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StartseiteKommentare und Themen der WocheEindeutigkeit ist selten, Ambivalenz dagegen die Regel03.04.2021

RusslandEindeutigkeit ist selten, Ambivalenz dagegen die Regel

Russland - zu groß, zu vielschichtig und zu rätselhaft, um verstanden zu werden. Mit einer solchen Auffassung mache man es sich als Betrachter des Landes zu einfach, kommentiert Dlf-Russlandkorrespondent Thielko Grieß. Vieles sei zwar fremd und mühselig zu verstehen – aber es sei möglich.

Ein Kommentar von Thielko Grieß

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Die Basilius-Kathedrale reflektiert in einer Pfütze (picture alliance/dpa/Sputnik - Vladimir Astapkovich)
Die Basilius-Kathedrale im Machtzentrum Russlands: Moskau (picture alliance/dpa/Sputnik - Vladimir Astapkovich)
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Vom russischen Diplomaten und Dichter Fjodor Tjuttschew sind aus dem Jahr 1866 gereimte Zeilen überliefert, die sinngemäß lauten, Russland sei nicht zu verstehen und auch nicht mit einem gewöhnlichen Maßstab zu vermessen. Es habe seine eigene Gestalt. Man könne daher nur an Russland glauben.

Wenn Russen dieses Zitat aus dem Zarenreich aufwärmen, ist das natürlich in Ordnung: Es ist ja ihr Land und ihr Dichter. Aber das Zitat findet sich auch zuverlässig im Small Talk unter Deutschen. Das Land sei einfach zu groß, zu weit, zu vielschichtig, zu mythisch und zu rätselhaft, um verstanden zu werden, heißt es da schnell. Ich glaube, damit macht man es sich viel zu einfach. Es stimmt zwar, dass Vieles fremd und mühselig zu verstehen ist, gerade hier. Aber möglich ist es.

Proteste in Chabarowsk (AP Photo/Igor Volkov) (AP Photo/Igor Volkov) Ein halbes Jahr vor der Duma-Wahl
Kritische Bürger haben in Russland immer weniger Freiräume. Mit repressiven Gesetzen will die Putin-Partei "Einiges Russland" ihren Sieg bei der Duma-Wahl im Herbst sichern.

Korrupte Clique regiert

Im dritten Jahrzehnt der Regentschaft Wladimir Putins ist von Kaliningrad bis Kamtschatka sichtbar: Das größte Flächenland der Welt wird im Kern von einer korrupten Clique regiert, die sich an seinen unfassbar vielen Schätzen maß- und schamlos bereichert und in ihrem ebenso grenzenlosen Geiz die breite Bevölkerung auf der Stelle treten lässt.

Eine Folge der extremen Ungleichheit an Macht, Chancen und Wohlstand ist: Das Land und die meisten seiner Menschen darben. Als vor einem Jahr auch noch die Pandemie über Russland herfiel, weigerte sich der Staat, den Leuten die Möglichkeit zu einer längeren Isolation zu geben, sich also vor dem Erreger zu schützen. Es gibt so gut wie keine finanzielle Unterstützung. Also ging das Leben schnell so weiter wie gehabt. Heute ist von Einschränkungen kaum noch etwas zu spüren.

Diese Strategie steigert zweifellos die Lebensqualität der Überlebenden und verhindert, dass deren Frust immer weiter zunimmt. Doch die Kehrseite dieser Politik, dank derer die Starken überleben und die Schwachen auf der Strecke bleiben, ist: Auf russischen Friedhöfen liegen inzwischen rund 400.000 Menschen, die das Virus dahinraffte.

Kleptokratische Autokratie wird mit einer demokratischen Tünche versehen

Diese gewaltige Zahl ruft keinerlei gesellschaftliche Resonanz hervor. Es gibt keine bohrenden Fragen an die Regierenden. Warum ist das so? Eine grundlegende Antwort lautet: Die Polittechnologen des Kremls sind Profis, und sie sind sehr erfolgreich. Ihr Geschäft ist es, die kleptokratische Autokratie mit einer demokratischen Tünche zu versehen. Selbstverständlich nutzen sie nicht die keifende Holzhammerpropaganda, die man vielleicht aus Nordkorea kennt, sondern feine Instrumente dieses Jahrhunderts.

Sie lassen Wahlen abhalten, deren Ergebnis schon vorher feststeht. Sie lenken die Gewinne aus dem Rohstoffhandel nach Moskau und verteilen diese nach einem Schlüssel, der ihnen Loyalität sichert. Die Polittechnologen steuern die Inhalte in alten und in neuen Medien. Und es kommen ständig neue Instrumente hinzu, zum Beispiel, um Russland immer weiter vom intellektuellen Austausch mit der Welt abzuschotten.

Und wenn sonst nichts hilft, dann stehen stets Gummiparagrafen und eine willfährige Justiz bereit, um Widersacher wegzusperren. Scheitert auch das, gibt es ja noch das Nervengift Nowitschok.

Russland ist lebendiger, als man annehmen könnte

Ein Wunder irgendwie, dass Russland trotzdem viel lebendiger ist, als man vielleicht annehmen könnte. Wer allerdings unter den herrschenden Bedingungen das Farbige, das Lebendige, Kreative, gar das Irritierende ausprobieren will, der braucht Mut. Doch je stärker der Druck von oben, desto stärker der widerständige Mut von unten. Deshalb gibt es ungezählte Menschen, übrigens oft Frauen, die der Vereinzelung und Zurückgezogenheit der Mehrheit ihre Stirn bieten. Sie retten andere Frauen, die der inzwischen weitgehend straffreien häuslichen Gewalt zu entfliehen versuchen, sie versorgen Arbeitsmigranten, die unter oft entwürdigenden Umständen schuften, sie erinnern unermüdlich an das Schicksal politischer Gefangener.

Russische Kontraste fallen viel schärfer und schroffer aus als Kontraste in Deutschland. Tiefe Müdigkeit und berstende Lebensfreude, erschütternde Traurigkeit und weitest geöffnete Herzen, lebensgefährdende Wurstigkeit und präzise Perfektion liegen stets untrennbar beieinander, übereinander, untereinander. Man hat einen verschlungenen, oftmals schwierigen russischen Knoten vor sich.

Darin liegt die eigentliche Aufgabe für einen Betrachter dieses Landes: Eindeutigkeit ist selten, Ambivalenz dagegen die Regel. Die allerdings ist gut zu beschreiben, zu vermessen und sogar zu verstehen. Man muss diese Ambivalenz nur aushalten.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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