Kommentare und Themen der Woche 13.11.2020

Rücktritt von Johnson-Berater CummingsGut für die Briten und für ihren PremierministerVon Christine Heuer

Beitrag hören Dominic Cummings vor dem Regierungssitz des britischen Premierministers, Downing Street 10 in London (imago/Mark Thomas)Hat den Machtkampf in Downing Street 10 verloren: Dominic Cummings (imago/Mark Thomas)

Der Abgang von Boris Johnsons Topberater Dominic Cummings war überfällig, kommentiert Christine Heuer. Das Mastermind der Brexit-Kampagne wurde dem britischen Premier zuletzt mehr und mehr zum Problem. Doch die endgültige Entscheidung gegen Cummings brachte erst Joe Bidens Wahlsieg in den USA.

Dominic Cummings hat Boris Johnson zur Macht verholfen. Trotzdem hat er ihm politisch geschadet. Denn als es nicht mehr darum ging, ob, sondern wie der Premierminister regieren sollte, erwies sich der strategische Tausendsassa als fatale Fehlbesetzung. Der Chefberater empfahl den härtestmöglichen Brexit und Laisser-faire in der Corona-Krise.

Vom Troubleshooter zum Problemfall

Abgeordnete, Minister, Beamte, die Medien: Sie alle behandelte Cummings wie Dreck. Dass er über allen zu stehen glaubte, demonstrierte er eindrucksvoll, als er im Frühjahrslockdown gegen alle Regeln mit einer COVID-Infektion quer durchs Land reiste. Spätestens da war klar, dass Johnsons Troubleshooter zu einem Problem für ihn geworden war.

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Cummings‘ menschenverachtende Bemerkung, wenn die Rettung der Wirtschaft in der Pandemie ein paar Rentner das Leben koste, dann sei das halt so, wurde von Insidern so laut weitergeflüstert, dass sie auch im hintersten Winkel Großbritanniens noch zu vernehmen war. Spätestens da war dann auch klar, dass viele in Johnsons engerem Zirkel und im Unterhaus Dominic Cummings loswerden wollten. Trotzdem blieb er noch Monate im Amt.

Biden entscheidet Machtkampf in London

Dass er jetzt doch gehen muss, verdankt er Carrie Symonds - und Joe Biden. Boris Johnsons Verlobte hat – gemeinsam mit anderen einflussreichen Frauen in Regierungskreisen – den Machtkampf mit Cummings und seiner Boygroup aufgenommen – und ihn gewonnen. Eigentlich hatte Johnson Cummings‘ engen Weggefährten Lee Cain befördern wollen. Aber Symonds riet dringend davon ab. Und der Premierminister hörte auf sie, nicht mehr auf seinen Chefberater. Nun geht Cain und nimmt Cummings gleich mit.

Symonds kleiner Sieg in Downing Street wäre aber kaum vorstellbar ohne Joe Bidens großen Sieg in Washington. Donald Trump ist Geschichte. Der nächste US-Präsident ist kein Populist, sondern ein Mann mit Werten. Ein Liberaler, der mit und nicht gegen Amerikas Verbündete in der Welt Politik machen will. Boris Johnsons bullige Brexit-Politik, seine Vertrags- und Wortbrüche, auch sein loses Mundwerk: All das findet Joe Biden alles andere als lustig.

Johnson macht den nächsten U-Turn

Und Johnson weiß, dass auch ihm das Lachen bald vergeht, wenn er weitermacht wie bisher. Also versucht der wendige britische Regierungschef, was er gut kann: Einen U-Turn. Seit Bidens Wahlsieg hört man von Boris Johnson kein böses Wort mehr über die EU. Stattdessen schürt er Hoffnungen auf einen Handelsvertrag mit den Europäern.

So friedlich und konstruktiv hat man London schon länger nicht gesehen. Friedlich und konstruktiv: Das aber ist das Gegenteil von Dominic Cummings. Es war Zeit, dass er geht - für die Briten und für ihren Premierminister.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

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