Freitag, 20.09.2019
 
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Russland in SchwierigkeitenIm Sinkflug

Russland sei wie ein Großflugzeug, das auf seinem Langstreckenflug ständig an Höhe verliere, kommentiert Thielko Grieß. In der Business-Class sei dabei allen verhältnismäßig egal, was hinten passiere. Wer sich in der einfachsten Sitzklasse traue, das Wort zu erheben, werde schnell in Handschellen abgeführt.

Von Thielko Grieß

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Der russische Präsident Wladimir Putin verlässt das Regierungsflugzeug. (AFP/ Andreas Solaro )
Russland - wie ein Flugzeug im Sinkflug. Ab und an melde sich der Kapitän und verspreche, Unwetter zu umfliegen, meint Thielko Grieß. (AFP/ Andreas Solaro )
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Russland ähnelt einem geräumigen Großflugzeug, das auf seinem Langstreckenflug beständig an Höhe verliert. Die Probleme nehmen zu, und wer sich in der Kabine umschaut, vor allem im hinteren Teil, der kann das auch sehen.

Vorn in der edlen Business-Class allerdings ist es verhältnismäßig egal, was hinten passiert. Hier geht es ums Geschäft, und das läuft in manchen Branchen weiter hervorragend. So wie bei Rosatom, dem staatlichen Atomkonzern. Dessen Geschäftsmodell, aus spaltbarem Brennstoff viel Energie und Geld zu generieren, funktioniert in der Bilanz sehr gut. Aber in der Bilanz ist nicht enthalten, welche Kosten auf lange Sicht entstehen.

So wird seit Neuestem in einem abgelegenen Bereich, hinten auf den Economy-Plätzen, wo von den Business-Passagieren kaum jemand je war, ein neuer Marschflugkörper getestet. Nun ist wohl bei einem Unfall Radioaktivität ausgetreten, aber die weht nun eben über ein paar der hinteren Sitzplätze, wo ein paar Provinztrottel sitzen. Die Ledersitze vorn erreicht sie nicht.

Auch in der einfachsten Sitzklasse wird es unruhig

Weil die Business Class aber auch ständig ihren Müll achtlos nach hinten wirft, und nun in einem Bereich ein Feuer lodert, es aber keine Feuerlöscher gibt, wird es auch in der einfachsten Sitzklasse unruhig. Wer aufsteht, um eine Rede zu halten, wird jedoch rasch mit Handschellen abgeführt und verschwindet für einige Zeit in der Bordtoilette. Die Flugbegleiter sind gut bewaffnet und können schalten und walten, wie sie wollen.

Die meisten Passagiere vermeiden es daher, den Kopf allzu weit herauszustrecken. Sie bleiben passiv. Im Bordprogramm, das pausenlos läuft, wird viel darüber gesprochen, wie viel besser doch das Leben im Flugzeug ist als außerhalb.

Ab und an meldet sich der Kapitän. Er verspricht, Unwetter zu umfliegen, warnt vor feindlicher Umgebung und stellt in Aussicht, das Leben an Bord schöner und komfortabler für alle werden zu lassen. Das hat er schon oft versprochen, was aber eine Mehrheit nicht davon abhält zu klatschen. Ihr ist es lieber, diesen Kapitän zu haben und einen zugewiesenen Sitzplatz, von dem sie ihr Leben lang nicht wegkommen. Das Überleben ist in diesem Flugzeug ist auf den harten Sitzen der Economy Class ohnehin anstrengend genug.

Je größer die Probleme in der einfachen Klasse werden, desto entschiedener ziehen die Privilegierten vorn in der Business Class, wo auch die Politelite Beinfreiheit und Sonderausstattung genießt, die Gardine zu, um nicht nach hinten sehen zu müssen. Sie geben sich dem Glauben hin, mit diesem großartigen Flugzeug voller Ressourcen könnten sie ewig fliegen.

Die Elite der Reichen darf die Holzklasse ausbeuten

Denn das ist der Pakt, den sie mit dem Kapitän geschlossen haben: Der hat unmissverständlich klar gemacht, nur er sei gewählt, das Flugzeug zu steuern. Die Elite der Reichen und Mächtigen hinter ihm darf derweil die Lebensgrundlagen der Holzklasse ausbeuten. Deshalb brennen Millionen Quadratkilometer Wald in Sibirien, deshalb wird mit atomaren Produkten so sorglos umgegangen. Wenn es mal schief geht und ein Flecken russischer Erde verseucht, verbrannt und unbewohnbar wird, gibt es ja noch genügend andere – so meint man vorn gleichgültig.

Nur so ist es zu erklären, wie die Behörden und der Konzern Rosatom mit den Anwohnern des Raketentestgeländes umspringen: Erst sprechen sie von erhöhter Strahlung, dann widerrufen sie ihre Aussage, um sie wenig später dann doch wieder einzuräumen.

Es mag einigen mutigen Wahrheitssuchenden irgendwann gelingen, die wenigen Details so zusammen zu fügen, dass bekannt wird, was geschehen ist. Eine Kursänderung des weiter langsam sinkenden Flugzeugs erreichen sie nicht. Aber es ist auch bekannt, was passiert, wenn von den hinteren Reihen doch einmal mehr Menschen aufstehen, die sich nicht mehr in die Bordtoilette sperren lassen. Das Flugzeug könnte aus der Balance geraten.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

  

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