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StartseiteHintergrundHaiti zehn Jahre nach dem Erdbeben11.01.2020

Ruinen, Armut, ProtesteHaiti zehn Jahre nach dem Erdbeben

Mehr als 300.000 Tote, knapp zwei Millionen Obdachlose: Die Bilanz des Erdbebens von Haiti im Jahr 2010 ist verheerend. Der Wiederaufbau des Landes kommt seitdem nur schleppend voran, immer wieder gibt es Proteste gegen den Präsidenten. Manche sprechen schon von einem gescheiterten Staat.

Von Burkhard Birke und Eberhard Schade

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A protester prays at the beginning of a march to the National Palace in Port-au-Prince, Haiti, 17 October 2019. At least one man died Thursday and another was shot during another day of protests that paralyzed the Haitian capital, in a new mobilization that seeks to force the resignation of President Jovenel Moise. The two victims were at the demonstration and started to rob other people in the street near the National Palace, and a stranger shot them, according to a police officer at the scene. At least one dead and one injured during protests in Haiti ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xOrlandoxBarriax AME1232 20191018-637069542676351087 (imago / Orlando Barria)
Marginalisiert, ausgeschlossen, im Stich gelassen und ausgebeutet, so sehen sich viele Einwohner Haitis (imago / Orlando Barria)
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Zehn Tage nach dem großen Beben Hintergrund vom 22.01.2010

"Wir haben in der Stadt sehr viele eingestürzte Kliniken gesehen, es gibt kaputte Kliniken und Schulen. Manche Gebäude sind völlig unversehrt, andere komplett platt. Wir haben ein Einkaufszentrum gesehen, wo 400 Menschen drin vermutet werden. Das Gebäude strahlt einen unbeschreiblichen Geruch aus. Das deutet natürlich darauf hin, wie viele Menschen dort tot drin liegen. Und rund um das Gebäude war eine Hundertschaft von Menschen, wenn nicht 200 oder 300 Menschen, die von der Polizei zurückgehalten wurde, die dort drin ihre Angehörigen vermuten und am liebsten da reingehen und die Menschen mit bloßen Händen ausgraben würden."

Am 12. Januar 2010 – innerhalb von nur 53 Sekunden – wird Port-au-Prince um 16.53 Uhr Ortszeit in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Neben der Hauptstadt Haitis liegen auch große Teile des Landes in Trümmern. Über 300.000 Menschen sterben, ebenso viele werden verletzt, fast zwei Millionen Menschen sind danach obdachlos.

Reporter: "Wir haben nur Verzweiflung erlebt"

Der ZDF-Reporter Christoph Röckerath schildert am 15. Januar im Deutschlandfunk seine ersten Eindrücke.

"Wir haben keine große Aggression erlebt, wir haben eigentlich nur Verzweiflung erlebt. Die Menschen kommen auf einen zu. Wenn man den Flughafen verlässt, alleine da sind schon Dutzende von Menschen, die einfach die Hände ausstrecken und fragen, ob man ihnen Wasser geben kann und was zu essen. Wir sind auch auf der Straße, obwohl wir nur ein Kamerateam sind, sind wir mehrfach gefragt worden: Habt ihr Antibiotika dabei, habt ihr Medikamente dabei? Ich habe mich verletzt, mein Bein tut weh, und dann zeigen sie auf ihre Verletzungen."

"Abzureißen", steht an diesem irreparabel beschädigten Haus in Port-au-Prince (imago / epd)"Abzureißen", steht an diesem irreparabel beschädigten Haus in Port-au-Prince (imago / epd)

Das Erdbeben schwächt auch den Staat Haiti. Finanz-, Justiz- und Erziehungsministerium, Katasteramt, Post und Stadtverwaltung – alles weg, alles nicht mehr da. 13 von 15 Ministerien stürzen ein, ein Viertel aller Staatsbeamten stirbt. Dafür überlebt der Präsident. Fenster aus schussfestem Panzerglas im Arbeitszimmer von René Préval verhindern, dass die Kuppeldecke des Palastes auf ihn stürzt.

"Was immer noch fehlt, ist jede Form von Hilfe. Die Hilfsorganisationen sind hier am Flughafen eingetroffen und sind dabei, sich selber zu organisieren. Das war auch nötig, weil ja viele, die hier dauerpräsent sind, viele eigene Mitarbeiter verloren haben."

