Montag, 26. September 2022

Kommentar zur Teilmobilmachung
Eine Entscheidung, die Putin keinen Erfolg bringen wird

Was in der Ukraine geschah, sei für die Bevölkerung in Russland bisher Nebensache gewesen, kommentiert Florian Kellermann. Diese Stimmung dürfte sich durch die Ankündigung der Teilmobilmachung nun radikal ändern. Die Zustimmung zum Krieg werde schrumpfen.

Ein Kommentar von Florian Kellermann | 21.09.2022

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Gavriil Grigorov)
Wladimir Putin hat zur Nation gesprochen – und alles sollte so aussehen, wie am 24. Februar, als der Großangriff auf die Ukraine begann. Der Präsident am Schreibtisch, links die blau-weiß-rote russische Flagge, rechts eine Flagge mit dem goldenen Doppeladler.
Das Signal: Wir stehen wieder vor einem historischen Umbruch. So will Putin die Teilmobilmachung verstanden wissen. 300.000 Männer können nun an die Front geschickt werden.
Eine Zahl, die Eindruck machen soll. Ebenso wie die Drohung mit dem russischen Atomwaffenarsenal. Putin griff hier zu noch schärferer Rhetorik als sonst. Er machte der NATO den absurden Vorwurf, mit einem Nuklearschlag gegen Russland zu drohen – und lieferte damit schon einen Vorwand für einen eigenen Atomangriff.

Putin blufft – entgegen seiner Worte

Aber sollte man sich also beeindrucken lassen? Die Ukrainer tun es nicht. Der Tenor in Kiew: Eigentlich nichts Neues, wir befreien weiter wie gehabt unsere Gebiete. Genau das ist die richtige Haltung. Denn könnte Putin mit seiner Atomdrohung die Ukraine zur Kapitulation zwingen, dann könnten Atommächte mit Staaten, die sich nur konventionell wehren können, grundsätzlich tun und lassen, was sie wollen. Zudem weiß Putin, dass die USA einen Atomschlag nicht unbeantwortet lassen würden. Er blufft also – entgegen seiner Worte.
Und die 300.000 frischen Soldaten? Die kann Putin nicht einfach so an die Front schicken. Sie müssen eingezogen, ausgerüstet und irgendwie vorbereitet werden. Es wird viele Wochen dauern, bis größere Gruppen von ihnen an der Front kämpfen.
Dort werden sie die riesigen Lücken füllen, die der Krieg in den russischen Bataillonen gerissen hat. Allerdings mit weniger Motivation. Denn wenn diese Menschen kämpfen wollten, dann hätten sie sich freiwillig gemeldet. Die russischen Einheiten in der Ukraine werden nicht stärker, sondern nur länger am Leben gehalten.

Das unausgesprochene Abkommen

Für den Krieg in der Ukraine bedeutet die russische Teilmobilmachung deshalb eine neue Phase, aber keinen Umbruch. Wohl aber für Russland selbst. Putin hatte ein unausgesprochenes Abkommen mit der Gesellschaft: Ihr lasst mich autoritär regieren und mich bereichern, dafür lasse ich euch in Ruhe, solange ihr euch nicht politisch engagiert. Das galt bisher auch im Krieg.
Die allermeisten Russen lebten ihr Leben einfach weiter. Was in der Ukraine geschah, blieb für sie Nebensache. Diese Stimmung dürfte sich nun radikal verändern – und die Zustimmung der Menschen zum Krieg in der Ukraine schrumpfen. Wohl deshalb war in Putins jüngster Ansprache eben doch manches anders als im Februar: Der Präsident stützte sich vorgebeugt auf der Tischplatte ab. Auf seiner Stirn – tiefe Falten. Putin hat eine Entscheidung getroffen, die weiteren Tausenden den Tod, ihm aber keinen Erfolg bringen wird. Das scheint er zumindest schon zu ahnen.
Porträt: Florian Kellermann
Porträt: Florian Kellermann
Florian Kellermann, geboren 1973 in Nürnberg, hat an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau Philosophie und Slawistik studiert. Seit vielen Jahren berichtet er aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Von 2015 bis 2021 war er Osteuropa-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Warschau. Seit Mai 2021 ist er Russland-Korrespondent. Sein Berichtsgebiet umfasst auch Belarus und die Staaten der Kaukasusregion.“