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StartseiteKultur heuteDie Grenze zwischen Kunst und Alltag23.08.2014

RuhrtriennaleDie Grenze zwischen Kunst und Alltag

Der Schweizer Dokumentartheater-Regisseur Boris Nikitin hat die Kunstform Oper seziert. Seine Arbeit heißt "Sänger ohne Schatten" - und hatte jetzt bei der Ruhrtriennale in Gladbeck Premiere. Nikitin thematisiert in seinem Werk die Grenze zwischen Kunst und Alltag.

Von Dorothea Marcus

Der Regisseur Boris Nikitin spricht am 06.08.2014 in der Gebläsehalle in Duisburg während der Auftaktpressekonferenz der Ruhrtriennale 2014. (picture-alliance / dpa / Marcel Kusch)
Der Regisseur Boris Nikitin bei der Auftaktpressekonferenz der Ruhrtriennale 2014 in Duisburg (picture-alliance / dpa / Marcel Kusch)
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Es gibt wohl kaum eine Kunstform, bei der äußerer Anschein und innerer Effekt stärker auseinanderfallen als bei der Oper. Ein Produkt der größtmöglichen Künstlichkeit - das zugleich den Körper des Zuschauers überfallen kann wie ein Naturereignis, in den Bauch fahren, einen kollektiven Rausch des Zuhörens auslösen kann. Also ein gutes Thema für den Schweizer Dokumentartheatermacher Boris Nikitin, der sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema der Identität befasst: Was ist echt und was nur Kopie?

In die erhaben wirkende Maschinenhalle in Gladbeck-Zweckel mit ihrer Schlossarchitektur, den riesigen Fensterbögen und gigantischen Förderrädern hat er eine winzige schwarze Blackbox bauen lassen: die schlichte Imitiation eines banalen Probenraums, detailgetreu kopiert bis hin zum Cateringtisch mit der Kaffeemaschine. Auf den Stühlen sitzen in Alltagskleidung: drei Opernsänger. "Guten Abend zu dem Abend Sänger ohne Schatten. Auf der Bühne sehen sie die Sopranistin Karan Armstrong und den Countertenor Yosemeh Adjei. Mein Name ist Christoph Homberger und ich bin Tenor. Stefan, würdest du bitte mal das Schattenmotiv spielen?"

Alltagsmenschen verwandeln sich in Kunstwesen

„Sänger ohne Schatten" ist inspiriert von der Strauss-Oper "Frau ohne Schatten", in der eine unfruchtbare Geisterkönigin ihren Schatten - und ihre Menschlichkeit sucht. Boris Nikitin macht in Gladbeck das Gegenteil. Er untersucht, wie sich profane Alltagsmenschen in Kunstwesen verwandeln. Wie aus dem Profanen mit Arbeit und Technik der inspirierende Funke erwächst. Zuerst wirkt der Abend daher auch wie eine schlichte dokumentarische Lecture-Performance: Die siebzigjährige Karan Armstrong, einst ein gefeierter Sopran. Der bayerisch-ghanaische Countertenor Yosemeh Adjei, noch am Anfang der Karriere, plaudert davon, dass er nur wegen der Matthäus-Passion Sänger wurde und führt eine intime Gesangsübung vor. Und doch verlassen die Sänger, obwohl scheinbar privat und intim, niemals ihre offiziellen Rollen. Auch ihre Privatheit, ihre Vergangenheit und ihr Repertoire spielen sie uns nur vor.

Im Gegensatz zum Dokumentartheater, das Echtheit behauptet, lässt Nikitin ganz bewusst die Echtheit künstlich spielen. Diese komplizierte Kopfdrehung macht den Abend jedoch zunächst recht spröde. Auch wenn sehr spannend ist, wenn Karan Armstrong uns mathematisch vorrechnet, wie sie planmäßig die gerade erst aus dem Leben geholten Emotionen wieder von sich distanziert, damit sie ihr nicht auf die Stimme schlagen. Und dass ihr härtester Moment war, als sie die "Küsterin" singen musste, die ihr Kind auf der Bühne tötet, während gerade ihr Mann gestorben war.

Homberger dagegen will nach diesem Projekt endgültig mit der Bühne aufhören und ein Restaurant eröffnen, so ist zu hören. Er fasst sich in dieser Szene theatralisch ans Herz und donnert eine Arie aus Beethovens "Fidelio" über den Zuschauer hinweg. Später stopft er sich Spaghetti in den Mund, während er verstopft eine italienische Arie aus Richard Strauss' Rosenkavalier singt und die Nudeln auf seinen nackten Bauch quellen. Das Heilige und das Lächerliche, das Theoretische und das Sinnliche schlagen an diesem Abend schnell ineinander um. Homberger: "Die Stimme des Opernsängers ist eine sportliche Stimme, keine politische Stimme."

Blick in den weiten Raum der Kunst

Doch alle Ironie und Theorie verblassen, als langsam die engen Wände der Probebühne hochfahren und sich endlich der Blick auf die grandiose Halle öffnet - in den weiten Raum der Kunst. Geisterhaft bewegen sich Homberger und Adjei in den Raum hinein und intonieren mit klarer Wucht das Lied "Doppelgänger" aus Schuberts "Schwanengesang".

Auf einmal sind die Sänger in ihren Alltags-T-Shirts selbst zu ihren eigenen "Doppelgängern" geworden, jene Kunstwesen in jenem schwer beschreibbaren Sehnsuchtsraum, die eine Magie erzeugen, die auch in den Zuschauer körperlich eindringt. Und so ist bewiesen: Die Macht des Gesangs lässt alles andere hinter sich. Die Identität, sie lässt sich eben letztlich doch nur in der eigenen Gänsehaut erfassen.

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