In unmittelbarer Nähe des Palastes spielen sich am 12. Januar, am Tag des Bebens, apokalyptische Szenen ab. Einstürzende Decken und Wände zerquetschen Finger, Füße, Arme oder Beine von Tausenden. Chirurgen fliegen ins Land, trennen mit Drähten, Taschenmessern und Sägen Gliedmaßen ab, um Leben zu retten. Noch Wochen später werden immer wieder Leichen aus den Trümmern gezogen.

Viele Haitianer haben Gliedmaßen verloren

Die Organisation Handicap International richtet sechs Wochen nach der Katastrophe in der Lagerhalle eines ehemaligen Supermarktes die erste und in der Zeit nach dem Beben einzige Prothesenwerkstatt in Port-au-Prince ein.

Hier setzen Techniker Leichtmetallstäbe auf weiße und braune Holzfüße, als Ersatz für amputierte Gliedmaßen. Sie schaffen drei bis vier an einem Tag. Viel zu wenig angesichts der Zahl der Opfer.

Viele Haitianer haben bei dem Beben 2010 Gliedmaßen verloren, diese junge Frau etwa ein Bein (imago / Palm Beach Post / Lannis Waters)Viele Haitianer haben bei dem Beben 2010 Gliedmaßen verloren, diese junge Frau etwa ein Bein (imago / Palm Beach Post / Lannis Waters)

Im hinteren Teil des Raumes hat ein Physiotherapeut einen Parcours mit leeren Coladosen aufgebaut. Eine junge Frau im himmelblauen Kleid läuft wie in Zeitlupe rechts um die erste Dose, links um die zweite. Unterhalb des rechten Knies ist ihr Bein mit einem dicken Verband umwickelt, daran ist eine Prothese aus Metall befestigt. "Petit pas, petit pas", ruft ihr Trainer ihr immer wieder aufmunternd zu. Kleine Schritte in ein neues Leben.

Die Hilfe ist da längst angekommen, und das nicht zu knapp: 111 Länder und multinationale Organisationen sagen zehn Milliarden US-Dollar zu, Privatspender allein aus den USA und Europa weitere drei Milliarden. Haiti wird zur bestfinanzierten Katastrophe 2010. Geber und NGOs versprechen damals international koordinierte Hilfe vergleichbar mit dem Marschallplan für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ende 2010 ruft Haiti landesweit den Notstand aus. Über 3.000 Menschen sind da bereits an der Cholera gestorben, die nepalesische UN-Soldaten einschleppen. Und im November 2012 trifft auch noch Wirbelsturm "Sandy" mit voller Wucht auf die Karibikinsel, vernichtet 70 Prozent der Ernte.

"Friedhof für Hilfsprojekte"

Die Bilanz drei Jahre nach dem Beben ist verheerend: Noch immer leben rund 350.000 Menschen in Zeltstädten zwischen Müll, Ratten, Schweinen und überlaufenden Toiletten. 80 Prozent der Haitianer haben nach wie vor weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung.

Heftig kritisiert von der eigenen Bevölkerung: Haitis Präsident Jovenel Moise (imago / Orlando Barra)Heftig kritisiert von der eigenen Bevölkerung: Haitis Präsident Jovenel Moise (imago / Orlando Barra)

Der Wiederaufbau hat zu dieser Zeit in den Augen von Michèle Duvivier Pierre-Louis, der ehemaligen Premierministerin des Landes, noch gar nicht richtig begonnen. Sie findet, dass in Haiti vor allem staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen fehlen.

"Hast du einen schwachen Staat, dann hast du eine schwache Zivilgesellschaft. Und in einem Staat wie Haiti, in dem wir lange eine Diktatur hatten und alle Dinge, die eine starke Zivilgesellschaft ausmachen, unterdrückt wurden, dauert es naturgemäß lange, bis diese erstarkt."

Die groß gewachsene Frau mit dem klaren Blick sagt das am Rande einer Konferenz der Welthungerhilfe Ende 2012. Pierre-Louis fordert vor allem eins für ihr Land: Zeit. Und richtet ihren Appell an die Helfer.

