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StartseiteKultur heuteAlles andere als eine trockene Geschichtsstunde14.02.2017

Russische Avantgarde-Kunst Alles andere als eine trockene Geschichtsstunde

Mit der Ausstellung "Revolution: Russian Art 1917-1932" zeigt die Royal Academy in London Objekte von Künstlern wie Kandinsky, Chagall und Rodechnko. In ihren Werken spiegelt sich eine Zeit revolutionärer Leidenschaftlichkeit, künstlerischer Erneuerung, aber auch Gleichschaltung wider.

Von Hans Pietsch

Der Innenhof der Royal Academy of Arts in London mit dem Plakat zur Werkschau des chinesischen Künstlers Ai Weiwei 2015 (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)
Der Innenhof der Royal Academy of Arts in London. (Deutschlandradio / Friedbert Meurer)
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Ein rotes Pferd fliegt mit nach hinten geworfenem Kopf über eine bläuliche Hügellandschaft und ein winziges Dorf. Rot ist die Farbe der Revolution, die über das Land fegt. Doch der auf dem Pferd sitzende junge Reiter blickt nicht nach vorne, in die Zukunft, sondern zurück, in die Vergangenheit. Weiss er etwas, das die Bevölkerung noch nicht weiss? Dass die Hoffnung auf eine gerechte und freie Welt schon bald in einer brutalen Diktatur enden wird, der Millionen zum Opfer fallen werden?

Schon acht Jahre nach Lenins Oktoberrevolution von 1917 scheint Kuzma Petrov-Vodkins Gemälde "Fantasie" erhebliche Zweifel anzumelden. Und trotzdem hing es 1932 in der großen Ausstellung im Staatlichen Museum in Leningrad, die "15 Jahre Kunst in der Russischen Sowjetrepublik" vorstellte, und an der sich die Schau der Royal Academy direkt orientiert. 15 Jahre revolutionäre Leidenschaftlichkeit, künstlerische Erneuerung, aber auch Gleichschaltung.

Unerwartetes Nebeneinander

Wie ihre vom Kunstkritiker Nikolaj Punin kuratierte Vorgängerin ist auch diese Ausstellung voller Gegensätze und scheinbarer Ungereimtheiten. Wassily Kandinskys abstrakte Feuerwerke hängen nicht weit von bärtigen Bolschewiken, ein Porträt des gütig dreinblickenden Väterchens Stalin nicht weit von einem fast kubistischen Porträt des Theaterregisseurs Wsewolod Meyerhold, eines der "Schwarzen Quadrate" von Kasimir Malewitsch nicht weit von dem Foto eines muskelbepackten Arbeiters mit nacktem Oberkörper. Dieses unerwartete Nebeneinander von Stilen und -Ismen, von großer Kunst, Mittelmäßigkeit und stalinistischem Kitsch macht die Ausstellung so interessant - alles andere als eine trockene Geschichtsstunde. 

Zu Beginn der Sowjetrepublik verfolgten die künstlerische Avantgarde und die Revolutionäre noch dasselbe Ziel - die Schaffung eines neuen Menschen, einer neuen Gesellschaft. Doch als die Schau von 1932 ihre Tore öffnete, war die Avantgarde am Ende - Stalin hatte den Sozialistischen Realismus als Staatskunst verordnet. Trotzdem durfte Malewitsch noch einen Raum mit eigenen Arbeiten kuratieren, wenn auch versteckt am Ende eines langen Korridors - der Höhepunkt der Schau in der Royal Academy.

Über die Bewunderung für die Avantgarde darf man den wahren Zweck etwa eines Plakats des Designers El Lissitzky von 1919 aber nicht vergessen: "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil" zeigt ein rotes Dreieck, das sich in einen weißen Kreis bohrt. Reinste Propaganda mit konstruktivistischen Mitteln, die Zerschlagung fand dann auch statt.

Porzellan aus der Staatlichen Porzellanmanufaktur

Lissitzky entwarf 1932 auch eine Arbeiter-Wohnung. Ganz Bauhausästhetik, klare Linien, verhaltene Farben. Um die Bewohner aufzufordern, rauszugehen und mit anderen gemeinsam zu essen, hat die Wohnung keine Küche. Und immer wieder Porzellan aus der Staatlichen Porzellanmanufaktur. Dort produzierten Künstler Designs für Teeservice und Vasen - Propagandaszenen ebenso wie abstrakte Muster. Es war für viele die einzige Möglichkeit, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen, einen Kunstmarkt gab es nicht. 

Im Gegenzug kam Sehnsucht nach der Vergangenheit auf, nach dem vertrauten "Mütterchen Russland" mit seinen Birkenwäldern und Zwiebeltürmen. Diese Künstler malten ein Land, das es nicht mehr gab. Die Kollektivierung der Landwirtschaft hatte es vernichtet, nun wurden riesige wogende Getreidefelder und Heu einfahrende blonde Bäuerinnen dargestellt, obwohl die Bevölkerung hungerte.

Der letzte Raum, "Stalins Utopie", ist dann reinster "Kraft durch Freude" - Kitsch: eine muskulöse Kugelstoßerin, Fußballspieler, deren Stärke und Teamgeist zu bewundern sei. Wer nicht so malen wollte wie angeordnet, verließ entweder wie Kandinsky das Land oder wurde mundtot gemacht, verhaftet, gefoltert, getötet. Am Schluss kann man in einem "Raum der Erinnerung", einer Art Mini-Kino, in einer Diaschau Fotos der Menschen an sich vorbeiziehen lassen, die den Terror nicht überlebten. Einer von ihnen war auch Nikolai Punin, der Kurator der Schau von 1932.

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