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StartseiteEuropa heute"Sie nennen mich Agentin des Kremls"07.02.2019

Russischer Einfluss in Lettland"Sie nennen mich Agentin des Kremls"

Im lettischen Parlament sind fünf von sieben Parteien eine Koalition eingegangen, um die stärkste Kraft auf Distanz zu halten: die Partei "Harmonie". Vor allem russischsprachige Wähler haben für sie gestimmt. Kommunalpolitikerin Elizabete Krivcova bekommt den Konflikt auch in ihrer Stadt zu spüren.

Von Gesine Dornblüth

Elizabete Krivcova, Kommunalpolitikerin der als russlandfreundlich geltenden Partei "Harmonie" in Jurmala, Lettland (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)
Kommunalpolitikerin Elizabete Krivcova von der als russlandfreundlich geltenden Partei "Harmonie" bringt mit ihren Positionen nicht nur ihre politischen Widersacher gegen sich auf (Deutschlandradio/Gesine Dornblüth)
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Andris Cuda tritt aus der Werkstatt ins Freie. Auf dem Hof des Firmengeländes stehen Klettergerüste und ein bunt bemalter Unterstand mit einem ausgeschnittenen Fenster und lettischen Wörtern an den Wänden. "Dort steht 'einkaufen'. Die Kinder können dort Kaufladen spielen."

Andris Cuda, 35 Jahre, verheiratet, drei Kinder, baut Spielgeräte aus lettischer Kiefer. Der Betrieb am Rand von Jurmala, einem Kurort an der lettischen Ostseeküste, gehört seinem Vater. Er ist der Geschäftsführer.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Bürger oder Besatzer? Lettland und seine russischsprachige Minderheit

Obwohl auch in Jurmala russische Muttersprachler mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellen, hätten nur zwei ihrer 30 Angestellten russische Wurzeln, erzählt Cuda.

"Wer bei uns arbeiten will, muss Lettisch sprechen, andernfalls kann ich nicht sicher sein, dass er die Aufgaben versteht, die ihm zugewiesen werden."

Porträtfoto von Andris Cuda von der rechtspopulistische Partei "Alles für Lettland" (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)Andris Cuda sitzt im Stadtrat von Jurmala für die rechtspopulistische Partei "Alles für Lettland" (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)

"Wir entfernen uns von der lettischen Identität"

Er selbst spricht zwar auch Russisch, zieht aber Englisch vor. Letten und Russen trenne noch mehr als die Sprache, sagt Cuda:

"Was wir für gut halten, halten sie für falsch. Was uns schmerzt, schmerzt sie nicht. Dauernd gibt es Dinge, die die andere Seite nicht versteht. Wir Letten feiern Weihnachten. Russen feiern Neujahr. Das ist okay, aber du hast dann keine Berührungspunkte. Du kannst mit ihnen nicht zur Weihnachtszeit über Tannenbäume reden. Das sind einfache Dinge, aber sie schaffen Distanz."

Lettisch sein – das treibt ihn um. Deshalb ist er in die Politik gegangen. Cuda sitzt im Stadtrat von Jurmala, für die Nationale Vereinigung "Alles für Lettland". Die rechtspopulistische Partei erhielt bei der lettischen Parlamentswahl 2018 elf Prozent und ist Teil der Regierungskoalition. In Jurmala dagegen sitzt die Nationale Vereinigung in der Opposition.

Cuda macht sich auf den Weg zum Rathaus. Er muss zu einer Ausschusssitzung.

"Meiner Meinung nach ist es das Wichtigste für jeden Menschen, seine Wurzeln zu kennen und stolz auf diese Wurzeln zu sein. Wir entfernen uns von der lettischen Identität, und wir fördern eine zweisprachige Gesellschaft. Statt eine starke Nation zu formen, fördern wir ein Land mit zwei Nationen."

Zwischen Villen und Plattenbauten

Cuda fährt durch ein Viertel mit Plattenbauten aus der Sowjetzeit. Die großen Villen und Apartment-Anlagen stehen am anderen Ende der Stadt. Viele gehören reichen Russen aus Moskau oder St. Petersburg. Die Urlauber aus Russland stören Cuda nicht so sehr wie die Russen, die ständig in Lettland leben und schlecht Lettisch können. Seine Partei fordert eine rein lettische Bildung und Erziehung, schon im Kindergarten:

"Aber der Stadtrat mit der jetzigen Koalition fördert die russischen Schulen in Jurmala noch. Das spaltet die Gesellschaft."

Das Rathaus ist ein vierstöckiges Gebäude mit Sitzecken im lichtdurchfluteten Foyer. In Jurmala regieren Grüne und Bauernpartei gemeinsam mit der Partei "Harmonie". Die wird in erster Linie von Russen gewählt, nennt sich zwar neuerdings sozialdemokratisch, gilt aber vor allem als russlandfreundlich. Noch vor kurzem kooperierte "Harmonie" mit der Kreml-Partei "Einiges Russland". Auf Landesebene ist "Harmonie" in der Opposition.

"Viele meiner Gegner nennen mich eine Agentin des Kremls"

Eine Frau kommt, öffnet den Sitzungssaal. Sie wirkt ein wenig streng in ihrem grauen Sakko. Elizabete Krivcova ist russischstämmige Abgeordnete von "Harmonie", kaum älter als ihr Kontrahent Andrijs Cuda von "Alles für Lettland", hat wie er kleine Kinder, spricht wie er Russisch, Lettisch und Englisch, dazu noch Deutsch.

Und sie macht sich gleichfalls Gedanken um Lettlands Schulen. Allerdings ganz andere als Cuda. Jeder Mensch solle, so meint Krivcova, in Lettland frei wählen dürfen, ob er auf Russisch oder auf Lettisch seinen Schulabschluss macht:

"Da ich es für nötig halte, meine Muttersprache und Kultur zu erhalten, nennen viele meiner Gegner mich eine Agentin des Kremls. Sie geben mir zu verstehen, dass ich in diesem System überflüssig bin. Das ändert aber nichts an meiner Überzeugung, richtig zu handeln - im Gegenteil."

Schulunterricht nur noch auf Lettisch

Ab dem übernächsten Schuljahr soll in höheren Klassen nur noch auf Lettisch unterrichtet werden. Das hat die Saeima, das Parlament Lettlands, beschlossen. Die Partei Harmonie klagt dagegen und Elizabete Krivcova hat die Klage vorbereitet.

Sie bringt mit ihren Positionen nicht nur die Vertreter von "Alles für Lettland" gegen sich auf. Krivcova taucht seit Jahren in den Berichten der lettischen Sicherheitsbehörden auf. Dort heißt es, sie vertrete russische Interessen und verbreite ein russisches Geschichtsbild. Krivcova sieht diese Vorwürfe gelassen, erzählt sie nach der Sitzung auf dem Weg zu ihrem Auto:

"Meiner Bildung und meinen Überzeugungen nach bin ich viel europäischer als die Partei 'Alles für Lettland'. Soziologisch gesehen gibt es auch keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Russen und Letten. Wir alle kommen aus der Sowjetunion, wir alle wollen dichter an das Zentrum Europas heran. Das sind ganz ähnliche Werte, der Unterschied ist nur, dass wir über diese Werte in unterschiedlichen Sprachen reden."

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