"Die Weltbank hat Haiti einen Friedhof der Hilfsprojekte genannt, und genau das ist es. Du kommst, glaubst die Antwort zu haben, hast ein kleines Projekt hier, ein kleines dort, und nach ein, zwei Jahren bist du wieder weg. Und du glaubst ernsthaft, dass die Leute im Land mit dem, was du angefangen hast, weitermachen und es aufblühen lassen? Vergiss es! In der wirtschaftlichen und sozialen Situation, in der sich Haiti befindet. Eine Gesellschaft, die regelrecht marginalisiert wurde und in der die Menschen jetzt erst für sich in Anspruch nehmen, endlich mitzureden und zu partizipieren – das braucht ganz einfach Zeit."

Ein gescheiterter Staat?

Und heute, zehn Jahre nach der Katastrophe? Da passt es irgendwie ins Bild, dass der Präsidentenpalast noch immer nicht wiederaufgebaut wurde. Denn Haiti – die einst reichste Kolonie Frankreichs – steht politisch vor den Trümmern seiner stolzen Vergangenheit.

Der amtierende Präsident Jovenel Moise, ein Bananenplantagen-Besitzer aus dem Norden, gilt als schwach. Das Parlament ist zerstritten, die Regierung seit März 2019 ohne Premierminister. Seit Monaten wird protestiert. Auslöser sind die zunehmende Treibstoffknappheit, Inflation und steigende Preise.

Ein Mann trägt einen großen Scheck über ein Rasenstück (imago / Jean Marc Herve Abelard)Politiker des Landes hätten bis zu zwei Milliarden Dollar veruntreut, so der haitianische Rechnungshof (imago / Jean Marc Herve Abelard)

Und dann veröffentlicht der haitianische Rechnungshof im Oktober auch noch einen Bericht, wonach die Regierung rund zwei Milliarden US-Dollar veruntreut haben soll. Geld, das im Rahmen des sogenannten Petro-Caribe-Abkommens von Venezuela nach Haiti geflossen ist und dem Karibikstaat Öl zum Vorzugspreis garantierte. Betroffen sind mehrere Minister.

Auch Präsident Jovenel Moise selbst soll vor seiner politischen Karriere noch Geld aus dem Programm abgezweigt haben. Eine Hauptforderung der Protestierenden lautet deshalb, der Präsident muss zurücktreten.

Polizei in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince im Einsatz gegen Demonstranten  (AFP) (AFP)November 2019 - Aufstände in Haiti blutig niedergeschlagen
Schulen blieben wochenlang geschlossen, das öffentliche Leben kam zum Erliegen, als die Bevölkerung Haitis gegen den nach wie vor amtierenden Jovenel Moïse auf die Straße ging.

Andrea Steinke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre for Humanitarian Action in Berlin:

"Jovenel Moise wollte quasi gefühlt von einem Tag auf den anderen die Benzinpreise um fast 40 Prozent erhöhen, weil der IWF, der Internationale Währungsfonds, gesagt hat, Ihr müsst irgendwie gucken, wie Ihr Euren Staatshaushalt hinkriegt, erhöht doch mal die Benzinpreise. Das war schon das, was quasi das Fass zum Überlaufen gebracht hat und dann hat diese Petro-Caribe Bewegung einfach ein Momentum gehabt."

"Wir werden marginalisiert, im Stich gelassen und ausgebeutet"

Die Anfang Juli 2019 von der Regierung verkündeten Pläne, die Preise für Benzin und Diesel drastisch zu erhöhen, wurden zwar zurückgenommen. Das einmal entfachte Feuer der Wut konnte jedoch nicht gelöscht werden.

"Wir werden marginalisiert, ausgeschlossen, im Stich gelassen und ausgebeutet. Die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Forderungen des einfachen Volkes werden nie erfüllt."

