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StartseiteKultur heuteRunde Frauen rund um Rubens16.09.2009

Runde Frauen rund um Rubens

Eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien

In Wien spürt das Kunsthistorische Museum dem Frauenbild rund um Rubens nach. Damit soll mehr als das Stammpublikum angelockt werden.

Von Wolf Schön

In Wien sind Rubens-Werke zu sehen (Herzog Anton Ulrich-Museum)
In Wien sind Rubens-Werke zu sehen (Herzog Anton Ulrich-Museum)

Der unumstrittene Star der Schau ist das berühmte "Pelzchen", ein kuscheliges Meisterstück vom Kürschner, das dem Bildnis der Trägerin den modischen Namen gab. Im luxuriösen Umhang steckt mehr schlecht als recht die schöne Helena, zweite Frau des Malers Peter Paul Rubens, die sich mit beiden Armen vergeblich müht, ihre kapriziöse Blöße zu bedeckten. Dass der frischgebackene Ehemann dem so anregend quälenden Wechselspiel von Scham und Verlockung tatenlos zusah, konnte nur einen Grund haben. Auf der Holztafel fixiert sollte das erste Pin-Up-Girl der Erotikgeschichte werden, mithin jener später so inflationär verbreitete Teenie-Typus, dessen textile Ausstattung weit mehr offenbart als verhüllt.

Frauenversteher dürfen die Nase rümpfen, wenn sie der nebenan platzierten Selbstdarstellung des Herrn und Gebieters ansichtig werden. Das imposante, kurz nach dem neckischen Rauchwerk entstandene Porträt zeigt den mächtigen Künstlerfürsten, der nach seiner Erhebung in den Adelsstand die Fünfzig längst überschritten hat. Die blutjunge Gattin könnte mit ihren 16 Jahren seine Enkeltochter sein, doch ist der eigentliche Stein des Anstoßes ein anderer. Auch im sinnenfreudigen Flandern war die Darstellung weiblicher Nacktheit auf die Damen der Mythologie beschränkt, weshalb nach kunsthistorischer Lesart die verführerisch gewandete Grazie wegen ihrer himmlisch schimmernden Pfirsichhaut zu einer übernatürlichen Schönheit verklärt worden ist. Bereits die Zeitgenossen geizten nicht mit diesbezüglichen Komplimenten und stellten Ähnlichkeit mit der Liebesgöttin Venus und der trojanischen Helena fest.

Und ein anderer Makel scheint dem intimen Spätwerk anzuhaften, das so gar nicht in eine Bildergalerie passen will, die mit dem animierenden Titel "...sinnlich, weiblich, flämisch – Frauenbilder rund um Rubens" mehr als das Stammpublikum ins Wiener Kunsthistorische Museum locken möchte. Die liebreizende Besitzerin des Pelzchens entbehrt nämlich der sprichwörtlichen Rubensformen, auch wenn ein paar niedliche Speckröllchen andeuten, dass die Ausbildung molliger Polster nur eine Frage der Zeit ist.

Richtig in die Vollen geht es aber dann doch, und zwar auf dem Rubens-Gemälde "Cimon und Efigenia", das kolossale Fleischgebirge auftürmt und alle Ansprüche an das Rubenssche Schönheitsideal erfüllt. Die Szene stammt aus Boccaccios "Decamerone". Im Halbdunkel des Hintergrunds hat der Bauerntölpel Cimon Stellung bezogen, um unbemerkt die sich wohlig räkelnde Titelheldin und ihre unbekleideten Freundinnen zu beäugen. Wie zufällig trifft ein blinzelnder Blick den lüsternen Gaffer, wodurch die Komposition die nötige Spannung gewinnt. Ansonsten schwelgt der Künstler genüsslich in wogenden Busen und Hüften, wahrlich eine Provokation für heutige Magermodels und Trennkostbefürworterinnen. Hier triumphiert die barocke Fleischeslust als Ausdruck unbändiger Lebensfreude.

Zugleich markiert die Apotheose naturnaher Vitalität den Wendepunkt der dichtgehängten Kabinettausstellung, die sich nun anderen Frauenbildern der Zeit zuwendet. Sittsame Bürgerinnen, fleißige Bauersfrauen und derbe Mägde, antike Heroinen und sogar Hexen aus den Ateliers von Teniers, Brueghel und Ryckaerts treten den Beweis dafür an, dass sich die flämische Sinnenlust zu einem Klischee verfestig hat und alle anderen Frauenrollen in der Epoche des großen Welttheaters überstrahlt.

Ob der männliche Blick, repräsentiert durch herrische Mannsbilder van Dycks und van Egmonts, an der Verfälschung schuld ist, bleibt eine Frage, die auch das einzige von weiblicher Hand geschaffene Bild nur schwerlich beantwortet. Auf ihrem monumentalen Bacchanale schildert Michaelina Woutiers ein wüstes Gelage mit dem betrunkenen Weingott. Die Künstlerin selbst leistet den nackten Kerlen mit entblößter Brust Gesellschaft, wobei sie mit skeptischer Miene den Betrachter anblickt, der nun selbst entscheiden muss, ob sie Opfer ist oder sich als willige Helferin versteht. Die Experten treibt das Rätsel um, woher die Malerin ihre präzisen Kenntnisse der männlichen Anatomie bezog, da doch das Aktstudium dem weiblichen Geschlecht strikt untersagt war.

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