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StartseiteUmwelt und VerbraucherRückblick auf die Zukunft01.02.2012

Rückblick auf die Zukunft

Internetportal "Futurzwei.org" gestartet

Wer die Welt verändern wolle, müsse nicht auf die "Weltbeschlüsse von Durban- oder Kopenhagen-Konferenzen" warten, meint Harald Welzer. Die neue Webseite seiner Stiftung Zukunftsfähigkeit erzähle von Menschen, die bereits jetzt "anders produzieren, anders wirtschaften".

Harald Welzer im Gespräch mit Benjamin Hammer

Harald Welzer: Das Motiv, sich um die Zukunft zu sorgen, ist hoch abstrakt.
Harald Welzer: Das Motiv, sich um die Zukunft zu sorgen, ist hoch abstrakt.

Benjamin Hammer: Anfang dieser Woche, da versuchten die Vereinten Nationen, die Welt wachzurütteln. In einem Bericht schrieb der zuständige Ausschuss, dass die Zeit knapp werde - die Zeit, um die Versorgung der Welt mit Essen, Wasser und Energie sicherzustellen. In der Weltwirtschaft, in der Art, wie wir leben, beim Energieverbrauch, müsse es ein Umdenken geben, sonst sei es zu spät. Der Sozialpsychologe Harald Welzer dürfte sich über den Appell der UN gefreut haben, denn auch er will wachrütteln. Welzer hat zusammen mit Mitstreitern eine Stiftung gegründet – sie heißt "Futurzwei" und will sich vor allem durch das Internet verbreiten. Heute startet das Projekt, und mit Harald Welzer bin ich jetzt am Telefon verbunden. Schönen guten Tag, Herr Welzer!

Harald Welzer: Guten Tag! – Hallo!

Hammer: Herr Welzer, Futurzwei.org, so heißt Ihre Internet-Seite. Kurze Frage vorab: Für einige ist die Seite noch nicht erreichbar. Wird das behoben?

Welzer: Ja, ich hoffe sehr. Bei mir funktioniert es und ich denke, dass die Agentur, die uns IT-mäßig versorgt, falls es ein Problem gegeben hat, das jetzt behoben hat.

Hammer: Dann schauen wir mit Ihnen, die Sie auf die Seite kommen, jetzt mal gemeinsam auf die Seite. Auf Ihrer Seite wollen Sie Geschichten erzählen von Menschen, die schon jetzt etwas tun – gegen den Klimawandel, gegen soziale Ungleichheit. Was für Geschichten sind das?

Welzer: Ja das sind Geschichten, die nicht mehr im Konjunktiv erzählt werden. Wir haben ja häufig Appelle, die dann damit enden, man müsste, man könnte, man sollte. Und wir erzählen Geschichten über Menschen, über Unternehmer, über Initiativen, die tatsächlich schon anders produzieren, anders wirtschaften, oder eben nachhaltige Kulturen entwickeln.

Hammer: Warum heißt das Projekt "Futurzwei"? In ein paar Minuten werde ich ein Interview mit Ihnen geführt haben, Herr Welzer.

Welzer: Ja, genau.

Hammer: Warum Futurzwei?

Welzer: Sie haben es eigentlich mit der Formulierung schon angedeutet. Um sich in eine Zukunft hinein entwerfen zu können, dafür haben wir halt diese grammatische Form. Man kann auf ein Ziel hin, auf einen künftigen Zustand sich imaginieren und von diesem Zukunftszustand aus auf sich zurückblicken – wer werde ich gewesen sein, oder wer will ich gewesen sein -, und das ist psychologisch betrachtet eine ganz schöne Motivation, um loszugehen und jetzt Dinge zu verändern.

Hammer: Jetzt gab es gestern eine Umfrage beziehungsweise die Veröffentlichung einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung, und darin heißt es, rund 75 Prozent der Deutschen zählen die Energiewende zu den drei wichtigsten Themen unserer Zeit. Ökostrom beziehen aber nur rund zehn Prozent. Warum ist das so? Sorgen wir uns nicht genug vor der Zukunft?

Welzer: Na ja, das Motiv, sich darum zu sorgen, ist eben hoch abstrakt. Das erzählen einem dann die Klimaforscher und dann weiß man, CO2 sollte man reduzieren, und so etwas. Aber auf der anderen Seite – Sie haben es ja gerade angesprochen – ist die Konsumwelt so gestrickt, dass wir immer mehr Produkte haben und ständige Steigerungsraten. Man setzt ja auch nach wie vor auf Wachstum. Und das ist natürlich ein Widerspruch, der objektiv ist. Wenn ich ständig sozusagen im Konsum mehr Wachstum habe, habe ich mehr Materialverbrauch, habe ich auch mehr Emissionen. Da kann ich so viel Bewusstsein über den Klimawandel haben, wie ich will – mein Verhalten produziert dann ein anderes Ergebnis.

Hammer: Und wie wollen Sie die Leute packen?

Welzer: Na ja, indem wir einfach an Beispielen von Menschen, die anders mit den Sachen umgehen, zum Beispiel ein anderes Konsumverhalten haben, aber besonders Unternehmen, die anders produzieren, dass wir einfach zeigen können, es geht auch im bestehenden Leben schon anders, wir haben Handlungsspielräume, die Praxis zu verändern, und wir müssen nicht auf Weltbeschlüsse von Durban- oder Kopenhagen-Konferenzen warten. Das meint man ja immer, dass es da irgendwie einen Startschuss geben muss und ab dem Zeitpunkt wird es dann nachhaltig. Wir zeigen, dass es anders geht und gehen muss.

Hammer: Herr Welzer, Sie nennen auf der Homepage in Ihrem Projekt positive, ermunternde Beispiele, und von der Realität scheinen Sie eher ein bisschen ernüchtert zu sein. Tun Sie zum Beispiel der deutschen Wirtschaft damit nicht ein bisschen Unrecht, mit dem Projekt? Ich meine, auch bei großen Unternehmen in der Wirtschaft wurde und wird doch viel geleistet im Kampf gegen den Klimawandel.

Welzer: Ich weiß nicht, auf welche Statistiken Sie sich da beziehen. Ich weiß nur, dass wir zum Beispiel im Jahr 2010 das Jahr mit dem höchsten Energieverbrauch in der Menschheitsgeschichte und auch in der deutschen Geschichte gehabt haben. Dadurch, dass wir im Grunde genommen die Wirtschaft immer weiter wachsen lassen und die Konsumzone immer weiter erweitern, haben sie chronisch erhöhten Material- und Ressourcenverbrauch. An dieser Bewegung ist bislang überhaupt noch nichts geändert. Das heißt ja nicht, dass viele Unternehmen nicht auch gutwillig sind, dort effektiver zu werden, aber bislang bildet sich das gar nicht ab.

Hammer: Der Sozialpsychologe Harald Welzer war das über sein neues Projekt "Futurzwei", seit heute im Internet unter www.futurzwei.org mit einer ausgeschriebenen Zwei. Herr Welzer, besten Dank.

Welzer: Ja, ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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