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StartseiteInformationen am MorgenAuf den Spuren von Karl Marx in London26.07.2019

Rundgang durch SohoAuf den Spuren von Karl Marx in London

Soho hat sich in den letzten 150 Jahren stark verändert: einst Herberge für arme Migranten, heute Szene-Viertel. Unverändert ist jedoch der Einfluss Karl Marx‘. Aus der ganzen Welt kommen mittlerweile Menschen, um ihr Geld in denselben Pubs auszugeben wie er - und um von einer anderen Gesellschaft zu träumen.

Von Friedbert Meurer

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Das Bild zeigt den massiven Grabstein mit der Marmorplatte und der Marx-Büste darauf von vorne. Dahinter Bäume, vor dem Grab drei Menschen. (Christoph Driessen / dpa)
Karl Marx' Grab auf dem Londoner Friedhof Highgate (Christoph Driessen / dpa)
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Dr. Heiko Khoo steht neben dem Brunnen am Piccadilly Circus. Er ist umringt von etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörern, die ihn durch den Stadtteil Soho begleiten wollen. Khoo, 55, trägt ein weißes Hemd, schwarze Weste und eine asiatisch wirkende Pluderhose. Sein Vater kam aus Malaysia zum Studieren nach Oxford und heiratete eine Deutsche. 

Als Karl Marx mit seiner Ehefrau Jenny 1849 in London ankam, war Soho –anders als heute - bitterarm und geplagt von Seuchen.

"Karl Marx verlor drei Kinder, sie starben an Tuberkulose. Heinrich verschied 1850 im Alter von nur einem Jahr, zwei Jahre später Franziska und 1855 starb mit acht Jahren Edgar in den Armen seines Vaters hier in diesem Gebäude gegenüber."

Soho war ein Viertel für mittellose Emigranten. Wir gehen vorbei an grellbunten Musicaltheatern, Kinos und Restaurants. Karl Marx gab das wenige Geld, das er als Korrespondent der New Yorker Zeitung "Daily Tribune" verdiente, gerne in den Pubs von Soho aus. Die Mutter schrieb ihm einen mahnenden Brief nach London.

"Jeder Haushalt, ob groß oder klein, muss sorgfältig auf seine Wirtschaft schauen, rügte sie den Sohn. Seine eigene Weltanalyse hat Marx nicht auf sich übertragen. Sein Motto lautete: Entweder es gibt ein Festmahl oder es herrscht Hunger. Und wenn er Geld bekam, dann war das ein Festtag."

Khoo hat selbst über Marx und China promoviert, er ist Engländer und hat ein paar Jahre in Deutschland gelebt. Jetzt erzählt er einen typischen DDR- Witz, um zu demonstrieren, wie die Bürger in der DDR die Philosophie von Karl Marx auf die Schippe nahmen.

"Sie fragten in Ostdeutschland: Was ist Philosophie? Philosophie ist die Suche nach einer schwarzen Katze in einem schwarzen Zimmer um Mitternacht. Was ist Dialektik? Dialektik ist, wenn ein Mann in dem schwarzen Zimmer um Mitternacht die schwarze Katze sucht, nur die Katze ist nicht da. Er ruft dann trotzdem: Ich hab sie gefunden! Das ist Dialektik."

Mit Inbrunst die Internationale singen

In Chinatown sehen wir kurz darauf einen knallgelben Pikachu als wandelnde Litfaßsäule. Ein Mann kommt unter dem schweren, plüschigen Comic-Kostüm zum Vorschein. Khoo scherzt, da befreie sich gerade jemand von der Entfremdung durch Arbeit. Khoo weiß, dass das Ende der Entfremdung noch etwas dauern wird. Anders als Karl Marx, der voreilig eine Demonstration im Hyde Park für den Beginn der Revolution hielt. 

"150.000 Arbeiter waren da. Marx schrieb nach New York: Ich kann Ihnen ohne Zweifel versichern, die englische Revolution hat gerade im Hyde Park begonnen."

So weit war es noch nicht. In Wahrheit richtete sich der Protest der Arbeiter auch gegen den Moral-Eifer der viktorianischen Gesellschaft, die sonntags die Pubs schließen wollte. 

Khoo selbst träumt auch von einer anderen Gesellschaft, zu Wendezeiten suchte er in Ost-Berlin nach dem menschlichen Sozialismus. Zwischendurch ging er nach Peking, wo er frühmorgens um 5 Uhr am Platz des Himmlischen Friedens stand, nachdem gerade die Panzer die Studenten grausam plattgewalzt hatten. Das war mehr als bitter. Trotzdem hofft er jetzt auf China als Alternative, vielleicht auch wegen seiner asiatischen Herkunft. 

Unsere Tour endet am British Museum. Marx war hier ständig in der Bibliothek zu finden. Die Universallektüre dort und die unmittelbare Anschauung des Manchester-Kapitalismus im England des 19. Jahrhunderts hätten Marx` Lehren entscheidend geprägt. 

Gegen Ende bleibt Heiko Khoo vor einem Haus stehen, in dem die Familie Marx eine Zeitlang wohnte, und überrascht die Teilnehmer der Marx-Tour mit einer Gesangs-Einlage:

Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind verblüfft, dass da auf einmal jemand mit Inbrunst die Internationale singt. Manchmal geht Khoo mit den Teilnehmern der Führung noch in ein Pub, in dem schon Karl Marx sein Ale trank. Das Publikum kommt auch heute aus der ganzen Welt, aus den USA, Südafrika oder Spanien. Und viele geben zu erkennen, warum sie sich auf die Spuren des kommunistischen Vordenkers begeben haben.

"Unser System funktioniert nicht mehr. Wir ruinieren den Planeten. Einige wenige besitzen den ganzen Reichtum und alle rennen ihnen hinterher." 

"Ich komme aus Südafrika. Der ANC und sein Kampf gegen die Apartheid sind sehr vom Denken Karl Marx` beeinflusst worden. Unsere Verfassung ist sehr stark durch das kommunistische Manifest geprägt." 

"Ich halte das für möglich und nicht für eine Utopie. Es ist sehr schwer, aber wir können das. Natürlich halte ich eine Revolution für möglich."

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