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Russische Schriftstellerin UlitzkajaTrauer um den Zustand der Krim

Die international erfolgreiche Romanautorin Ljudmila Ulitzkaja kritisiert im Zuge der russischen Präsidentschaftswahl die Folgen der Annexion der Krim vor vier Jahren. "Die Barbarisierung des Landes ist Realität", sagt sie und bedauert den kulturellen Zustand der Region - hofft aber auf ihre Rückgabe.

Von Thomas Franke

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Die russische Schriftstellerin und Kremlkritikerin Ljudmila Ulitzkaja bei einer Lesung in Köln; Aufnahme vom März 2013 (picture alliance / dpa)
Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja beklagt das Verschwinden der ukrainischen Kultur auf der Krim. (picture alliance / dpa)
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Die letzte Amtszeit Putins war eine Zeit der Mythenbildung. Einer dieser Mythen ist der von der Krim, die angeblich schon immer russisch war. Um das zu unterstreichen, bauen die Herrscher dort Denkmäler für General Suworow, der unter Katharina der Großen auf der Krim wütete, oder für den letzten russischen Zaren.

Eine Duma-Abgeordnete von der Krim hat sich dafür eingesetzt, sie hat ein Faible für die russische Monarchie, will sogar gesehen haben, wie eine Zarenbüste auf der Krim geweint hat – wahrscheinlich vor Freude.

Ljudmila Ulitzkaja, international erfolgreiche Romanautorin, war bereits in ihrer Kindheit und Jugend oft auf der Krim. Für die jetzige Situation findet sie harte Worte:

"Die Barbarisierung des Landes ist Realität, eine Tatsache. Die Besetzung der Krim war eine Banditenaktion, hat alle internationale Normen verletzt, ist absolut illegal und unanständig."

"Riesige Vielschichtigkeit der Kulturen"

Seit der Annexion fährt sie nicht mehr. Das, was die Krim einmal ausgemacht habe, sei zerstört:

"Mir scheint, die Magie der Krim besteht in der riesigen Vielschichtigkeit der Kulturen der verschiedenen Völker, die hier gelebt haben: Griechen, Byzantiner, Skythen und so weiter. Jeder Ort der Krim hat seine eigene Mystik. Und jeder, der auf der Krim war, jedes Volk, hat sein Geheimnis hier vergraben. Und wir sind dabei, sie im Laufe der Jahre zu lüften."

Oder eben zu zerstören. Besonders die Kultur der Krimtataren. Die verkommt zur Touristenattraktion. Krimtataren haben die Halbinsel über mehrere Jahrhunderte regiert, bis Katharina die Große sie dem Russischen Reich einverleibte. 1944 wurden sie deportiert und ermordet, konnten erst mit dem Ende der Sowjetunion zurückkehren. Der krimtatarische Dichter Diljawer Osmanow lebt auf der Krim, kann seine Texte aber nur noch im Ausland veröffentlichen: 

"Raben sind auf der Krim gelandet/ In großen Schwärmen kamen sie. / Von Norden eilen noch mehr Wolken / herbei wie schwarze Raben." (Gedichtzitat)

"Mit diesen Raben sind Menschen gemeint, die auf die Krim eingeflogen sind."

UN: Menschenrechtsverletzungen auf der Krim

Die im Gedicht gemeinte Annexion hat viele Opfer gekostet. Die Vereinten Nationen berichten seither über schwere Menschenrechtsverletzungen auf der Krim. Die Repressionen richten sich zwar nicht nur gegen Krimtataren, aus ihren Reihen stammen aber diejenigen, die am lautesten gegen die russische Herrschaft aufbegehren. Dutzende sind in Haft. Wer die Rechtmäßigkeit der Annexion in Frage stellt, macht sich wegen separatistischer Umtriebe strafbar - der alltägliche Zynismus der Ära Putin.

Die russische Propaganda zeichnet das Bild vom Untergang der Sowjetunion als einer Schuld des Westens und bedient den Mythos von der Erniedrigung Russlands, das sich unter Putin von den Knien erhoben und sich geholt habe, was ihm zustehe. Unter anderem die Krim.

"Imperien vergehen"

Ulitzkaja versucht dem entgegenzuwirken, gibt neuerdings gemeinsam mit ukrainischen Schriftstellern Bücher heraus:

"Ich verbringe schon mein ganzes Leben unter sich leicht ändernden, aber widerwärtigen Machthabern. Und da kann ich nur voller Trauer konstatieren: Der Krim geht es heute schlecht."

Trotzdem wird der Raub der Krim vom Kreml immer noch wie ein Coup gefeiert. Ljudmila Ulitzkaja:

"Zu großen Teilen ist das ein imperiales Bewusstsein, das den russischen Menschen in keiner Weise verlassen hat. Aber Imperien vergehen. Man muss Gebiete wieder abgeben."

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