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StartseiteKommentare und Themen der WocheStrache hat die Notbremse gezogen01.10.2019

Rückzug von FPÖ-ChefStrache hat die Notbremse gezogen

Der frühere FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache erklärt seine politische Karriere für beendet. Dass damit seine politische Ambitionen wirklich beerdigt sind, glaubt unser Kommentator Srdjan Govedarica nicht. Vielmehr sei Strache dem bevorstehenden Rausschmiss zuvorgekommen - und hoffe auf ein Comeback.

Von Srdjan Govedarica

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Der österreichische Vizekanzler Heinz Christian Strache erklärt am 18.5.2019 vor der Presse seinen Rücktritt. In Österreich stehen nun Neuwahlen bevor. (Leopold Nekula / viennareport / imago-images)
Heinz Christian Strache stellt vorerst seine politischen Aktivitäten ein (Leopold Nekula / viennareport / imago-images)
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Ich wette einen Wodka-Red-Bull dagegen, dass Heinz-Christian Strache wirklich seine politische Aktivität einstellen wird und keine Ämter mehr anstrebt. Das hat er zwar heute bei einer Pressekonferenz in Wien so gesagt – aber eigentlich hat er nur die Notbremse gezogen und eine Art Waffenstillstand mit der Partei vereinbart. Denn seine FPÖ hätte ihn wenige Stunden nach seiner Pressekonferenz ohnehin suspendiert oder vielleicht sogar aus der Partei geworfen. Strache weiß genau, dass er zu einer toxischen Person für die FPÖ geworden ist.

Schwerer Vorwurf: Untreue

Zumindest so lange die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt – wegen eines für Strache sehr unangenehmen Vorwurfs. Dem der Untreue gegenüber der FPÖ. Strache soll, so der Verdacht, private Ausgaben im großen Stil über die Partei abgerechnet haben. Die FPÖ hatte ihm ein Spesenkonto von 10.000 Euro im Monat eingeräumt und einen 2.500-Euro-Mietzuschuss für seine Villa - zusätzlich zu seinem Gehalt von rund 19.000 Euro als Vizekanzler. Wer "Unser Geld für unsere Leute" im Brustton der Überzeugung vom Rednerpult im Nationalrat donnert und Robin Hood wegen seines "Freiheitskampfes für das Volk und gegen die Mächtigen" als Vorbild bezeichnet, kann sich so etwas einfach nicht erlauben. Der "kleine Mann" – für den Strache seit jeher den Anwalt spielt, findet so etwas gar nicht gut.

Nur auf den ersten Blick ein sauberer Schnitt

Straches Rückzug wirkt auf den ersten Blick wie ein sauberer Schnitt, ist aber eigentlich eher ein Wegducken garniert mit Mitleidsgesuchen für seine von den Skandalen schwer gebeutelte Familie und der ewigen Leier von politischem Attentat und Weltverschwörung. Strache hätte genauso gut auf Angriff schalten und wie von vielen vermutet, seinen Parteiausstritt und die Gründung einer eigenen politischen Liste für die Landtagswahlen in Wien im kommenden Jahr verkünden können. Wie einst sein politischer Ziehvater und jahrelanges Vorbild Jörg Heider. Doch das wäre selbst bei Straches verbliebenen Anhängern innerhalb der FPÖ nicht gut angekommen – zu sehr ist der Gedanke der großen Familie bei den Freiheitlichen verankert, zu präsent noch das Trauma aus dem Jahr 2002, als sich die Partei im Streit spaltete und für Jahre in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Also lieber erstmal wegducken und abwarten. Denn wer weiß, wie sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entwickeln. Es gilt ja die Unschuldsvermutung und es könnte ja sein, dass das Verfahren gegen Strache eingestellt oder er vor Gericht freigesprochen wird.

Comeback nicht ausgeschlossen

Spätestens dann wird es dann wieder eine kurzfristig eingeräumte Pressekonferenz geben und einen strahlenden HC Strache, der sein Comeback verkündet. Denn einerseits scheint die rote Linie für die FPÖ tatsächlich nur das Strafrecht zu sein - sonst wäre Strache ja nach dem Ibizavideo schon gegangen worden. Außerdem hat Strache, der dieses Jahr 50 wird, sein halbes Leben in der Politik verbracht. Amt und Würden sind ihm sehr wichtig, die politische Bedeutungslosigkeit der Stoff, aus dem sich seine Albträume speisen. Wenn wir heute wirklich den letzten politischen Auftritt von Heinz-Christian Strache gesehen haben, fresse ich jedenfalls einen Besen – und gebe einen Wodka-Red-Bull aus.

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