Protesters wait for the beginning of a march to the National Palace in Port-au-Prince, Haiti, 17 October 2019. At least one man died Thursday and another was shot during another day of protests that paralyzed the Haitian capital, in a new mobilization that seeks to force the resignation of President Jovenel Moise. The two victims were at the demonstration and started to rob other people in the street near the National Palace, and a stranger shot them, according to a police officer at the scene. At least one dead and one injured during protests in Haiti ACHTUNG: NUR REDAKTIONELLE NUTZUNG PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xOrlandoxBarriax AME1260 20191018-637069541979970145 (imago / Orlando Barria)Protestierende im Oktober 2019 (imago / Orlando Barria)

Solche Stimmen, wie hier in einem Internetvideo, waren bereits im Sommer 2019 auf den Straßen von Port-au-Prince zu hören, Mitte Oktober demonstrierten die Menschen wieder, blockierten die Zufahrtswege zur Hauptstadt. Bis November 2019 hatten die jüngsten Unruhen laut Menschenrechtsgruppen 100 Tote und 200 Verletzte gefordert.

"Gegen die Bevölkerung wird immer mehr und härtere Gewalt eingesetzt. Diese Tendenz beunruhigt uns sehr, denn sie bedeutet eine Rückkehr zu den Zuständen von vor 30 Jahren, zur Diktatur der Duvaliers. Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Menschenrechte sind akut gefährdet. Es gibt zahlreiche Übergriffe, Journalisten, und Menschenrechtsaktivisten werden ermordet. Das alles ist kein gutes Zeichen."

Kettly Mars, Schriftstellerin und Präsidentin des PEN Centers auf Haiti, zeigt sich sehr besorgt.

Undatierte Aufnahme des haitianischen Präsidenten und Diktators Francois Duvalier, genannt "Papa Doc"(hinten), mit seinem Sohn und Amtsnachfolger Jean-Claude Duvalier, genannt "Baby Doc".  (picture-alliance / dpa / AFP) (picture-alliance / dpa / AFP)Haitis Diktatur-Vergangenheit
Unter François Duvalier und dessen Sohn Jean-Claude starben und verschwanden auf Haiti bis 1986 zehntausende Menschen. Diese Zeit ist kaum aufgearbeitet, kein Täter bestraft, Schulbücher schweigen darüber. Und doch sehen sich nicht wenige auf der Insel wieder nach einer "starken Hand".

Beben hat die soziale Kluft vergrößert

Dass sich die Lage zuletzt etwas beruhigt hat, liegt wohl nur daran, dass der überwiegende Teil der elf Millionen Haitianer sich um das nackte Überleben kümmern muss. Schätzungen der UN zufolge, leben immer noch drei Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, mehr als die Hälfte hat nicht einmal einen Dollar pro Tag zur Verfügung. Die wirtschaftlichen Ressourcen und die politische Macht konzentrieren sich in den Händen der Elite.

Ungefähr die Hälfte des nationalen Einkommens geht an die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Das Beben vor zehn Jahren hat die soziale Kluft offensichtlich noch vergrößert, obwohl die anschließend gewährte Milliardenhilfe doch gerade den Ärmsten zu Gute kommen sollte.

Andrea Steinke vom Center for Humanitarian Action berichtet: "Es gibt auf jeden Fall noch mehr als 40.000 IDPs, also binnenvertriebene Menschen, die bis heute in mehr schlecht als rechten Campstrukturen leben. Es wurden außerhalb von Port-au-Prince, dort in der Einöde, Zeltstädte errichtet, die dann permanent geworden sind. Dort leben nach wie vor Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen."

Der Nationalpalast ist auch zehn Jahre nach dem Beben noch nicht wiederaufgebaut (imago / Kyodo)Der Nationalpalast ist auch zehn Jahre nach dem Beben noch nicht wiederaufgebaut (imago / Kyodo)

Die Helfer sind – bis auf einige wenige – längst weg. Im Herbst 2017 haben die Vereinten Nationen ihre Militär- und Polizeikontingente abgezogen. Vor drei Monaten dann hat die UN auch die verbliebene Mission zur Unterstützung der Justiz beendet.

Ungute Erinnerungen an UN-Präsenz und NGOs

Bei den Haitianern hat die UN-Präsenz einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, vor allem wegen tausender Cholera-Opfer, glaubt Andrea Steinke.

"Die UN ist sicherlich nicht hundert Prozent verantwortlich zu machen, dass der haitianische Staat irgendwie eine schwache Infrastruktur hat und damit auch ein schwaches Sanitäts- und Kanalisierungssystem, aber sie ist dafür verantwortlich zu machen, dass sie ihre eigenen Vorschriften nicht einhält. Die Cholera ist in Haiti, weil die sanitären Vorschriften nicht beachtet wurden und die Fäkalien in die Hauptlebensader von Haiti geleitet wurden und sich so auf das ganze Land verteilt haben."

