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StartseiteKultur heuteLuk Perceval inszeniert nach Romanen von Emile Zola10.09.2015

RuhrtriennaleLuk Perceval inszeniert nach Romanen von Emile Zola

Von Karin Fischer

Mal wieder ist die Raumwirkung phänomenal: Die überdachte alte Gießhalle im Landschaftspark Duisburg Nord, sonst für Konzerte genutzt, mit ihren stählernen Rohren, Streben und Balustraden und dem wuchtigen Turm hinten bildet eine kolossale Arena um das eigentliche Bühnenbild herum. Jene Maschinen, die in der Epoche von Emile Zola die Arbeiter zu ersetzen drohten, bilden hier die passgenaue Kulisse für eine Erzählung, die natürlich auch die Frage nach der Funktion des Menschen als Rädchen im Getriebe stellt. Genauer: Wie ist der Mensch ist durch Biologie, wie durch die Zeitläufe, also Geschichte, wie durch soziale Herkunft definiert?

Zola hat diese Frage in 20 Bänden durchdekliniert, zwei davon hat Luk Perceval geschickt miteinander verwoben: "Der Totschläger" und "Doktor Pascal". Dieser betreibt intensive Forschungen zur Vererbung und hat dafür genügend Anschauungsmaterial im sogenannten "Bastard-Zweig" der eigenen Familie, dessen Nachkommen als Alkoholiker, Schwindsüchtige oder Schwachsinnige enden. Dr. Pascal, gespielt von Stephan Bissmeier mit distanzierter Forscherhaltung, fragt sich zu Beginn – auch als Alter Ego des Romanciers -, ob die Menschheit an Intellekt dazu gewinnen kann; ob eine Entwicklung zum Höheren möglich ist?

Pascals Gegenüber und Exempel ist die hinkende Wäscherin Gervaise, deren Geschichte hier hauptsächlich erzählt wird. Sie hat drei Kinder von verschiedenen Männern und eigentlich sehr einfache Wünsche: Arbeiten, zu Essen haben, die Kinder groß kriegen; im eigenen Bett sterben. Gabriela Maria Schmeide spielt Gervaise bodenständig ehrlich wie einen weiblichen Franz Biberkopf vom Land; sie ist die beeindruckendste Figur der Inszenierung. Aber auch sie endet im Alkoholismus und bestätigt damit Zolas und Pascals These, dass die pathologischen, selbstzerstörerischen Anteile des Menschen sich zwangsläufig vererben. Die Theorie bleibt ansonsten im Hintergrund des Stückes, das als Literatur-Erzählung naturgemäß wenig von dramatischen Entwicklungen lebt, viel aber von kleinen Bildern, die der Regisseur und Menschenfreund Luk Perceval gefunden hat. Das beginnt mit der Bühne von Annette Kurz, die eine sich auftürmende Welle aus Holz darstellt, die man herunterrutschen oder mithilfe eines Seils erklimmen kann.

Wie aus diesen teilweise sehr lustigen Turn- und Schwingübungen eine Paralleldramaturgie entsteht, die ebenso viel über den Status, über Selbstbewusstsein oder Scheitern der Personen erzählt wie das Gesagte, ist schön erdacht. Mit Live-Musik von der E-Gitarre und wechselnden Erzählern entsteht darüber hinaus eine Vielstimmigkeit, die die Figuren verwebt und trotzdem jeder eigene poetische Momente gönnt.

Das Ensemble des koproduzierenden Thalia-Theaters bietet vor allem starke Frauenfiguren auf: Barbara Nüsse gibt die stocksteife Mutter von Dr. Pascal ebenso trocken wie einen Leichenbesorger; Maja Schöne spielt die dreijährige Nana ebenso überzeugend wie die aufbegehrende junge Frau:

"Ich frage mich, warum man dieses Vieh nicht ins Irrenhaus bringt! Ich warte nur darauf, Geld zu verdienen und ihm Schnaps zu spendieren, damit er schneller verreckt!!"

Am Ende sind viele Geschichten von Armut und Niedergang, von erfüllter oder vergeblicher Liebe erzählt. Und selbst der naturwissenschaftlich gepolte Dr. Pascal weiß, dass nicht die Medizin, sondern die Liebe die Welt retten wird. Seine Geliebte und Nichte Clotilde setzt mit ihrer irrationalen Hingabe einen ganz eigenen Kontrapunkt zur naturwissenschaftlichen Exposition.

"Nimm meine Lippen, nimm meinen Atem, nimm meine Brust, nimm meine Hände, nimm meine Füße, nimm meinen ganzen Körper. Ich bin die Blume, die zu deinen Füßen sprießt, das Wasser, das fließt, um dich zu erfrischen. Die Kraft, die sprudelt, um dir deine Jugend wieder zu geben. – Ich bin nichts."

Die Theaterproduktionen der Ruhrtriennale setzen in diesem Jahr auf nahezu unbewältigbare Vorlagen. Dass nach Pasolinis "Accattone" und Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" jetzt auch die Inszenierung nach Zola funktioniert, ohne dass man den Ur-Text kennen muss, ist ein Erfolg – auch der Programmarbeit von Johan Simons und seinem Team.

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