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StartseiteKommentare und Themen der WocheKonsequenter Abgang19.03.2019

Rückzug von Schäfer-GümbelKonsequenter Abgang

Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel steigt aus der Politik aus. Mit der SPD hat er schmerzhafte Wahlniederlagen erlebt. Sein Abgang war nur eine Frage der Zeit, meint Ludger Fittkau - und wird die Diskussion um die Bundesvorsitzende Andrea Nahles wieder anheizen.

Von Ludger Fittkau

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Ein Wahlplakat der SPD mit Thorsten Schäfer-Gümbel zu den Landtagswahlen in Hessen an einer Straße in Hessen. (picture alliance / Revierfoto)
Auf Wahlplakaten wird Thorsten Schäfer-Gümbel nicht mehr erscheinen - er kehrt der Politik den Rücken. (picture alliance / Revierfoto)
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Es war schon lange klar: Nach der historischen Niederlage der SPD bei der hessischen Landtagswahl im Herbst 2018 konnte Thorsten Schäfer-Gümbel nicht so weitermachen wie in den vergangenen zehn Jahren. Die hessische SPD hatte in ihrer einstigen Hochburg die bisher größte Schlappe der Nachkriegsgeschichte eingefahren und wurde nach CDU und Grünen nur noch drittstärkste Kraft im Landesparlament.

Dass Schäfer-Gümbel sich nun von der Spitze der Landespartei und auch als stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender zurückziehen wird, ist deshalb ein notwendiger Schritt. Wenn die SPD sich in Bund und Ländern erneuern will,  braucht sie auch frisches Personal. Dazu gehört Thorsten Schäfer-Gümbel, obwohl erst 49 Jahre alt, schon lange nicht mehr. Dreimal war er als Spitzenkandidat der hessischen SPD angetreten. Dreimal hatte er verloren.

Mitverantwortlich an wichtigen Wahlniederlagen der SPD

Schäfer-Gümbel wird jedoch der SPD fehlen. Denn innerparteilich wirkte er mit seiner ausgleichenden und analytischen Art wohltuend. Als seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti  2008 ihr Wahlversprechen brach, nicht mit der Linken zu regieren und versuchte, eine von der Linkspartei geduldete rot-grüne Minderheitsregierung zu bilden, hatte sie damit die Partei tief gespalten. Schließlich war sie am Widerstand mehrerer SPD-Abgeordneter gescheitert. Thorsten Schäfer-Gümbel kehrte den Scherbenhaufen der Partei in Hessen zusammen und formte daraus wieder eine politische Kraft, die nicht nur mit sich selbst beschäftigt war.

Dennoch schaffte es auch Schäfer-Gümbel nicht, der Partei in Land und Bund wieder klarere politische Konturen zu geben. Diese waren bereits seit Schröders Hartz-Reformen auch für viele Genossinnen und Genossen selbst nicht mehr sichtbar. Auch das Drama um den Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der seinen Bundestagswahlkampf 2017 ohne das ihn bis dahin bestimmende Europathema führte und damit komplett baden ging, konnte Schäfer-Gümbel als Vizevorsitzender im Bund nicht verhindern. Dafür trägt er große Mitverantwortung.

Damit wächst auch Druck auf Andrea Nahles

Die bundespolitischen Kapriolen ließen Schäfer-Gümbel schließlich auch in Hessen keine Chance. Er setzte im Landtagswahlkampf 2018 durchaus auf die richtigen Themen – Wohnungsnot, bessere Schulen, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Doch der Dauerstreit zwischen Merkel und Seehofer auf Bundesebene, in den die SPD in der Groko mit verwickelt war, überlagerte auch die Hessenwahl vollständig. "Der Sturm aus Berlin" war zu stark, erklärte Schäfer-Gümbel heute.  Gemeint ist damit auch SPD-Vorsitzende Andrea Nahles und ihr falscher Umgang mit dem ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen in der heißen Phase des Landtagswahlkampfes in Hessen.

Damit ist auch klar: Der Rückzug von Thorsten Schäfer-Gümbel wird auch die Diskussion über die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles wieder anheizen. Denn auch sie ganz persönlich hat mit dafür gesorgt, dass der Sturm aus Berlin für den hessischen Spitzen-Genossen zu groß war. Der will jetzt in den Vorstand einer Entwicklungshilfeorganisation wechseln. Wohin sich seine Partei entwickelt - dies bestimmt Thorsten Schäfer-Gümbel ab sofort nicht mehr mit. Das ist konsequent.

 

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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