hatte vor allem ein ethnologisch-wissenschaftliches Interesse. Auf Siedler wurde in Ruanda ebenso verzichtet wie auf wirtschaftliche Ausbeutung. Dass Richard Kandt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Tutsi-König die Jahrhunderte alten Spannungen zwischen den unterprivilegierten Hutus und den herrschenden Tutsis nur verstärkte, stellte sich erst knapp 100 Jahre später als verheerend heraus. In den 1930er-Jahren führten dann die Belgier die soziale Distinktion zwischen Hutus und Tutsis als offizielle ethnische Kategorie ein und bereiteten damit den Boden für den furchtbaren Völkermord von 1994.

Das muslimische Viertel Nyamirambo

Richard Kandt, der Gründer von Kigali und das gleichnamige Museum sind nicht die einzigen sichtbaren Spuren der kurzen deutschen Präsenz in Ruanda. Auch das muslimische Viertel Nyamirambo entstand als Folge der deutschen Residentur. Die deutschen Kolonialbeamten benötigten Übersetzer für die bis dato völlig unbekannte ruandische Landessprache Kinyarwanda. Die Übersetzer holten sich die Beamten aus einer anderen Region des deutschen Kolonialgebiets, aus dem heutigen Tansania.

"Die meisten dieser Übersetzer waren Muslime. Als sie nach Ruanda kamen, wusste man zunächst nicht, wo man sie unterbringen sollte. Die Deutschen beschlossen, ihnen einen Platz innerhalb der Stadt zuzuweisen, wo sie ihre Häuser bauen konnten. Diese Orte nannte man damals 'Ort andersartiger Sitten'. Nyamirambo war einer von ihnen", erklärt die 20-jährige Béatrice, die sich als Fremdenführerin ein paar Ruanda Francs verdient. Die Jüngste von sieben Geschwistern ist ein paar Straßen weiter geboren und kennt Nyamirambo wie ihre Westentasche. Sie selbst in Christin, die meisten ihrer Geschwister sind muslimisch konvertiert.

"Vor dem Völkermord lebten nur sieben Prozent Muslime in Ruanda. Man behandelte sie wie Ausländer. Sie hatten kein Recht, zur Schule zu gehen, sie durften auch keine Dorfchefs stellen. Deswegen haben sie auch beim Völkermord so gut wie keine Rolle gespielt. Heute hat sich die Anzahl der Muslime verdoppelt, viele Ruander sind konvertiert. Denn viele haben das Morden nur überlebt, weil sie sich in einer Moschee versteckt hielten."

Heue ein lebendiges Viertel

Nyamirambo ist heute das bunteste, lebendigste Viertel der ansonsten äußerst aufgeräumten, sauberen Hauptstadt. Boutiquen, Friseursalons, Schneiderstuben aber auch die traditionellen Milchbars, in denen man aus riesigen Stahlbehältern frische Buttermilch in Halblitergläsern serviert bekommt, prägen das Straßenbild. Und immer wieder kleine Stände, an denen Früchte, Maiskolben oder die typischen kleinen Pfannkuchen angeboten werden.

"Versuchen Sie mal die Chapatti, die sind köstlich. Das essen die Leute hier aus der Gegend, oft zum Frühstück. Öl, Mehl, Wasser, ein bisschen Salz und ein bisschen Zucker, das ist alles! Auch das haben die Muslime aus Tansania hier damals eingeführt."

Mit einem Schluck schwarzen Tee ist der zarte Teig der Chapatti mit dem leicht süßen Aroma ein echter Gaumenschmaus. Bezeichnend für das betriebsame Leben in Nyamirambo ist auch der Wochenmarkt, auf dem man alles bekommt, was für den ruandischen Alltag nötig ist.

"Der Markt ist eigentlich Sache der Frauen. Dahinten ist der Fleischer, der einzige Mann hier. Da kriegt man vor allem Ziegen- und Rindfleisch. Natürlich kein Schweinefleisch, immerhin ist das hier ein muslimischer Markt!"

"Das Ziegenfleisch isst man vor allem an den Brochettes, also an Spießen. Ziegenmilch dagegen trinken wir nur bei Mangelernährung. Ruander trinken Kuhmilch. Und hier kommen wir zum Gemüse. Das hier ist Dodo, so nennen wir Amarant-Blätter. Die isst hier jeder. Wächst überall, ist preiswert und außerdem äußerst nahrhaft."

Mit mächtigen Macheten-Hieben zerlegt ein Fleischer eine Ziege in ihre Einzelteile. Frauen mit bunten Gewändern und kunstvoll verzierten Kopftüchern warten, bis sie an der Reihe sind. Und schon geht es weiter zum nächsten Stand.

"Dies hier sind Maniok-Blätter. Daraus macht man Sombe. Hier entlang!"

Vorbei an einem Stand mit traditionellen kleinen Kole-Öfen aus Ton, auf denen die Ruander seit Jahrhunderten ihr Gemüse und Getreide kochen, nähern wir uns einer Gruppe älterer Frauen. Mit schweren Holstangen zerstampfen sie Maniokblätter in Holzbottichen zu einem grünen Brei. Gleich daneben brummt ein Trockengebläse. Auf dem Boden rollt sich ein lächelndes Baby, ein Huhn ergreift die Flucht unter einen der Stände.

"Es dauert etwa 30 Minuten, um den Sombe Brei herzustellen. Das machen diese Frauen von Morgen bis Abends, jeden Tag. Es werden Zwiebeln und Knoblauch dazugegeben, oder was immer der Kunde möchte. Gerade für junge Mütter ist der Maniokbrei gut, denn er enthält viel Eisen."

Die offenen Hallen des Nyamirambo-Marktes halten immer neue Entdeckungen bereit. Anstelle von Gebets-Teppichen werden hier einfache Tücher verkauft. Bestickt sind sie mit Koran-Zitaten auf Swahili und erinnern so an die tansanischen Übersetzer der deutschen Kolonialbeamten, die das Stadtviertel vor gut 100 Jahren gründeten. Ein paar Meter weiter verlassen wir den Markt, durchqueren die engen Straßen eines Armenviertels: Strom haben hier die wenigstens, und auch das Wasser wird oft noch in Kanistern nach Hause transportiert. Als wir auf einer Erhöhung ankommen, werfen wir einen letzten Blick auf die Keimzelle der deutschen Stadtgründung im Stadtteil Nyarugenge. Laut dem "Kigali Masterplan" sollen hier bald die einfachen Lehmbauten Platz machen für gläsern blitzende Wolkenkratzer, dem "Manhattan am Nil". In der Stadt der Tausend Hügel löst die Zukunft gerade die Vergangenheit ab.

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