Bis heute hat sich die UN nicht formell entschuldigt – offenbar aus Angst vor Schadenersatzforderungen. Auch die Präsenz tausender Hilfsorganisationen aus aller Welt in den Monaten und Jahren nach dem schweren Beben bleibt vielen Haitianern in unguter Erinnerung. Abgesehen von einigen viel zitierten Sex- und Prostitutionsskandalen, in die etwa Mitarbeiter von Oxfam verwickelt waren, wurden viele Projekte lanciert, die an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigingen.

Verlust von Hilfsgeldern durch Korruption

Dirk Günther koordinierte jahrelang die Projekte der Welthungerhilfe auf Haiti und ist seit Kurzem wieder vor Ort.

"Bei der Nothilfephase gab es dann Probleme, dass die Organisationen sehr viel wenig erfahrenes Personal nach Haiti geschickt haben oder auch als Organisationen wenig erfahren sind und wenig abgestimmt haben mit dem, was es gab. Der zweite Kritikpunkt ist natürlich der große Verlust von Hilfsgeldern durch Korruption."

Hilfsgüter (imago / ZUMA press)NGOs stehen in der Kritik, 2010 nicht adäquat geholfen zu haben (imago / ZUMA press)

Ist das allein dem haitianischen Staat anzulasten? Fakt ist, dass mangels Transparenz und demokratischer Kontrolle auch in zahlreichen Hilfsorganisationen Geld in fragwürdige Kanäle oder zurück in die eigene heimische Wirtschaft geleitet wurde, etwa wenn Holz aus Europa für den Bau von Häusern auf Haiti importiert wurde.

NGO-Parallelstrukturen zum Staat

Andrea Steinke vom Center for Humanitarian Action bemängelt aber vor allem, dass in Haiti ein wahres NGO-Paralleluniversum geschaffen wurde, und zwar nicht erst im Nachgang zu dem Erdbeben vor zehn Jahren.

"Seit den 80er-Jahren wurde das internationale System aufgebaut und hat Parallelstrukturen zum haitianischen Staat entwickelt, das heißt, dass mehr als 90 Prozent der mehr als sieben Milliarden Dollar, die nach dem Erdbeben ausgeschüttet wurden, am haitianischen Staat vorbeigegangen sind. Man kann sich also einerseits beschweren, dass der Staat nicht funktioniert und dass er fragil ist, dass er korrupt ist, andererseits baut man quasi einen Staat im Staat auf, der noch dazu führt, dass die fähigen Leute, die eine gute Ausbildung haben, die Interesse haben, etwas zu tun, dann nicht für den Staat, sondern für das bessere Geld der NGOs arbeiten."

Braindrain, Parallelstrukturen: Sind das Ursachen oder Symptome für einen Staat, der seit dem Ende der Diktatur 1986 20 Präsidenten hatte und einfach nicht zur Ruhe kommen will? Ist Haiti ein "failed state", ein gescheiterter Staat?

Die Schriftstellerin Kettly Mars: "Wir müssen feststellen, dass Haiti ein 'failed state' ist. Wir verzeichnen eine galoppierende Inflation, seit zwei Jahren wird kein Staatshaushalt mehr verabschiedet. Wenn wir ein Parlament haben, in dem die Abgeordneten sich mit Gangstern verbünden, wenn wir mehr als zehn bewaffnete Banden haben, deren Schlagkraft größer als die der Polizei ist – dann sind das Elemente, die uns objektiv betrachtet anerkennen lassen müssen, dass wir in einem 'failed state' leben."

Geburtsfehler von 1804

Wurde das von Kettly Mars beschriebene Staatsversagen Haiti förmlich in die Wiege gelegt? 1804 erkämpften sich die Sklaven in der "Perle der Karibik" ihre Unabhängigkeit von den französischen Kolonialherren. Für die formelle Anerkennung 1825 mussten sie aber Reparationen zahlen, gigantische 90 Millionen Goldfranc jährlich – dreimal so viel wie die eigenen Staatseinkünfte – und das über Jahrzehnte.

