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StartseiteKommentare und Themen der WocheAbgang mit erhobenem Haupt09.04.2020

Rückzug von Bernie SandersAbgang mit erhobenem Haupt

Wieder ist Bernie Sanders gescheitert mit seinem Versuch, Spitzenkandidat der US-Demokraten für das Amt des Präsidenten zu werden. Diesmal will er aber starken Einfluss auf die Kampagne seines Rivalen Joe Biden nehmen. Ein Schachzug, der Biden in Bedrängnis bringen könnte, meint Thilo Kößler in seinem Kommentar.

Von Thilo Kößler

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Senator Bernie Sanders (links) und der ehemalige Vizepräsident Joe Biden vor der TV-Debatte am 25.02.2020 in Charleston South Carolina. (imago images / UPI Photo)
Ob Joe Biden vom Rückzug seines Rivalen Bernie Sanders profitieren kann, ist nicht sicher (imago images / UPI Photo)
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And the winner is: Joe Biden heißt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Spitzenkandidat der Demokraten, der am 3. November gegen Donald Trump antreten wird. Als letzter noch verbliebener Konkurrent im demokratischen Bewerberfeld hat Bernie Sanders das Handtuch geworfen und damit den Weg für die Nominierung des 77-jährigen Ex-Vizepräsidenten  freigemacht.

Diese Entscheidung von Bernie Sanders kam keinesfalls überraschend. Nach den letzten Niederlagen in Florida, Arizona und Illinois sollen ihm auch seine engsten Wahlkampfstrategen zur Beendigung seiner Kampagne geraten haben. Zu groß war der Abstand bei den Delegiertenstimmen geworden, Joe Biden war für Bernie Sanders am Ende nicht mehr einzuholen.

US-Wahl 2020 (dpa/Daniel Bockwoldt) Alle Beiträge zur Präsidentschaftswahl in den USA (dpa/Daniel Bockwoldt)

Kein unrühmlicher Abgang

Das Ende seiner Präsidentschaftsambitionen mag für Bernie Sanders auch persönlich bitter sein – hatte sich der 78-Jährige doch über Jahre hinweg und bis zum Herzinfarkt schonungslos aufgerieben. Doch es ist kein unrühmlicher Abgang, den Bernie Sanders jetzt vollzogen hat – er geht erhobenen Hauptes und mit der glaubhaften Begründung, mit seiner Entscheidung einen Beitrag geleistet zu haben, die Reihen zu schließen und Donald Trump zu schlagen.

Sanders gibt auch nicht einfach auf, sondern reklamiert den ideologischen Sieg für sich, wie er sagte. Er will die Delegiertenstimmen als Unterpfand behalten, die er in den bisherigen Vorwahlen hinter sich brachte. Sanders will seinen Einfluss auf Programmatik und Plattform von Joe Biden geltend machen.

Ohne Zweifel ist es das Verdienst von Bernie Sanders, die Demokraten aus dem elitären, neoliberalen und Wall-Street-nahen Clinton-Erbe befreit zu haben. Er hat die Partei auf einen sozialdemokratischen Kurs gezwungen mit dem Ziel, die Gesellschaft solidarischer und das politische System gerechter zu machen. Die Corona-Krise gab Bernie Sanders zum Schluss Recht: Sie offenbarte in der Tat die ganze Absurdität des amerikanischen Gesundheitswesens und ließ die Defizite im Sozialsystem der USA wie Eiterbeulen aufplatzen. Bernie Sanders ist es jetzt auch seinen Anhängern schuldig, seine Forderungen hinüberzuretten in den Wahlkampf von Joe Biden

Biden wird Kompromisse machen müssen

Der Spitzenkandidat in spe wird sich dem zumindest teilweise beugen müssen, wenn er sein Ziel erreichen will, die Anhänger aus dem Sanders-Lager hinter sich zu bringen. Biden wird am Ende jede Stimme brauchen. Und er muss auf alles gefasst sein im Kampf gegen Donald Trump, der ihn schon jetzt hämisch als "sleepy Joe" verunglimpft.

Biden muss jetzt schnell den Rollenwechsel vom innerparteilichen Wahlkämpfer zum designierten Spitzenkandidaten der Demokraten vollziehen. Er muss Brücken bauen, versöhnen und die Partei zusammenführen. Er muss Profil gewinnen und für die Wähler viel, viel sichtbarer werden. Der Erwartungsdruck, der auf ihm lastet, ist gewaltig. Ob Joe Biden der richtige Mann ist, um Donald Trump zu schlagen – das darf sich nicht langsam, aber sicher, das muss sich ziemlich schnell erweisen.

Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

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