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StartseiteKulturfragen„Nutzungs-Verwertungs-Denken funktioniert in der Kunst nicht“02.05.2021

Ruhrfestspiele-Intendant Kröck„Nutzungs-Verwertungs-Denken funktioniert in der Kunst nicht“

Der "größte und schwerste" Widerstand, den seine Branche jemals erlebt hätte, sei die Corona-Krise, sagt Olaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen, im Dlf. Auf keinen Fall wollte er zum zweiten Mal den Ausfall managen. Das Festival startet zunächst als Digital-Ausgabe.

Olaf Kröck im Gespräch mit Karin Fischer

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Olaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen, steht im Eingangsbereich des Festivalhauses.  (picture alliance / dpa | Caroline Seidel)
Will spielen, komme was wolle: Olaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen (picture alliance / dpa | Caroline Seidel)
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Die Ruhrfestspiele Recklinghausen haben ein Programmbuch herstellen lassen, dessen Umschlag einen virenhemmenden Lack auf natürlicher Basis enthält. Und das ist nur eine von vielen Maßnahmen für ein Festival unter Corona-Bedingungen. Die Reduzierung des Kartenangebots und dezentrale Spielstätten gehören dazu. Intendant Olaf Kröck startet mit einer digitalen Version, will aber möglichst schnell in den Live-Modus wechseln:

"Im Theater gibt es oft und viele Widerstände. Und Corona ist vielleicht der größte und schwerste Widerstand, den wir überhaupt - oder ich jemals - erlebt habe. Gleichzeitig haben wir natürlich ein großes Interesse daran, mitzuarbeiten an der Eindämmung der Pandemie. Und wir sind da wirklich überhaupt nicht leichtfertig. Wir haben über ein Jahr lang sehr, sehr viele Faktoren analysiert, die helfen können, unsererseits sichere Ruhrfestspiele zu machen. Wir sind auf all diese Eventualitäten vorbereitet. Jetzt muss man uns lassen."

Innere Unruhe kann utopische Räume öffnen

Das Motto der Ruhrfestspiele 2021 lautet "Utopie und Unruhe". Olaf Kröck verbindet mit dem Titel aber nicht nur Fragen rund um die Corona-Pandemie, sondern Sollbruchstellen des gesellschaftlichen Miteinanders:

"Die Black Lives Matter-Bewegung hat uns sehr deutlich gezeigt, welche Privilegien eine weiße Mehrheitsgesellschaft hier durchaus genießt und sich dieser überhaupt nicht bewusst ist. Und da ist natürlich in einer gesellschaftlichen Phase der Unruhe auch eine eigene innere Unruhe entstanden. Und gleichwohl macht die mit dem Bewusstwerden auch den utopischen Raum auf. Denn es könnte ja was besser sein, was anders werden, wenn ich mit daran arbeite, mich einzulassen auf strukturelle Defizite: Das sind arm-reich, das sind Bildungsgrenzen, die die Corona Pandemie massiv deutlich gemacht hat. Die ganzen Abwehrreaktionen, die wir im Augenblick rund ums Gendern haben, zeigen ja auch, dass wir in der Gesellschaft ganz schön viel miteinander zu diskutieren haben. Das macht unruhig und zeigt aber gleichzeitig auch einen Raum auf, in dem was besser werden kann. Und diese Dichotomien, die finde ich immer interessant."

Porträt von Markus Hinterhäuser (2020) - Pianist und Intendant der Salzburger Festspiele (imago images / Manfred Siebinger) (imago images / Manfred Siebinger)Salzburger Festspiele 2020 - "Es entsteht wieder eine Zusammenkunft, und die ist kostbar" Die Salzburger Festspiele sind das einzige Musikfestival in Europa, das in diesem Sommer stattfindet. In einer Hinsicht war Corona ein Glück, sagte Intendant Markus Hinterhäuser im Dlf: "All die wunderbaren Sänger waren frei und einfach nur glücklich, dass sie das machen können".

Die Ruhrfestspiele eröffnen traditionell am 1. Mai und sind eines der traditionsreichsten und ältesten Festivals überhaupt. Zahlreiche andere Bühnen-Events wurden in diesem Jahr bereits abgesagt oder pandemiebedingt ins Netz verlagert. So die Händel-Festspiele in Halle oder die Musikfestspiele Sanssouci in Potsdam. Die Schwetzinger Festspiele werden in den Herbst verlegt. Die "stücke" in Mülheim an der Ruhr, die den renommierten Dramatikerpreis verleihen, gibt es nur als Stream, ebenso das Berliner Theatertreffen.

Das Entwickeln ist Teil der Kunst, die man bezahlt

Die prekäre Situation jener Menschen, die im Kulturbetrieb beschäftigt sind, treibt Olaf Kröck sehr um. Die Absage des Festivals im vergangenen Jahr war fürs ganze Team eine extrem emotionale Sache: "Nicht nur, dass uns das Festival abhanden kommt, sondern wir wurden gleichzeitig zum Täter dieser Situation, weil wir haben Verträge aufgelöst." Mit einer engen Koordination mit den Gesellschaftern des Festivals, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der Stadt Recklinghausen sei es gelungen, ein Ausfallhonorar-System zu ersinnen, mit dessen großzügiger Handhabung auch soziale Härtefälle abgefedert wurden.

"Denn dieses klassische Nutzungs-Verwertungs-Denken funktioniert in der Kunst nicht. Ein Künstler hat ja nur einen ganz kleinen Teil seiner Arbeit sichtbar in dem Moment, wo er/sie auftritt. Sondern das Proben davor, das Entwickeln, das gedankliche Entstehenlassen ist ja Teil des Kunstwerkes, das man in der Präsentation überhaupt erst bezahlt."

"Kunst gegen Kohle" war Solidar-Aktion

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen feiern in diesem Jahr 75. Jubiläum. 1947 fanden sie zum ersten Mal statt, weil im Kälte- und Hungerwinter 46/47 Recklinghausen den Hamburger Theatern mit Kohle ausgeholfen hat.

"Also man kann schlicht sagen, die Hamburger Theater stehen heute noch, weil Recklinghäuser Bergleute Kohle geschmuggelt haben. Die Hamburger Theater haben sich dafür bedankt und Kunst nach Recklinghausen gebracht. Und deswegen gibt es heute die Ruhrfestspiele, also wirklich eine Win-win-Situation. Das ist ein Akt der Solidarität gewesen in beide Richtungen. Und ich glaube, auf den kommt es seit einem Jahr immer wieder in veränderter Form erneut an. Es geht darum, Solidarität in der Gesellschaft zu zeigen, eine riesige Gesundheitskrise in den Griff zu kriegen und gleichwohl aber Menschen mehr zu geben als nur einen Shop in der Innenstadt, indem man Billigmode aus Asien kaufen kann."

Zu fragen sei, so Olaf Kröck, für welche Gesellschaft man künftige Öffnungen anstrebe: "Wollen wir eine Bildungs-Gesellschaft, eine Kultur-Gesellschaft oder nur eine Konsum-Gesellschaft sein? Diese Debatte ist ein Jahr lang nicht geführt worden."

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