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StartseiteInterview"Rundfunkanstalten sind dafür da, solche Schätze zu heben"14.02.2011

"Rundfunkanstalten sind dafür da, solche Schätze zu heben"

DLF-Kulturchef über den Grammy für das Deutsche Symphonie-Orchester und Rundfunkchor Berlin

Als eine Auszeichnung für innovative Programmpolitik bewertet Matthias Strässner, Leiter Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk, den Grammy für das Deutsche Symphonieorchester (DSO) Berlin und den Rundfunkchor Berlin.

Matthias Strässner im Gespräch mit Peter Kapern

Der Rundfunkchor Berlin will das Panorama der Chormusik erweitern. (Matthias Heyde)
Der Rundfunkchor Berlin will das Panorama der Chormusik erweitern. (Matthias Heyde)

Kapern: Was wir hier hören, ist ein Auszug aus der Oper "L'Amour De Loin" von der finnischen Komponistin Kaija Saariaho, eingespielt vom Deutschen Symphonieorchester Berlin und vom Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Kent Nagano. Zwei Klangkörper, zu deren Trägern das Deutschlandradio gehört. Bei mir im Studio Matthias Strässner, Leiter der Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk und Vertreter unserer Firma in der Gesellschafterversammlung der Orchester. Herr Strässner, die Grammys gelten ja als die begehrtesten Musikpreise der Welt. Wie wichtig ist diese, wie wichtig ist so eine Auszeichnung für ein Orchester und einen Chor?

Matthias Strässner: Ja, für den Chor und für das Orchester ist das in den letzten Jahren ja nicht der einzige Grammy gewesen. Dieses Werk wurde von Kent Nagano gleich in seinem ersten Jahr als Chefdirigent in Salzburg aufgeführt. Und kurz: Dieser Preis ist eine Auszeichnung für die innovative Programmpolitik, die beim DSO und beim Rundfunkchor über Jahre hinweg betrieben wurde. Das war und ist schon immer ein Markenzeichen dieses Orchesters gewesen, seit Ferenc Fricsay, sich zwischen Moderne und Klassik zu bewegen, und der Rundfunkchor Berlin ist inzwischen ein Synonym für "the broadening of this copy of music", also das Panorama der Chormusik zu erweitern, und der Chef, Simon Halsey, hat zurecht erst unlängst dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Kapern: Nun ist ja solche Musik, zeitgenössische Oper, kein Bestseller, leider kein Bestseller, kann man dazu sagen. Ist es geradezu ein Auftrag unserer Orchester, sich um solche Musik zu kümmern?

Strässner: Das genau zeigt das. Es zeigt, dass die Orchester in einer Rundfunk Orchester und Chöre GmbH, die ja, das darf man hier mal sagen, nicht nur von uns, Deutschlandradio, sondern auch vom Bund und vom Land Berlin und von den Kollegen des RBB getragen wird, dass hier ein Kreativpotenzial vorgehalten wird, um solche Werke überhaupt aufzuführen. Und wenn man sich die Liste anschaut der Operaufführungen, die überhaupt dort eingereicht worden sind, da war neben Saariaho "L'Amour De Loin" eben auch noch von Schedrin "The enchanted Wanderer" dabei oder von Arthur Sullivan "Ivanhoe", ein Stück von 1891, ganz selten, keiner hört es. Ja, in der Tat, die Rundfunkanstalten sind dafür da, solche Schätze zu heben.

Kapern: Nun wissen wir ja, dass es im Bereich der U-Musik eine erbitterte Konkurrenz gibt um Prominenz, letztlich um Verkaufserlöse. Ist das auf dem Feld der Orchester und Chöre, auf dem Feld der klassischen Musik ganz ähnlich und ist da ein solcher Preis besonders hilfreich?

Strässner: Das ist im Fokus der Berufs-Ensembles genau gleich. Der Marktwert will täglich national und international neu erkämpft sein. Und ich freue mich deswegen auch, weil diese Beziehung des Deutschen Symphonieorchesters zu Kent Nagano ja überhaupt nicht zu Ende ist mit 2006 - er war ja von 2000 bis 2006 der Chef -, sondern dass diese Zusammenarbeit auch immer noch weitergeht, auch heute noch weitergeht. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Aber diese Konkurrenz ist erbitternd.

Kapern: Nun ist ja, Herr Strässner, Geld knapp. Die öffentlichen Kassen, aus denen auch die Kultur finanziert wird, sind leer. Allerorten muss gespart werden, auch bei der Kultur. Das sieht man überall im Lande. Gilt das auch für die Klangkörper, die in der ROC, der Rundfunk Orchester und Chöre GmbH zusammengefasst sind und zu denen die beiden ausgezeichneten Klangkörper gehören?

Strässner: Ja, das ist ein schwieriges Thema, weil wir hier als Deutschlandradio ja gar nicht Herr des Verfahrens sind und das Geld für diese Ensembles ja nicht drucken können und auch nicht aus den Programm-Mitteln nehmen können. Gerade Deutschlandradio hatte in der Vergangenheit Anlass, darauf hinzuweisen, dass die Finanzierung dieser Ensembles aufgrund der Entwicklung der Rundfunkgebühr über 2014 hinaus durchaus nicht selbstverständlich und schwierig sein wird. Dabei ist die Tatsache, dass die Gebühren nicht steigen werden, nur die eine Facette. Die andere Facette ist, dass für viele Politiker die Förderung der Rundfunk-Orchester und -Chöre nicht mehr zum Kernauftrag des Rundfunks gehört, und es gibt eben eine schleichende Legitimationskrise, der man offensiv begegnen muss. Aber man kann einer solchen Krise nicht besser begegnen als mit Grammys, und das haben das Deutsche Symphonieorchester und der Rundfunkchor auf beeindruckungsvolle Weise getan.

Kapern: Matthias Strässner! Danke für den Abstecher in unser Studio.

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