Portrait der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars. (picture alliance / Leemage / Francesco Gattoni) (picture alliance / Leemage / Francesco Gattoni)Kettly Mars' jüngstes auf Deutsch erschienenes Buch "Der Engel des Patriarchen"
Voodoo und Wirklichkeit - Mit "Der Engel des Patriarchen" liefert die Haitianerin Kettly Mars nicht nur die spirituelle Chronik einer Familie über mehrere Generationen, sondern auch ein hintergründiges Gesellschaftsporträt.

Darüber hinaus hatten schon die französischen Kolonialherren mit der Abholzung der Wälder für ihre Plantagen den Grundstein für die verheerende Erosion gelegt, die einige NGOs wie die Welthungerhilfe jetzt durch mühsame Aufforstungsprogramme bekämpfen. Nur noch zwei Prozent der Fläche sind bewaldet. Und immer wenn es regnet, wird der letzte Rest fruchtbaren Bodens ins Meer gespült.

Vor allem aber blieb die Gesellschaftsstruktur erhalten: Eine reiche Oberschicht herrscht über die große Masse.

Dirk Günther von der Welthungerhilfe:

"Wichtigstes Element für die Verbesserung der Entwicklungsvoraussetzungen ist: Verringerung der Korruption und Arbeiten an sozialpolitischen Lösungen. Die arme haitianische Bevölkerung gibt mehr als 50 Prozent ihres Einkommens für die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder und die Gesundheit der Familie aus, da diese Leistungen vom Staat unzureichend zur Verfügung gestellt werden. Dann bleibt für die arme Bevölkerung ganz einfach nicht mehr viel übrig für die Ernährung der Familie und andere Dinge, die wichtig sind für die Familie."

"Haiti bräuchte vielleicht eine Frau an der Spitze"

Nur die Haitianer selbst können für eine andere Sozialpolitik, eine bessere Verteilung der Ressourcen sorgen. Internationale Hilfe kann sie dabei begleiten, meint Dirk Günther:

"Wir müssen uns vor Augen halten, dass es ausgeschlossen ist, ein Land von außen mit Ideen von außen zu entwickeln. Ein Land kann sich nur von innen heraus entwickeln. Insofern ist es wichtig, dass die Dinge, die getan werden, solche sind, die von der Bevölkerung gewünscht werden, und die dann entsprechend von externen Organisationen aufgegriffen und unterstützt werden. Hierbei ist es auch sehr wichtig, dass das Management bei der Bevölkerung verankert wird und der Staat so weit unterstützt wird, dass er seine Rolle in diesem Management wahrnehmen kann. An der Bevölkerung und am Staat vorbei zu arbeiten, führt nicht zum Erfolg."

Portrait der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars. (Geschätztes Aufnahmedatum 2012) (imago / Leemage) (imago / Leemage)Geschichten, die am Leben halten
Haitis Literaturszene ist rebellisch, engagiert und vielfältig. Eine ganze Generation junger Autoren setzt sich mit dem Erbe der Kolonialzeit auseinander – und mit der Frage nach der eigenen Identität. Dazu gehört auch die eigene Sprache: das haitianische Kreol.

Schriftstellerin Kettly Mars kritisiert, dass vor allem die USA sich in der Vergangenheit immer wieder eingemischt, das Land besetzt und die falschen Personen an der Spitze des haitianischen Staates unterstützt haben. Um die aktuelle Situation zu entspannen, plädiert sie für mehr Vertrauen innerhalb der haitianischen Gesellschaft.

"Wir müssen miteinander reden, dafür braucht es aber eine friedliche Atmosphäre. Leider mangelt es an Vertrauen in die derzeitige Regierung, und die Mehrheit lehnt einen Dialog ab. Wir führen also momentan einen Dialog der Tauben, und bis heute ist kein Ende der aktuellen Krise absehbar."

Potenzial gibt es auf Haiti: Die Hälfte der elf Millionen Einwohner ist unter 25, teilweise gut ausgebildet und bereit, mit der Vergangenheit zu brechen – sie brauchen nur eine Chance, und Haiti, so Kettly Mars, bräuchte vielleicht eine Frau an der Spitze.

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